Lektüre

Primor, Zafón und Co.

Lesen in allen Lebenslagen: Im Urlaub ist dafür endlich genügend Zeit. Foto: imago

Lektüre

Primor, Zafón und Co.

In den Gemeinden wird viel gelesen – gerade in der Urlaubszeit

von Elke Wittich  20.07.2010 11:27 Uhr

So viele Bücher und so wenig Zeit, sie zu lesen. Für viele Leseratten sind die Sommerferien nicht nur Pause vom Alltag, sondern auch hochwillkommene Gelegenheit, endlich den großen Lektürestapel abzuarbeiten, der sich in den Monaten zuvor aufgetürmt hat. Und so freut man sich auch in den jüdischen Gemeinden auf die sommerliche Lesezeit und gibt dazu auch gern Tipps weiter.

Rabbiner Yaron Engelmayer von der Kölner Synagogen-Gemeinde empfiehlt einen Klassiker: Der moderne Jude und die ewigen Fragen von Aron Barth ist bereits im Jahr 1957 erstmals erschienen. »Ein sehr interessantes philosophisches Werk«, beschreibt Engelmayer das Buch und fügt hinzu, dass es sich allerdings nicht um »die klassische Strandlektüre« handele. »Ich bin Rabbiner, mein Lesestoff sind eher Lernbücher«, gibt Engelmayer lachend zu. »Sich weiterzubilden und zu lernen sollte doch für jeden Juden ganz selbstverständlich zur Freizeit und zum Alltag dazugehören.«

Abgelenkt Auch sein Bücherstapel sei ziemlich hoch, sagt der Rabbiner: »Wenn man drei kleine Kinder hat, dann bleibt einem nicht mehr so viel Zeit zum Lesen.« Für Kinderbücher möchte er lieber keine Empfehlung abgeben. Was besonders geeignet sei, hänge vom jeweiligen Mädchen oder Jungen ab, und grundsätzlich komme es darauf an, »was man seinem Kind beibringen möchte, danach sollte man die Lektüre aussuchen«. Ganz wichtig sei allerdings, »dass man sich die Bücher vorher anschaut, denn man sollte sich anschließend auf jeden Fall mit dem Nachwuchs über das Gelesene unterhalten.«

Bei der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs hat man gleich mehrere Bücher-Tipps, mit »Grüßen aus dem weltweit bekannten Verlagsort Stuttgart«. Susanne Jakubowski vom Vorstand der IRGW legt Lesehungrigen besonders Esmahan Aykols Hotel Bosporus ans Herz, einen Roman, der sich humorvoll-rasant mit dem Thema deutsch-türkische Vorurteile beschäftigt. Die Tochter eines aus Deutschland geflüchteten jüdischen Professors, betreibt in Istanbul einen Buchladen und wird von einer passionierten Krimileserin zur Detektivin.

Wer lieber Sachbücher mag, sollte Anatol Gotfryds Der Himmel in den Pfützen: Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm lesen, die Erinnerungen eines polnischen Juden, der zu einem der bekanntesten Ärzte Westberlins wurde und mit vielen Künstlern, Schrifstellern und Regisseuren befreundet war.

Jugendfrei Für Jugendliche empfiehlt Jakubowski das Taschenbuch Prinz William, Maximilian Minsky und ich von der in Berlin lebenden amerikanischen Autorin Holly-Jane Rahlens. Die 13-jährige Nelly interessiert sich eigentlich gar nicht für ihre bevorstehende Batmizwa, denn so vieles erscheint ihr wichtiger – vor allem der englische Prinz William, in den sie sich kurz aber heftig verliebt.

Ellen Remie, die in der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Aachen arbeitet, muss ebenfalls nicht lange nachdenken, welchen Autor sie anderen Lesern ans Herz legen möchte: »Stephen King«, sagt sie. »Die meisten Leute denken bei seinem Namen an das Buch Friedhof der Kuscheltiere und glauben, dass alle seine Bücher sehr gruselig seien. «Aber das ist ein Irrtum, denn King ist ein sehr vielseitiger Autor und was er schreibt, ist beispielsweise psychologisch sehr fundiert.» Grundsätzlich sei sie lesetechnisch eine «Allesfresserin», outet sich Remie. «Ich gehe sogar früher ins Bett, damit ich länger lesen kann.»

Radfahrer Auch Irina Bolschakowa, Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde in Erfurt, ist das, was man gemeinhin Leseratte nennt. Und möchte ihre derzeitige Lektüre unbedingt weiterempfehlen: «Avi Primors An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Lustig ist nur der Titel, es handelt sich dabei um ein sehr seriöses und ernstes Buch über die Entstehung des Antisemitismus. Primor wiederlegt die immer noch grassierenden Vorurteile über Juden mit Tatsachen und Statistiken und mit sehr klugen Argumenten.» Antisemiten würden dieses Buch wohl kaum lesen, bedauert Bolschakowa, «aber wenn man beispielsweise Argumente für Diskussionen sucht, dann ist es sicherlich sehr hilfreich.»

Außerdem hat die 66-Jährige gerade die spanische Literatur für sich entdeckt – «angeregt durch meine Tochter las ich Im Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón, einen sehr interessanten und spannenden Roman, der sich mit der Zeit des spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur auseinandersetzt.» Die gebürtige Moskauerin liest «lieber Deutsch als Russisch. Ich habe immer schon gern Bücher in Deutsch gelesen, denn ich habe früher dieses Fach unterrichtet und wollte so sicherstellen, dass ich die Sprache nicht verlerne.»

Beeinflusst Ihre Tochter sei entsprechend «mit Büchern aufgewachsen. Jeder freie Platz in der Wohnung war mit Bü-
cherregalen zugestellt. Wir haben ihr beigebracht, dass Bücher Werte sind, und nicht Geld oder Besitz», berichtet Bolschakowa, die bedauert, dass sie «früher den ganzen Tag lesen konnte, aber mit zunehmenden Alter werde ich schnell müde und schlafe oft über der Lektüre ein, egal, wie interessant sie ist.»

Angst, dass die Leser irgendwann aussterben, hat die ehemalige Lehrerin nicht: «Wir haben in der Gemeinde eine Bibliothek, da gibt es zwar auch eher Seichteres wie Krimis und Liebesromane, aber es wird viel gelesen. Man empfiehlt, man rät ab. Wer liest, spricht auch darüber, so war es schon immer, und so wird es auch bleiben», ist sie sich sicher.

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