Familie

Rachel allein zu Haus

Erziehung: Das Kerzenzünden ist traditionell Frauensache. Foto: dpa

Wer segnet die Kinder am Freitagabend? Wer nimmt die Tochter an Simchat Tora beim Tanz mit den Torarollen auf die Schultern? Wer lernt mit dem Sohn für die Barmizwa? Alles Fragen, die sich jüdische alleinerziehende Mütter heute immer häufiger stellen. Denn zerbrechende Ehen, oder Kinder, die bei einem Elternteil aufwachsen, sind heute nicht nur ein Phänomen der nichtjüdischen Welt. Auch in den jüdischen Gemeinden leben viele Singles und auch zunehmend Alleinerziehende.

Jedes Jahr erleben in Deutschland rund 150.000 Kinder, dass ihre Eltern sich scheiden lassen. Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland leben mit nur einem Elternteil zusammen – zu 90 Prozent bleiben die Kinder nach einer Trennung bei ihren Müttern. Und diese kümmern sich – eventuell unterstützt von Wochenend-Einsätzen der Väter – mehr oder minder allein um die Erziehung ihrer Kinder. Auch um die religiöse. Und dies ist, bei der patriarchalisch geprägten Gebetsordnung des Judentums, nicht gerade problemlos.

»Ich habe einfach akzeptiert, dass ich alles machen muss – auch wenn ich mich beim Kiddusch jede Woche aufs Neue unwohl fühle«, sagt Rachel Zweig (alle Namen von der Redaktion geändert). »Wir leben zwar nicht orthodox, sondern traditionell – aber auch das geht nicht wirklich, wenn man alleinerziehend ist«, sagt die Mittvierzigerin. Nicht grundlos gebe es im Judentum die Bruderehe – »alleinstehende Frauen sind eigentlich nicht vorgesehen«.

Das höre sie auch in den Gesprächen mit dem Rabbiner heraus. »Was willst du? Such’ dir einen Mann!«, laute seine Botschaft, meint Zweig. Auch wenn der Rabbiner das in dieser Deutlichkeit nicht ausspreche.

Erklärungsnot Dass ein neuer Partner das Schlechteste nicht wäre, meint auch Zweig. Denn ihrer Tochter kann sie zumindest noch die Aufgaben und Pflichten einer jüdischen Frau vermitteln. Bei ihrem Sohn wird es indes naturgemäß schon komplizierter: In der Synagoge steht Leo beim Ausheben der Tora meist bei seiner Mutter. »Da wäre es schön, er könnte bei seinem Vater sein und sich alles erklären lassen«, sagt Zweig.

Andere männliche Gemeindemitglieder könnten zwar einspringen, »tun sie aber nicht«, bedauert die Frankfurterin.Sie habe noch nie erlebt, dass sich einer der betenden Männer einmal Leo zuwende, um ihm etwas zu erklären oder ihn auf etwas hinzuweisen.

Da hat Rina Erlenbruch mehr Glück. »Vielleicht liegt es daran, dass es hier in Offenbach etwas familiärer zugeht«, sagt sie. Jonathan zumindest kennt keine Scheu, in den Männerbereich der Synagoge vorzudringen. Und wird dort ebenso liebevoll unterwiesen wie im Bedarfsfall auch ermahnt. »Trotzdem fehlt mir zu Hause der Mann – und nicht nur in religiöser Hinsicht«, gibt Erlenbruch offen zu. Bei den heimischen Gebeten und Riten übernimmt David zunehmend Aufgaben.

Erlenbruch sieht sich hierbei allerdings immer auf einer Gratwanderung. Einerseits möchte sie, dass ihr Sohn die Pflichten eines Mannes im jüdischen Haushalt erlernt und auch ausübt, andererseits will sie ihn nicht überfordern. »Schließlich ist er nicht mein Partner, sondern mein Sohn. Das muss ich mir hin und wieder vergegenwärtigen.«

Die Barmizwa-Vorbereitungen von David wird – beziehungsweise muss – sie komplett dem Rabbinat überlassen. »Allerdings«, beruhigt sich die 38-Jährige, gibt es garantiert sehr viele Männer, die ihren Sohn in diesem Punkt ebenfalls nicht unterstützen können.»

Für Melanie Müller indes wäre dies nicht einmal ein Problem. «Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich als Frau alles kann, weil ich mich sowohl im Tanach als auch im Siddur auskenne», sagt sie. Überdies zieht sie eine Tochter groß – manche Probleme stellen sich da erst gar nicht. Trotzdem fühlt sie sich so allein zu zweit schon manchmal recht einsam. Beispielsweise, wenn an Simchat Tora die Väter ihre Kinder auf die Schultern nehmen, um mit der Tora zu tanzen. «Meine Tochter am Rand stehen zu sehen, tut weh», gesteht Müller.

Besuch Besonders genießt die ganztags berufstätige Mutter deshalb, wenn ihre Familie zu den Feiertagen zu Besuch kommt. «Wenn ich dann von der Arbeit komme und meine Mutter ist in der Wohnung schon mit den Vorbereitungen beschäftigt, entsteht gleich eine ganz andere Atmosphäre», sagt Müller. Eine Atmosphäre, die zu Schabbat und den Feiertagen dazu gehöre.

«Deshalb verweigert sich meine Tochter wohl auch hin und wieder, wenn ich mit ihr allein Schabbat feiere», bedauert Müller. Aber sie habe oft nicht die Energie, um selbst Gäste einzuladen. Und: «Als Duo wird man nicht so oft eingeladen wie als Komplettfamilie», weiß Müller aus Erfahrung. Da sei «die Gesellschaft noch sehr verkrampft». Lediglich auf die Chabadniks sei immer Verlass: «Die kümmern sich wirklich um jeden.»

Unterstützung finden Alleinerziehende aber auch bei den Sozialabteilungen der jüdischen Gemeinden. Diese können auch Auskunft darüber erteilen, wie man staatliche Fördertöpfe und finanzielle Zuschüsse der jüdischen Gemeinden in Anspruch nehmen kann. Allgemeine Informationen zum Thema «Alleinerziehend» sind im Internet beispielsweise unter www.die-alleinerziehenden.de zu finden.

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

München

Verbunden aus Überzeugung

Die IKG ehrte Personen, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen

von Esther Martel  04.03.2026

Bedrohung

»Abstrakte Gefährdungslage«

Wegen des Kriegs im Nahen Osten sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland alarmiert. Zugleich geht der Zentralrat davon aus, dass der Kampf gegen die Mullahs langfristig Sicherheit schafft

von Helmut Kuhn  04.03.2026