Rendsburg

Schul, Fischräucherei, Galerie

Sammlerin Elisabeth Bönsch und Museumsleiter Carsten Fleischhauer mit einem Selbstbildnis von Ludwig Meidner Foto: Heike Linde-Lemke

Wann ist ein Maler jüdisch? Wenn er Jude ist? Oder erst, wenn er in seinen Werken jüdische Themen verarbeitet? Darüber wird derzeit im Jüdischen Museum Rendsburg diskutiert, das die Reihe von Veranstaltungen zu seinem 30‐jährigen Bestehen mit der Ausstellung Ludwig Meidner. Im Nacken das Sternenmeer eröffnet und damit das Werk des am 18. April 1884 in Schlesien geborenen jüdischen Malers und Zeichners, Dichters und Schriftstellers ehrt.

Auch das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist Anlass für die Schau, denn Meidner diente von 1916 bis Kriegsende als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager und verarbeitete seine Erlebnisse in eindringlichen Grafiken und Zeichnungen.

Die Lithografien veröffentlichte er in seinen Prosabänden Im Nacken das Sternenmeer und Septemberschrei. Hymnen – Gebete – Lästerungen, in denen er die Frage nach der Anwesenheit Gottes während des Krieges stellte. Die Zyklen bilden den Mittelpunkt der Ausstellung mit 80 Bildern und Original‐Grafiken aus der Kunstsammlung des Ehepaares Elisabeth und Hans‐Joachim Bönsch aus Wolfsburg.

Kriegswahn
Doch nicht allein das Jüdische in Ludwig Meidners Werk ist Thema, sondern auch seine bildnerischen Erzählungen über den Wahn des Ersten Weltkriegs und seine Blätter über die wilden 20er‐Jahre in Berlin und Dresden, die er in satirischen Szenen aus Kaffeehäusern darstellte.

Ludwig Meidner hat seine Familie und zahlreiche Freunde porträtiert, darunter Bella, die Ehefrau von Marc Chagall, den expressionistischen Dichter und späteren DDR‐Kulturminister Johannes R. Becher und immer wieder sich selbst. Zudem wandte er sich immer mehr seinem Jüdischsein zu, bis zur Orthodoxie. Er suchte nach Inspiration, doch es dauerte noch acht Jahre, bis seine Hinwendung zum Judentum sich auch in seinen Arbeiten niederschlug.

Von den Nazis wurden die Werke des jungen Ludwig Meidner zuerst als »entartet« diffamiert. Dann wurde er selbst geächtet, verfolgt und vertrieben – weil er Jude war. Der NS‐Verleger und -Publizist Theodor Fritsch nannte Meidner in seinem Handbuch der Judenfrage 1936 »führender Kunstjude«. 1939 flüchtete Ludwig Meidner mit seiner Ehefrau nach London. Doch heimisch wurde er dort nicht. Zu sehr fehlte ihm die deutsche Sprache.

Denn er war nicht nur ein charaktersicherer Maler und Zeichner, er war auch ein Sprachjongleur, wie seine Gedichte zeigen. Ein Schlüsselwerk ist das Bild »Hag’boho – Emporheben der Tora«, das er 1944 als aquarellierte Kreidezeichnung wahrscheinlich für seine Londoner Gemeinde Golders Green Beth Hamedrash and Lincoln Institute anfertigte und in dem er sich selbst auf der rechten Seite ins Bild schmuggelte, als Einziger ohne Tallit.

Rückkehr 1953 kehrte er nach Deutschland zurück. »Ich weiß nicht, ob Deutschland noch der Ort sein kann, wo Juden in größerer Zahl existieren und arbeiten können. Aber ich selbst kann nur leben, wo man Deutsch spricht und schreibt«, erklärte er damals. Zuerst zog er in ein jüdisches Altersheim in Frankfurt am Main, dann in ein Atelier in Hofheim am Taunus. 1963 zog er nach Darmstadt, wo er am 14. Mai 1966 starb.

»Wir haben das Werk Ludwig Meidners in den 80er‐Jahren entdeckt«, sagt Elisabeth Bönsch, deren Sammlung 180 Blätter und zwei Skizzenbücher umfasst. »Die Auswahl war eine spannende Herausforderung, denn wir können nicht einmal die Hälfte der Exponate zeigen«, sagt Museumsleiter Carsten Fleischhauer, der die Ausstellung kuratiert hat.

Museumsgeschichte Das Jüdische Museum Rendsburg hat eine bewegte Geschichte als Synagoge der Rendsburger Juden. Nach der Pogromnacht von 1938, in der der Toraschrein gesprengt wurde, zwangen die Nazis die Juden, das Ensemble an eine Fischräucherei zu verkaufen. Die Synagoge konnten sie glücklicherweise nicht sprengen, weil sie mitten im Wohnbereich lag. 1942 hatte das Régime die Jüdische Gemeinde Rendsburg vernichtet. Bis heute.

1979 schloss die Fischräucherei, 1985 richtete die Stadt ein Kulturzentrum ein, 1988 das Museum. 1991 wurde es durch das Julius‐Magnus‐Haus im Innenhof für Sonderausstellungen, Bibliothek, Medienraum und Archiv erweitert. Magnus war der letzte jüdische Gemeindevorsteher. Das Ensemble ist nach dem Arzt Ernst Bamberger benannt, der sich der Deportation wie Magnus durch Selbstmord entzogen hatte.

toleranzstadt Heute ist das Museum Baudenkmal, Gedenkstätte und Ausstellungshaus zugleich und mittlerweile der zentrale Ort für die Erforschung und Vermittlung jüdischer Kultur und Geschichte im Norden. »Jetzt wollen wir das Museum neu aufstellen«, sagt Carsten Fleischhauer. Das Ensemble mit dem ehemaligen Betraum für 100 Männer und der Frauenempore für 40 Frauen soll als authentischer Mittelpunkt noch intensiver an das ehemalige jüdische Zentrum erinnern. Auch eine Mikwe ist erhalten. Zudem gehörte zur Synagoge eine Talmud‐Tora‐Schule.

Ihre Blütezeit erlebte die jüdische Gemeinde im 17. Jahrhundert, als Rendsburg noch eine dänische Toleranzstadt war.
Zurzeit entsteht eine Station zum Erinnern und Weiterdenken. Dafür bitten Carsten Fleischhauer und sein Team die Bürger, dem Museum leihweise oder dauerhaft Objekte zu überlassen, beispielsweise Kultgegenstände wie Menorot, Mesusot, Kippot, Tallitot, Feiertagsgegenstände oder Bücher, Postkarten, Reisesouvenirs, Fotos und Briefe, die auch an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Eine zweite Station widmet sich der Familienforschung und Geschichten, die über Generationen weitergegeben werden.

Gegenstände für die neue Museumsstation können bis Dezember dienstags bis samstags von 12 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 17 Uhr abgegeben werden.

Der Katalog zur Ludwig‐Meidner‐Ausstellung, 124 Seiten, viele Farbabbildungen, kostet 19,90 Euro.

Oldenburg

Verborgen im Stadtmuseum

Die Jüdische Gemeinde erhält den Grundstein der 1938 zerstörten Synagoge zurück

 19.06.2019

Erfurt

Wort und Wahrheit

Eine Vortragsreihe beschäftigt sich mit der Bedeutung von Schrift und Sprache im jüdischen Leben

 19.06.2019

Porträt der Woche

»Es ist kompliziert«

Paula‐Irene Villa Braslavsky ist Genderforscherin in München und tanzt gerne Tango

von Till Schmidt  19.06.2019