Berlin

Polizisten in der Schul

Angespannt beobachtet der Polizist die Straße. Er nickt kurz einem Paar mit kleinen Kindern zu und wartet, bis sich ein Schleusentor öffnet. Dahinter wird eine weitere Tür sichtbar. Sie ist aus kugelsicherem Glas. Der Blick des Polizisten fällt auf eine Gruppe junger Leute. Sie steht etwa zehn Meter entfernt, und das schon seit einigen Minuten. Immer wieder schauen sie hinüber zu dem Eingang, den der Polizist bewacht.

Kaum ist das Paar mit den Kindern dahinter verschwunden, geht der Polizist auf die jungen Leute zu und fragt nach ihren Namen. Er ist überrascht, dass es Kollegen sind. Fast Kollegen. Denn in einer Woche schließen die 22 jungen Männer und Frauen ihre Polizei-Ausbildung ab. Dann könnten auch sie zum Dienst vor einer jüdischen Einrichtung eingeteilt werden, so wie ihr älterer Kollege.

Kahal Adass Jisroel Ein jüdisches Gemeindezentrum oder eine Synagoge haben bisher die wenigsten von ihnen betreten. Juden sind die meisten von ihnen noch nie begegnet. Das soll sich heute ändern. Denn vor der Tür der orthodoxen Synagogengemeinde Kahal Adass Jisroel in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte erwartet Rabbiner Daniel Alter die Polizeischüler. Der frühere Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin will den künftigen Polizisten in einem Tagesworkshop Grundkenntnisse zum Judentum vermitteln. Zudem will er ihren Blick für mögliche antisemitische Bedrohungsszenarien und damit verbundene Sicherheitsaspekte schärfen.

Kugelsicheres Glas, Doppelschleuse, daneben parkende Kinderwagen – die angehenden Polizisten erleben den unmittelbaren Eindruck jüdischer Lebenswirklichkeit in Deutschland als verstörend. »Viel verstörender wäre es, wenn Sie nicht davor stehen würden«, sagt Daniel Alter. Als Jude in Deutschland habe man sich an den Anblick von Polizisten vor jüdischen Schulen, Synagogen und Kindergärten gewöhnt. Man fühle sich sicherer als ohne.

Das Projekt ist eine Kooperation mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour. Der palästinensische Psychologe könne heute zum Auftakt der Projektreihe zur »Interkulturellen Kompetenz« leider nicht dabei sein, sagt Alter. Die beiden kennen sich aus anderen Projekten wie »Heroes«, einer Neuköllner Initiative, bei der junge Migranten, meist mit muslimischem Hintergrund, bei Gleichaltrigen für Bürgerrechte werben und sich gegen Hass und Gewalt einsetzen. Für sein Engagement hatte Rabbiner Alter 2012 den Medienpreis Bambi erhalten.

orthodox Dass der liberale Rabbiner in seinem aktuellen Projekt mit der unabhängigen orthodoxen Synagogengemeinde zusammenarbeitet, sehen beide Seiten als Bereicherung an. »Da gibt es keine Hürden«, betont der Kahal-Vorsitzende Mikhail Tanaev bei der Begrüßung. Als die Polizeischüler nachfragen, erklärt Alter, dass es zwar zwischen den verschiedenen religiösen Strömungen im Judentum Unterschiede gebe, was etwa Liturgie oder die Rolle von Mann und Frau in den Gottesdiensten angehe, dass man einander jedoch »mit Respekt« begegne. Gastgeber Tanaev verweist auf den historischen Ort, an dem vor dem Holocaust schon einmal eine Synagoge gestanden hatte. Er beschreibt den Polizeischülern die junge, gewachsene Gemeinde, die heute aus rund 80 Familien besteht.

Die angehenden Polizisten hören aufmerksam zu. Zweiter Weltkrieg, Holocaust – damit können sie etwas anfangen. Doch als Rabbiner Alter auf die Ursprünge des Judentums und seine Quellen Tanach, Talmud, Midrasch zu sprechen kommt und den staunenden Mittzwanzigern erklärt, warum auch Torarollen auf Friedhöfen begraben werden, ist das für die meisten von ihnen Neuland. Während die Polizisten näher heranrücken und sich von Alter die Torarolle zeigen lassen, kommt Tanaev noch einmal auf die Brisanz des Projekts zurück. »Wir finden es wichtig, dass die Polizeischüler ein Bewusstsein dafür entwickeln, was jüdische Gemeinschaft in Deutschland heute bedeutet«, sagt er.

Die Unsicherheit nehme spürbar zu. Die Entwicklung des Antisemitismus nimmt Alter als »bedrohlicher« wahr. So hätten etwa auch Kahal-Mitglieder »traumatische Situationen« erlebt: Kinder, die vor einem Jahr vom Schulbus aus dem Wedding abgeholt werden sollten, seien beim Einsteigen angepöbelt worden. »Wir müssen der nächsten Generation von Polizisten frühzeitig Verständnis für unsere Situation vermitteln«, sagt Tanaev. Umso mehr begrüße er das Projekt mit Rabbiner Alter.

schlagwort Während ihrer zweieinhalbjährigen Ausbildung hätten sie Antisemitismus-Definitionen im Rahmen der politischen Bildung »angekratzt«, sagt Dogan, ein 27-jähriger Polizeischüler. Ihre Ausbilder nähmen das Thema zwar »sehr ernst«. Doch so etwas »Vertiefendes wie hier« hätte er sich schon früher gewünscht. »Verständnis dafür erlangt man erst, wenn man vor Ort ist, mit Juden selbst redet und eine jüdische Einrichtung von innen gesehen hat«, meint der junge Polizist. In der Schule oder der Ausbildung schneide man Themen oft nur an. »Man hört zwar das Schlagwort Antisemitismus, aber viel mehr erfährt man vom Judentum nicht.« Das Sicherheitsbedürfnis der Gemeinden könne der junge Polizist verstehen, »aus der Vergangenheit heraus und besonders jetzt«.

Rabbiner Alter erzählt, wie er 2012 von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf offener Straße brutal zusammengeschlagen und antisemitisch beleidigt worden war. Die 20- bis 30-Jährigen werden still, als er erwähnt, dass man auch mit Nachahmern terroristischer Angriffe rechnen müsse. Solchen etwa, die mit Eisenstangen auf Polizisten vor jüdischen Einrichtungen losgehen.

schutz »Mit Angst darf man da nicht herangehen, eher mit Vorsicht und höchster Konzentration«, meint Dogan. So etwas kann überall passieren, ergänzt Anni, »ob vor einer Synagoge oder in einem Einkaufszentrum«.

Hundertprozentigen Schutz gebe es ohnehin nicht, meint die Polizeischülerin, auch wenn man die Sicherheitsmaßnahmen erhöhe. Interessant findet sie, erstmals mehr über jüdische Traditionen, Geschichte und Alltag zu erfahren. Schließlich müsse man als künftiger Beamter wissen, »wie man sich in einer Synagoge bewegt, ohne den Leuten auf den Schlips zu treten«.

Die jungen Polizisten wissen den Input von Rabbiner Alter zu schätzen. Auch dann, als er den Bogen von der biblischen Zeit zum Mittelalter und weiter zur Gegenwart spannt, Themenkomplexe wie »Judentum in Deutschland« und »Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion« anreißt.

»Interkulturelle Kompetenz macht Sinn«, sagt Jonas. Gerade weil es im Alltag wenig Berührungspunkte mit dem Judentum gebe. »Die Schleusen, das kugelsichere Glas, die Kollegen vor der Tür – man versteht auf jeden Fall besser, warum jüdische Gemeinden mehr Sicherung bekommen als andere Einrichtungen.«

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