Medien

»Plattform für Kontakt«

Frau Sünder, kürzlich erschien die 100. Ausgabe von »aktuell«, der Zeitschrift für emigrierte jüdische Berliner, in neuer Gestaltung. Was hat sich geändert?
Die größte Veränderung besteht darin, dass die Zeitschrift nun zweisprachig auf Deutsch und Englisch erscheint. Damit wollen wir auch die zweite und dritte Generation erreichen, die oft kein Deutsch mehr spricht. Außerdem wurde das Design überarbeitet.

1970 regte der Regierende Bürgermeister die Gründung der Publikation an, seitdem erscheint »aktuell« zweimal im Jahr. Inwiefern ist sie heute noch von Bedeutung?
Für viele Leser ist sie ein wichtiges, für manche das einzige Band zu ihrer Geburts- und früheren Heimatstadt. Sie freuen sich, dass Berlin noch an sie denkt und Anteil nimmt an ihrem Leben – wie auch sie an den Geschehnissen in Berlin. Außerdem ist »aktuell« eine Plattform für den Kontakt der Emigranten-Community untereinander. Bis heute finden sich über die Zeitschrift alte Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder wieder, die sich aus den Augen verloren oder einander tot geglaubt hatten.

Was bedeutet »aktuell« der Stadt?
Für die Stadt ist es wichtig, mit ihren ehemaligen Bewohnern in Kontakt zu bleiben, sowohl über die Zeitschrift als auch über das Besuchsprogramm. Berlin hat nicht vergessen, was diese Menschen hier erleben mussten. Als das Besuchsprogramm und die Zeitschrift ins Leben gerufen wurden, war es dem Senat wichtig, die Hand zu reichen. Für jeden, der sich auf den erneuten Kontakt eingelassen hat, sind wir dankbar. Dass dieser Kontakt nun schon jahrzehntelang anhält, ist ein Geschenk. Die Emigranten gehören dazu, auch wenn sie in der Welt verstreut leben.

Wer sind Ihre Leser?
Emigrantinnen und Emigranten, hauptsächlich jüdische, die Berlin während der NS-Zeit verlassen mussten. Inzwischen gibt es auch Leserinnen und Leser aus der zweiten und dritten Generation, die bereits im Ausland geboren sind, sich aber für die Geburtsstadt ihrer Eltern interessieren.

Wo leben die Emigranten und ihre Familien heute?
In nicht weniger als 43 Ländern weltweit. Die meisten von ihnen leben in Israel, gefolgt von den USA, Großbritannien, Argentinien, Australien und Brasilien.

Wie hoch ist die Auflage?
»aktuell« Nr. 100 erschien in einer Auflage von 8000 Exemplaren.

Welchen Themen widmen Sie sich?
»aktuell« berichtet über aktuelle Ereignisse in Berlin aus allen Bereichen des Stadtlebens, beispielsweise über kulturelle Veranstaltungen oder Einrichtungen, Sportevents, aber auch über Themen wie Städtebau und Mobilität. Auch gedenkpolitische Themen und Jubiläen finden Platz. Bei der Themenauswahl suchen wir auch nach Anknüpfungspunkten im alten Berlin, das die Leser vor der Emigration kannten. Ein zweiter wichtiger Bestandteil der Zeitschrift sind Beiträge unserer Leser: Erinnerungen an Berlin, Berichte über Flucht- und Lebensgeschichten, Leserbriefe und Suchanzeigen.

Bekommen Ihre Autoren viel Leserpost?
Ja, häufig. Unsere Leser geben reges Feedback, sowohl postalisch als auch per E-Mail und gelegentlich telefonisch.

Das Besuchsprogramm existiert bis heute. Doch 2010 wurden die Gruppenreisen eingestellt.
Das stimmt. Seitdem kommen die Besucher plus Begleitperson individuell – was auch schön ist, weil man das Programm dann besser auf sie zuschneiden kann, beispielsweise mit Besuchen der ehemaligen Wohnung und Schule oder einem Besuch der Gräber von Vorfahren auf den jüdischen Friedhöfen.

Mit der Herausgeberin von »aktuell«, der Zeitschrift für emigrierte jüdische Berliner, sprach Christine Schmitt.

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