Spende

»Schule unserer Seelen und Herzen«

Es war ein außergewöhnliches Ereignis, das am vergangenen Sonntag im und vor dem Gemeindezentrum am Jakobsplatz gefeiert wurde – »ein historischer Tag, an dem die Familie Stopnitzer einen besonderen Koved mit uns und mit der ganzen IKG teilt«, wie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte. Eine neue Torarolle wurde eingeweiht und feierlich in die Ohel-Jakob-Synagoge eingebracht, gestiftet von David Stopnitzer und seiner Familie.

»Unsere Hauptsynagoge wird heute ein weiteres Mal bekrönt: mit der Übergabe einer Sefer Tora als schönstem und wertvollstem Schmuckstück jeder jüdischen Gemeinde«, unterstrich die IKG-Präsidentin und erinnerte an die Worte des langjährigen sefardischen Oberrabbiners von Israel, Ovadja Josef, »wonach die Tora überall dort, wo sie sei, eine ganze Welt erhalte. Eine noch größere Zierde für unser Haus als diese neue Torarolle kann deshalb auch nur die Großzügigkeit sein, die ihre Spende erst ermöglicht hat«.

Andenken Diese geht auf David Stopnitzer und seine Familie zurück, die über Generationen hinweg mit Rat und Tat am Aufbau der IKG mitgewirkt haben – und dies auch heute noch in besonderem Maße tun. Der Spender bekannte: »Lange habe ich diesem heutigen Tag entgegengesehen. Seit vielen Jahren spielen wir – vor allem meine Frau als treibende Kraft – mit dem Gedanken, eine Tora im Andenken an unsere Eltern und Verwandten sel. A. schreiben zu lassen.« Er zitierte die rabbinischen Weisen, wonach die Welt auf drei Dingen steht: auf der Tora, auf Gottesdienst und auf guten Taten.

Die Familie hatte die Tora bei dem Sofer Moshe Chanoch Rosenstrauch in Israel in Auftrag gegeben. Fast zwei Jahre dauerte es, bis er die 304.805 Buchstaben zu Pergament gebracht hatte. In München führte der Sofer dann ausgewählten Personen die Hand bei der Setzung der letzten Buchstaben, allen voran David Stopnitzer.

Für diesen ist die Tora »die Schule unserer Seelen und unserer Herzen. Sie lehrt uns, und sie hilft uns, a Mentsch zu sein«. Nur darum gehe es. »Unser ganzes Leben lang, an jedem einzelnen Tag, zu jeder Zeit. Und jetzt erst recht«, sagte Stopnitzer.

dank Die neue Tora ist seinen Eltern und Schwiegereltern gewidmet, den Verwandten, »die aus uns die Menschen gemacht haben, die wir heute sind. Wir sind ihnen sehr zu Dank verpflichtet und versuchen, unseren Kindern und Enkelkindern alles weiterzugeben, auf dass sie anständige und offene Menschen sein mögen«.

In ihrer Ansprache erinnerte Charlotte Knobloch an Josef und Esther Stopnitzer sel. A. Als sie »Ende der 40er-Jahre in dieser völlig zerstörten Stadt ankamen, waren sie zunächst nur zwei Displaced Persons unter vielen Tausenden. Nur wenige Jahre nach der Befreiung waren sie wie alle anderen voller Wünsche und Hoffnungen. Nur eines hatten sie damals ganz sicher nicht vor: in München zu bleiben«. Dass es am Ende doch so kam, sei »für uns alle heute ein besonderes, großes Glück«.

In ihrer Ansprache erinnerte Charlotte Knobloch an Josef und Esther Stopnitzer sel. A.

Ihre Kinder David, Helene und Hanna wuchsen in der bayerischen Hauptstadt auf. Sie lernten eine jüdische Gemeinschaft kennen, die langsam wieder Wurzeln schlug. Dass diese alle Herausforderungen bewältigt hat, verdanke die IKG dem Engagement und dem Geist von Mitgliedern wie ihnen, betonte Charlotte Knobloch.

Erfolg sei damals wie heute nur möglich gewesen, weil es Menschen gab, die bereit waren und sind, im Buch der Gemeinde beherzt die nächsten Kapitel zu schreiben – und zwar selbst dann, wenn das für sie mit Mehraufwand, Zeitverlust und auch mit Kosten verbunden war. Das habe Josef und Esther Stopnitzer nie abgeschreckt, erinnerte sich Charlotte Knob­loch, ebenso wenig wie ihre Kinder.

»Werte wie Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, wie Bestimmtheit in der Sache und Aufrichtigkeit im Herzen; wie Ehrlichkeit und Güte und die Fähigkeit, sich niemals beirren zu lassen. Und schließlich ein ausgeprägter, fast übermenschlicher Fleiß, den nichts aufhalten konnte«, sagte Knobloch. All dies hätten die beiden weitergegeben: »Und all das begründet bis heute die großartigen Leistungen der Familien Stopnitzer, Zweifler, Muallem und Stopnitzer-Hornik.«

leistung Diese besondere Leistung wurde mit vielen Freunden aus der Kultusgemeinde gefeiert. Die Menschen waren begeistert, als die bisherigen Torarollen auf den Jakobsplatz gebracht wurden, um gemeinsam mit der neu gestifteten Rolle in die Synagoge einzuziehen.

Nachdem der letzte Buchstabe in der neuen Tora geschrieben war, wurde sie unter das Zeltdach auf dem Jakobsplatz gebracht. Voller Freude begrüßten die Gäste hier den neuen Schatz der Gemeinde, ebenso wie die bereits vorhandenen Rollen, die hier die Gemeinsamkeit unterstrichen. Und so wurde dieser Moment nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in den Herzen der Menschen zu einem besonderen und stolzen Tag für die Israelitische Kultusgemeinde.

Jede einzelne Tora, so betonte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, »ist nicht nur ein Grundpfeiler unseres Glaubens und ein Fels unserer Tradition. Sie ist auch ein Zeitstempel ihrer Entstehung – und eine unübersehbare und unauslöschliche Erinnerung an die Menschen, denen wir sie verdanken«.

festakt Gemeinsam ging es dann in die Ohel-Jakob-Synagoge, wo der große Festakt stattfand. Die neue Torarolle wurde erst einmal durch den Raum getragen, bevor die erste Lesung aus ihr erfolgte. Die Bima war dabei mit einer Chuppa überdacht. Denn die Einweihung einer neuen Tora in einer Synagoge ist wie eine Hochzeit, erklärte David Stopnitzer: »Die Tora ist die Ketuba, also der Ehevertrag zwischen uns allen, dem jüdischen Volk als Braut und Gott als Bräutigam.« Sie zu lernen und die Gebote mit Gefühl und Vergnügen zu erfüllen, stärke die Nachhaltigkeit des Judentums.

Musikalisch umrahmt vom »Soul Key Choir« sprachen zunächst Rabbiner Shmu­el Aharon Brodman und der eigens aus Montreal angereiste Rabbiner Usher Grünfeld sowie Sofer Moshe Chanoch Rosenstrauch, IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und David Stopnitzer.

Anschließend feierten die Gäste im Gemeindehaus bei reichlichem Essen und Musik, unter anderem mit Oberkantor Shmuel Barzilai aus Wien und dem Soul Key Choir.

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