Porträt der Woche

Queer und hörbar

Steht als Opernsängerin auf der Bühne: Gabriella Guilfoil (33) aus Bremen Foto: Polina Schneider

Porträt der Woche

Queer und hörbar

Gabriella Guilfoil ist Amerikanerin, Sängerin und suchte lange nach ihrer Gemeinde

von Till Schmidt  24.08.2025 12:05 Uhr

Eigentlich wollte ich immer Musicaldarstellerin werden. Doch dann habe ich klassischen Gesang studiert – und bin nach Deutschland gezogen. Hierher kam ich zunächst für eine Sommerakademie in Torgau an der Elbe. Dann war ich für ein Jahr als Au-pair in Osnabrück. Inzwischen arbeite ich hauptberuflich als freischaffende Opernsängerin. In Deutschland, wo die Opernhäuser und Theater relativ nah beieinander liegen, finde ich die Bedingungen für meinen Beruf besser als in den USA. Seit fast elf Jahren lebe ich nun schon hier.

Gerade stehe ich kurz davor, meinen zweiten Master zu beenden: im Studiengang Liedgestaltung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Zuvor habe ich an der Hochschule für Künste in Bremen und in den USA Gesang studiert. Seitdem ich in Deutschland lebe, war ich viel in der gesamten Region Norddeutschland unterwegs. Von Anfang an habe ich immer wieder Pläne gemacht und mich gefragt: Wohin kann es als Nächstes gehen? Was könnten die weiteren Schritte meiner Karriere als Opernsängerin sein? Wie es so ist, hatten diese Pläne oft wenig mit der Realität zu tun.

Bremen kann ich auch einfach sehr gut als Homebase nutzen

Als ich, wie viele andere auch, während der Corona-Zeit zur Pause gezwungen war, hatte ich endlich Zeit, Bremen besser kennenzulernen. Nach vielen Jahren habe ich mir ein Fahrrad gekauft und angefangen, die Stadt zu erkunden. In dieser Zeit habe ich mich dazu entschieden, hier zu bleiben. In Bremen ist es einfach schön und richtig gemütlich, und vieles erinnert auch an meine Heimatstadt Olympia im US-Bundesstaat Washington. In beiden Städten erlebe ich viele Menschen als weltoffen, herzlich und authentisch. Bremen kann ich auch einfach sehr gut als Homebase nutzen und von hier aus für Auftritte in anderen Städten aufbrechen.

Da ich politisch links eingestellt und queer bin, habe ich mich immer wieder gefragt, welche Gemeinde am besten zu mir passt. Ich habe verschiedene besucht, lange Zeit aber kein Zuhause gefunden. Mein Jüdischsein habe ich daher vor allem mit einem befreundeten israelischen Tänzer gelebt. Doch leider musste Ohad, wie die meisten Tänzer, berufsbedingt bald wieder aus Bremen weg.

Für Schabbat oder für manche Feiertage habe ich mich anschließend häufiger mit Leuten aus den Staaten »connected«, wie wir sagen. Doch das hat sich von Anfang an eher wie eine Zwischenlösung angefühlt. Denn ich habe schnell gemerkt: Ich möchte hier vor Ort, in Bremen oder in der Region, etwas machen und mich mit jungen jüdischen Menschen verbinden.

Die Tür zu meiner individuellen jüdischen Identität habe ich erst in Deutschland geöffnet.

Das hat dann letztes Jahr bei einer Purim-Party des Verbandes Jüdischer Studierender Nord in Hannover geklappt. Da habe ich Leute kennengelernt, die unter anderem in der Gemeinde Oldenburg aktiv sind. Dort bin ich inzwischen auch selbst Mitglied. Wenn ich nicht beruflich unterwegs bin, besuche ich sehr gern die Gottesdienste, und einer meiner Träume ist es, irgendwann Teil der Vorbeter-Teams zu werden. Ich liebe Chasanut. In der Community zu sein, zu singen und zu beten, das gibt mir innere Ruhe. Ich glaube an die Schechina. Das gibt mir Halt und Stärke.

Selbstverständlich ist das alles aber nicht – denn ich wurde katholisch erzogen. Im Scherz sagte mir meine Mutter, ihre Mutter ist damals zum Katholizismus konvertiert, weil sie es als eine Frechheit empfunden habe, an den Hohen Feiertagen Eintritt für die Synagoge bezahlen zu müssen. Doch in Wirklichkeit ist sie konvertiert, um einen katholischen Mann heiraten zu können. Aber trotz ihrer Konversion ging sie offen mit ihrer Herkunft um.

Familie ist für mich etwas Großes, Lautes und Schönes, immer verbunden mit dem gemeinsamen Essen. Ich selbst liebe es zu kochen. Das habe ich von meiner Großmutter. Sie hat mir das Kochen mit ihrem Exemplar von The Joy of Cooking beigebracht. Inzwischen ist das Buch zusammen mit Claudia Rodens The Book of Jewish Cooking mein treuer Begleiter in der Küche. Auf Instagram folge ich Sivan’s Kitchen, Adeena Sussman, Ruhama’s Food und vielen anderen. Ich liebe es, Challa zu backen und dabei Podcasts zu hören, die die Parascha besprechen. Es ist nur Zeit für mich und Haschem.

In meiner Familie sind wir ohnehin ziemlich vielfältig

In den Staaten hatte ich als Kind und junge Erwachsene immer auch jüdische Menschen um mich. Das war selbstverständlich, weil die Leute einfach da waren: in der Schule, im Chor oder im Theater. Mich aber selbst intensiver mit meiner eigenen individuellen jüdischen Identität zu beschäftigten, das hat länger gedauert.

Diese Tür habe ich erst mit Mitte, Ende 20 aufgemacht. Damals war ich schon in Deutschland. Die Freundschaft zu Ohad hat dazu sicherlich auch beigetragen. Einen speziellen Anstoß gab es aber nicht. Ich denke, mein Bedürfnis hatte einfach mit dem Erwachsen- oder Älterwerden zu tun: Ich habe mich zu dieser Zeit stärker gefragt, woher ich komme und wie ich in Zukunft mein Leben leben will.

Besonders bereichernd finde ich es, meine Mutter an meinem Jüdischsein teilhaben zu lassen. Sie hat mit mir zum ersten Mal Kabbalat Schabbat gefeiert – mit Challa, Kerzen, Liedern und allem, was dazugehört. Es war für sie – und für mich! – eine schöne Erfahrung, und ich freue mich, dass sie durch mich jüdische Traditionen kennenlernen kann. Meine beiden Schwestern haben ganz andere religiöse Traditionen für sich entdeckt. In meiner Familie sind wir ohnehin ziemlich vielfältig. Neben den jüdischen haben wir auch spanische und irische Wurzeln, und interreligiöse Partnerschaften sind bei uns völlig normal.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, selbst immer noch viel über jüdische Traditionen und Alltagsdinge lernen zu müssen. Wie ist das zum Beispiel, wenn ich in einer Theaterwohnung für die üblichen sechs Wochen dauernden Opernproben untergebracht bin – soll ich da die Mesusa anbringen? Ich habe nachgelesen: Es gibt verschiedene Regeln. In Eretz Israel müsste ich sie sofort anbringen, in der Diaspora innerhalb von 30 Tagen, in Hotels eigentlich nicht. Aber wie das ist in meinem Fall? Die Wohnung ist ja mein Zuhause für sechs Wochen. Ich muss unbedingt mal meinen Rabbi fragen, um herauszufinden, was er dazu sagt.

Mein Traum wäre es, einmal an der Oper in Tel Aviv aufzutreten.

Als »Trio International« trete ich zusammen mit einer anderen Sängerin und einem Pianisten regelmäßig in Norddeutschland auf. In dieser Konstellation waren wir schon mehrmals im jüdischen Seniorenheim in Hannover. Mir ist es wichtig, Konzerte für die Bewohnerinnen und Bewohner mit Werken zu gestalten, die sie kennen oder verstehen, das heißt: viel auf Jiddisch und Russisch. Es hat mich berührt zu sehen, wie sehr den alten Menschen besonders solche Lieder gefallen haben und sie, wie etwa bei »Tumbalalaika«, manchmal sogar mitsingen konnten.

In Bremen möchte ich bald einen pro-demokratischen, antifaschistischen Liederabend organisieren. Auch wegen der schrecklichen politischen Entwicklungen in den USA ist es mir wichtig, Werke von Komponisten und Dichterinnen aus den USA zu präsentieren, die sich mit ihren Stimmen für Demokratie und gegen Faschismus eingesetzt haben. So zum Beispiel Kurt Weill oder auch Ruth Crawford Seeger.

In Israel war ich leider noch nie. Das liegt daran, dass ich sehr schlecht in der Planung von Reisen bin und dann, wenn ich frei habe, eher zu meiner Familie in die USA fliege. Ich empfinde aber eine große Sehnsucht, nach Israel zu reisen, und hoffe, es bald zu verwirklichen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Israel und die Menschen dort denke, an ihre Schicksale und Träume. Mein Traum wäre es, einmal an der Oper in Tel Aviv aufzutreten und am nächsten Tag dort mit meinen jüdischen Freundinnen und ein paar anderen wichtigen Menschen in meinem Leben an der LGBTQ-Pride teilzunehmen. Wir sind alle B’tzelem Elokim – nach Gottes Bild geschaffen.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

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