Literatur

Positives Chaos

»Ich habe gelernt: Wenn man vertrauensvoller durchs Leben geht, klappt auch mehr«: Mirna Funk während ihrer Buchvorstellung in München Foto: IKG/Astrid Schmidhuber

Zur »Woche der Brüderlichkeit« 2024 kam Mirna Funk das erste Mal ins Jüdische Gemeindezentrum, damals mit ihren geistreichen Lektionen und Provokationen Von Juden lernen. Als sie nun knapp zwei Jahre später am vergangenen Sonntag wiederkehrte, dieses Mal mit ihrem dritten, druckfrisch erschienenen Roman Balagan, fragte Moderatorin Ellen Presser direkt, inwieweit die Romanidee seinerzeit schon existierte.

Gut gelaunt gab Funk zu: »Ich kann Geheimnisse gut für mich behalten!« Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Sachbuchs sei Balagan schon vollständig konzipiert gewesen, die ersten 50 Seiten ihres bislang längsten Romans waren bereits geschrieben. Begonnen hatte sie damit sogar schon 2021, damals noch als Serienprojekt mit Entwürfen zu komplexen Biografien der verschiedenen Protagonisten. Auch der Titel stand von Anfang an fest.

Chaos, Verwirrung und Balagan

Das klingt gar nicht nach Chaos, Verwirrung oder eben Balagan und entspricht auch nicht dem Charakter der Autorin, die nicht widerspricht, wenn man sie als strukturiert, geerdet, arbeitsam bezeichnet. Ganz anders als Amira Altman, die Hauptfigur ihres Romans, der hauptsächlich zwischen Pessach und Rosch Haschana 2024 spielt und in diesem Jahr auch vollendet wurde.

Mirna Funk sagt: »Ich habe einen relativ positiven Chaosbegriff, bin um einiges resilienter als Amira, bin älter, habe keine 160 Millionen geerbt. Klar, ich habe auch Momente, in denen ich mir ein einfacheres, paradiesischeres Leben wünsche. Gleichzeitig genieße ich die unangenehmen Herausforderungen, kann mit ihnen relativ positiv umgehen. Auch humorvoll. Ich habe gelernt: Wenn man vertrauensvoller durchs Leben geht, klappt auch mehr.«

Kurz nach ihrer Lesereise im Frühjahr 2024 hat Mirna Funk mit ihrer damals achtjährigen Tochter Alija gemacht.

Kurz nach ihrer Lesereise im Frühjahr 2024 hat Mirna Funk mit ihrer damals achtjährigen Tochter Alija gemacht, hat sich in Jaffa-Tel Aviv glücklich niedergelassen und ist inzwischen israelische Staatsbürgerin. In Berlin gibt es weiterhin eine Bleibe, weil sie berufsbedingt zur Vielfliegerin geworden ist. Regelmäßig erscheinen Essays von ihr in der »Neuen Züricher Zeitung«, der »Welt« und der »Zeit«.

Ausstellung mit Werken von zehn israelischen Künstlern in Berlin

Mithilfe der israelischen Botschaft in Berlin holte sie soeben eine Ausstellung mit Werken von zehn israelischen Künstlerinnen und Künstlern nach Berlin. Funk will dabei gar nicht politisch agieren, hat auch schon manchen Shitstorm über sich ergehen lassen müssen, engagiert sich jedoch faktisch mit der Präsentation israelischer Kunst hierzulande gegen die Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions).

Äußerlich hat ihre Romanheldin Amira einiges mit ihr gemeinsam, langes Haar, ausdrucksvolle Augen, eine zierliche Figur. Amira ist Gründerin eines Online-Magazins mit dem wunschvollen Titel »Love me later« und wird über Nacht Erbin eines Vermögens in Form einer Gemäldesammlung mit Werken von Feininger bis Liebermann.

Funk wiederum studierte unter anderem Kommunikationsmanagement und arbeitete in der Werbebranche als Texterin. Über Kunstwerke in Familienbesitz weiß sie nur, dass ihre Ururgroßeltern David und Lola Leder Sammler und Mäzene in Chemnitz gewesen waren, Schenkungen an die dortige Sammlung gaben, doch große Teile ihrer eigenen Sammlung verkauften, als es ihnen finanziell nicht gut ging.

Deutsch-jüdischen Familien seien oft nur die Fotos geblieben, auf denen man im Hintergrund Kunstwerke an den Wänden erkennen kann. Immer wieder flicht Funk in diesem Zusammenhang Informationen in ihren Romantext ein, wie etwa, dass während der NS-Zeit geschätzt 600.000 Kunstwerke in Europa von den Nationalsozialisten geraubt wurden und heute noch 100.000 als vermisst gelten.

Für die Lesung wählte Mirna Funk Passagen aus, die den Charakter ihrer Hauptfigur zeigen.

Innerlich durchlebt die 32-jährige Romanheldin eine emotionale Achterbahnfahrt voller spontaner Fehlentscheidungen. Ihr Familien- und Liebesleben ist voll von »Machloket«, Streit und Zerwürfnissen. Ihre einzige sichere Beziehung, die zum 102-jährig gestorbenen Großvater, entpuppt sich in allem, was mit der vererbten Sammlung zusammenhängt, als Lügengespinst.

Für die Lesung wählte Mirna Funk Passagen aus, die den Charakter ihrer Hauptfigur zeigen. Doch es geht im Roman um sehr viel mehr: um Berlin im Sperrfeuer von Palästina-Demonstrationen, antijüdische Parolen an Hauswänden, Israel nach dem 7. Oktober 2023, Erbschaftsgesetzgebung, Kunstmarkt, jüdische Lebenswelten und auch um Sex.

»Mit dieser Fantasie habe ich gespielt, dass sich noch alles zum Guten wendet«

Jeder Autor, jede Schriftstellerin ist in gewisser Weise allmächtig, kann ihren Figuren alles Mögliche zumuten. Mirna Funk hat dazu eine klare Meinung: »Mit dieser Fantasie habe ich gespielt, dass sich noch alles zum Guten wendet – damit wollte ich spielen, weil sich nie Dinge nur zum Guten wenden.«

So findet man in ihrem Roman, der – nach Winternähe (2015) und Zwischen Du und Ich (2021) mit zum Teil wiederkehrenden Figuren – den Abschluss einer Trilogie darstellt, auch jede Menge Lebensweisheiten: »Alles Leben ist Entscheidung.« Oder auch: »Verantwortung (…) bedeutet zu begreifen, dass sie die Bedingung für freiheitliches Handeln ist. Verantwortung, das war kein Angriff auf die Freiheit, es war ihr Beginn.«

Mirna Funk: »Balagan«. Roman. dtv, München 2026, 365 S., 25 €

Verantwortung

Abschied und Neuanfang

David Beck übernimmt als Nachfolger von Andreas Franck das Amt des Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz

von Luis Gruhler  02.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 02.11.2026

Feier

»Ein Zuhause«

Es war ein bewegender Moment: Nach langer Planung öffnete die bundesweit wirkende Jüdische Akademie in Frankfurt ihre Türen. Mit Prominenz, rabbinischem Segen - und eindringlichen Worten gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  02.11.2026

Frankfurt

»Raum geben für Differenzierung«

Zentralratspräsident Josef Schuster skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung der Jüdischen Akademie, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen soll. Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut

von Josef Schuster  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Universität

Angst auf dem Campus

Eine Studie zeigt, wie stark jüdische Studierende unter Antisemitismus leiden – und welche Folgen das für ihre psychische Gesundheit hat

von Alicia Rust  01.11.2026

Porträt der Woche

Reihe 9, außen

Diana Sims-Silbermann spielt Cello und ist Theaterärztin. Sie hat immer denselben Platz

von Claudia Irle-Utsch  01.11.2026