Jugendkongress

Rendevous mit der Zukunft

Diskutieren, Kennenlernen, Netzwerken: Teilnehmer beim Jugendkongress in Weimar 2011 Foto: Rafael Herlich

Für Juden in der Bundesrepublik war Israel lange Zeit der große Sehnsuchtsort. Deutschland blieb Durchgangsstation, die viel zitierten Koffer waren stets griffbereit. Inzwischen sind sie längst ausgepackt – trotz ungezählter Antisemitismusdebatten und einem mal mehr, mal weniger stark ausgeprägten Judenhass hierzulande.

Welchen Stellenwert Israel angesichts dieser Entwicklung für junge deutsche Juden noch hat, ist das zentrale Thema des Jugendkongresses, der am heutigen Donnerstag in Berlin beginnt. »Die Bedeutung Israels für uns« lautet das Motto der viertägigen Veranstaltung, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) organisiert wird.

Wie bei den vorangegangenen Jugendkongressen werden auch dieses Jahr wieder Teilnehmer zwischen 18 und 35 Jahren erwartet. Rund 400 junge Erwachsene aus ganz Deutschland treffen sich, um neue Kontakte zu knüpfen, drängende Themen zu diskutieren und sich auszutauschen.

Es sind unter anderem diese Aspekte, die Zentralratspräsident Dieter Graumann ganz besonders am Herzen liegen. »Das Treffen mit den jungen Erwachsenen bedeutet mir persönlich wirklich sehr viel«, betont er. »Ich sehe darin nämlich ein Rendezvous mit der blühenden Zukunft unserer jüdischen Gemeinschaft.« Graumann möchte den jungen Erwachsenen signalisieren, dass ihm ihre Anliegen und Meinungen wichtig sind. »Nur gemeinsam können wir ein selbstbewusstes und starkes Judentum gestalten, das künftig noch weiter positiv über sich hinauswachsen wird.«

Spirit Der Jugendkongress sei dabei nicht bloß ein Zusammentreffen junger Menschen, sondern ein Zusammenfinden jüdischer Kräfte, das sich durch Zusammenhalt und jüdischen Spirit auszeichne, meint Graumann. »Ich selbst gewinne bei solchen Begegnung immer am allermeisten. Denn ich bekomme dort so viel an Kraft und Inspiration. Ich hoffe, dass die Teilnehmer diese Erfahrung auch mit nach Hause nehmen und sie in ihren Herzen tragen. Ich tue dies definitiv.«

»Überraschend cool« fand der 23-jährige Jurastudent Mike Delberg seine erste Teilnahme in Weimar. Der Berliner besucht jetzt zum zweiten Mal den Jugendkongress. Das Thema des Treffens hingegen findet er wenig überraschend. »Mein Eindruck ist, dass zur Bedeutung Israels für uns bereits alles gesagt wurde.« Das Grundproblem für Juden in Deutschland sei nach wie vor, dass Israel hier überkritisch gesehen werde, sagt Delberg. Dadurch sieht er sich oft automatisch in der Rolle eines Anwalts für Israel wieder. »Das kann unheimlich anstrengend sein und ist auch nicht immer ganz leicht, aber wer, wenn nicht wir, soll hier den jüdischen Staat verteidigen?«

Für Benjamin Bloch, den Direktor der ZWST, sind junge Erwachsene wie Mike Delberg mittlerweile eine Ausnahme. Er hat den Eindruck, dass die Bindung zu Israel nicht mehr so stark ist wie früher. »Das betrifft«, sagt Bloch, »wohlgemerkt nicht nur die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.« Mit dem Jugendkongress möchte er dazu beitragen, dass die Teilnehmer mehr über den jüdischen Staat erfahren. »Sie sollen wissen, dass Israel nicht nur ein schönes Urlaubsland ist, sondern Heimat aller Juden.«

Forum Ein anderer Aspekt ist Bloch mindestens genauso wichtig. Er möchte den jungen Erwachsenen ein Forum geben, um sich mit jüdischen Gleichaltrigen austauschen zu können. »Viele Teilnehmer kommen aus kleineren Städten, wo es keine gute jüdische Infrastruktur gibt. Ihnen wollen wir ein Stück Jüdischkeit vermitteln.« Bloch will die Teilnehmer dabei inhaltlich herausfordern und für ein Thema begeistern. »Meine Erfahrung zeigt, dass das auf den Jugendkongressen möglich ist. Es ist jedes Mal eine ganz spezielle Atmosphäre.«

Von ebenjenem »Jugendkongress-Feeling« hat die Politikstudentin Olga Antoni aus Dortmund von ihren Freunden schon viel gehört. Die 24-Jährige nimmt in diesem Jahr zum ersten Mal teil und freut sich am meisten auf die informationsreichen Treffen mit der älteren Generation. Die Jüngeren seien bereits über Facebook und Twitter gut miteinander vernetzt, erklärt sie. Vom Jugendkongress erwartet sie deshalb auch, dass sie dort Leute trifft, die sie sonst nicht kennenlernen würde.

Neben den vielen Begegnungen steht natürlich auch das Programm im Vordergrund – und das kann sich durchaus sehen lassen. Wie in den vergangenen Jahren werden auch dieses Mal viele Politiker den Teilnehmern beim Jugendkongress Rede und Antwort stehen. Start ist am Donnerstagabend mit einem Vortrag von Jonathan Davids, stellvertretender Präsident der Interdisciplinary Center Herzliya. Er spricht über »Das Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora«.

Am Freitag geht es nach einer Stadtrundfahrt durch das jüdische Berlin weiter. Bei einer Gedenkzeremonie am Gleis 17 werden die Teilnehmer gemeinsam mit der Zeitzeugin Ruth Recknagel und dem Berliner Gemeinderabbiner Yitshak Ehrenberg der von den Nazis deportierten Berliner Juden gedenken. Nach Kabbalat Schabbat stellen sich der israelische Experte für Terrorfragen, Assaf Moghadam, und Rabbiner Yechiel Bruckner den Fragen.

Programm Am Samstag gibt Yossi Kuperwasser, Generaldirektor des israelischen Ministeriums für strategische Fragen, Einblicke in die politische Situation des Nahen Ostens. Im Anschluss beginnen mehrere Workshops, die von religiösen über sicherheitspolitische bis hin zu spezifisch deutsch-jüdischen Fragen reichen.

Am letzten Veranstaltungstag diskutieren nach einer Einführung von Israels Botschafter in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman, unter anderem Zentralratspräsident Dieter Graumann, Linke-Fraktionschef Gregor Gysi und der Grünen-Politiker Jerzy Montag über die Bedeutung Israels für Deutschland. Moderiert wird die Veranstaltung von Zeit-Herausgeber Josef Joffe.

Wem nach so viel intellektuellem Input der Kopf raucht, kommt am Samstagabend auf seine Kosten: Ab 21 Uhr findet die große Purim-Motto-Party »20er-Jahre« mit der Londoner Showband »Muzika« statt. Eines steht dabei schon jetzt fest: So viel Spaß wie an diesem Abend hat die Feier der Errettung aus der persischen Diaspora schon lange nicht mehr gemacht.

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