Literatur

Prosa ist weiblich

Als sie nach Jahren wieder durch das jüdische Viertel ihrer Heimatstadt Lemberg läuft, haben sich nicht nur die Menschen verändert, auch das Kopfsteinpflaster ist noch älter geworden. Der Blick der Protagonistin des Romans 4 Tage. Aufzeichnungen aus Mutterstadt ist geschärft für die Zeichen des Vergänglichen. Sie ist in die Ukraine gereist, um den Tod ihrer Großmutter zu betrauern.

Und wie ihre Protagonistin wirkte auch Autorin Marina Neubert andächtig, während sie mit ruhiger und fester Stimme vergangenen Donnerstag in der Stiftung »Zurückgeben« in Kreuzberg aus ihrem neuen Roman las. Darin erzählt Neubert die Geschichte von drei Generationen jüdischer Frauen und ihre Beziehung untereinander.

projekte Die Buchpräsentation war Teil des Projekts »Weibliche jüdische Identitäten heute«, mit dem die Stiftung jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft fördert. Von der Übernahme von Druckkosten bei akademischen Publikationen bis hin zur Unterstützung künstlerischer Projekte werden Jüdinnen verschiedener Altersgruppen ermutigt, ihre Ideen umzusetzen, um das jüdische Leben in Deutschland zu fördern.

Doch trotz dieses Ansatzes gibt es in der komplexen Stiftungslandschaft Deutschlands kaum Institutionen, die bereit sind, das Projekt zu tragen, wie Beirätin Hilde Schramm berichtete. Allein in der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (evz) fand sie einen Unterstützer.

Ähnlich wie bei der gebürtigen Moskauerin Marina Neubert, die ihre Hauptfigur auf eine Reise zu ihren galizischen Wurzeln schickt, wird die weibliche jüdische Identität auch in den anderen Projekten als eine Form der Migrations- und Exilgeschichte geschrieben. »Writing Girls« heißt beispielsweise die Arbeit der Berliner Fotografin und Gründerin des Onlinemagazins »Aviva«, Sharon Adler. Autorinnen mit jüdischem Hintergrund beschäftigen sich darin mit den Spuren von Berliner Jüdinnen und schreiben über deren Biografien.

Spannungsfeld Für Adler entspringt dieses Interesse auch ganz klar in der Frage nach der persönlichen Identität und der Suche nach den »Leerstellen« in der eigenen Geschichte, wie sie bei der Projektpräsentation in Kreuzberg berichtete. Für die »Writing Girls« liegt ihr Jüdischsein im Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Dem Aspekt der Generationenfolge widmet sich auch das erste Themenheft, das Lara Dämmig und ihr Netzwerk »Bet Debora« herausgeben. Die Publikation bietet weiblichen jüdischen Sichtweisen auf gesellschaftliche Fragestellungen eine Plattform. Die gebürtige Ostberlinerin Dämmig etwa widmet sich in dem Heft der Frage, was es für die eigene Identität bedeutet, seine Religion nicht frei ausleben zu können.

Für die junge Filmemacherin Julia Poliak dagegen ist es die Erfahrung der eigenen Entwurzelung, die sie zu ihrem Projekt brachte. Als Kind emigrierte sie mit ihrer Familie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland und lebte zunächst in einem Spandauer Auffanglager. Diesen Erfahrungen aus Migration und Exil versucht sie auf ihrem digitalen Netzwerk »Emigracija« eine Plattform zu geben und erzählt dort die Geschichten jüdischer Migrantinnen.

vielschichtig Identität von Jüdinnen heute, das ist nichts, was sich klar umreißen ließe, darin waren sich an diesem Abend alle Stipendiatinnen einig. Julia Poliak sprach deshalb ganz bewusst von verschiedenen Identitäten, die sie selbst ausmachen würden. Es gebe eben keinen Punkt, der sich klar definieren ließe, vielmehr nur eine Anzahl von Tangenten in einem Universum, so Poliak.

Anders als die Großmutter der Protagonistin in Marina Neuberts Roman, die Lemberg nach dem Krieg nie wieder verließ, ist diese Generation von Jüdinnen daran gewöhnt, sich in einer Vielzahl von Welten zu bewegen.

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Unabhängigkeitstag

»Notwendig und ein Wunder«

Die IKG feierte Israels Menschen, Geschichte und Leistungen

von Luis Gruhler  05.05.2026

Gedenken

Ungebeugt trotz der Last

An Jom Hasikaron erinnerte die IKG an die Opfer der Kriege und des antisemitischen Hasses

von Luis Gruhler  05.05.2026

Düsseldorf

»Oh mein Gott, da ist ein Jude im Studentenwohnheim!«

Luai Ahmed wurde im Jemen geboren, wuchs mit Antisemitismus auf – doch nach seinem Umzug nach Schweden änderte sich alles

von Stefan Laurin  05.05.2026

Erinnerungsarbeit

Virtuelle Ausstellung mit NS-Zeitzeugen tourt durch Brandenburg

In der mobilen Ausstellung »In Echt?« berichten NS-Zeitzeuginnen und -zeugen von ihren Schicksalen. Die virtuelle Schau wurde 2023 in Potsdam entwickelt und tourt wieder durch Brandenburg

 05.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Frankfurt am Main

Marek Lieberberg wird 80 – Ein Leben für die große Bühne

Kaum ein anderer hat die Live-Musiklandschaft in Deutschland über Jahrzehnte so geprägt wie der jüdische Konzertveranstalter aus Frankfurt

 04.05.2026