Theater

Pessach als Performance

»Bei meinen Großeltern war es fast wie im Paradies«: Natan Ornan Foto: Stephan Pramme

Zehn Minuten sind ihm schon zu viel. Natan Ornan ist nicht gern unpünktlich. »Aber momentan bin ich sehr israelisch«, sagt der 36-Jährige. Gerade hat er noch an den Untertiteln zu seiner One-Man-Show »Zuhause bleiben – Tischaru Babait« gearbeitet, später hat er noch Deutschunterricht.

Der Terminplan des Künstlers ist derzeit gut gefüllt. Wenige Tage vor Pessach wird sein Stück Premiere feiern. Darin erzählt Ornan, der vor etwa zwei Jahren nach Berlin kam, Geschichten aus seiner Kindheit, berichtet von den Entwicklungen in seiner Heimatstadt Givatayim und von den Seder-Abenden seiner Familie.

Das alles geschieht auf zwei Leinwänden. Ornan zeigt Home-Videos, Videoschnipsel, unterlegt die Szenen mit Musik und erläutert dem Publikum auf Deutsch und Hebräisch, welchen Hintergrund die Bilder haben. Und eines darf zu Pessach natürlich nicht fehlen: Charosset. Diese süße Speise aus getrockneten Früchten, Nüssen, Äpfeln und Wein bereitet Ornan nach dem Rezept seiner Großmutter während seiner Performance auf der Bühne zu und wird sie im Anschluss an sein Programm mit dem Publikum zusammen essen.

Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist ihm wichtig. Es soll so sein wie die Pessach-Seder in seiner Kindheit – wie zu Hause, wenn die ganze Familie zusammensaß und über alles Mögliche sprach. »Meistens allerdings über das Essen. Bei uns wurde überdurchschnittlich viel darüber gesprochen«, seufzt Ornan. Aber das sei wohl typisch für israelische Familien mutmaßt er.

Szenen wie diese hat er mit seiner Kamera festgehalten. »Mein Großvater hatte irgendwann genug davon und sagte energisch, dass sich aufhören solle. Wahrscheinlich hatte er geahnt, dass ich diese Situationen für mein Projekt verwenden würde.«

Geborgenheit Der Titel »Zuhause bleiben« kommt nicht von ungefähr. Inspiriert dazu hat ihn seine Großmutter: »Sie hat immer gesagt, dass es zu Hause so gemütlich ist.« Dort könne nichts Schlimmes passieren. Und dieses Zuhause-Gefühl ist es, das ihm bis heute Geborgenheit verleiht.

Seine Großeltern, bei denen der Schauspieler unter anderem aufgewachsen ist, haben ihn sehr geprägt: »Sie haben mich so sein lassen, wie ich wollte. Eines Tages spielte ich im Garten, und Schnecken krochen an mir hoch. Andere hätten die Tiere vielleicht gleich weggenommen, aber meine Großeltern sahen, dass alles in Ordnung war.«

Wenn Ornan von diesen Momenten in seiner Kindheit berichtet, dann blicken seine großen braunen Augen immer auch etwas in die Ferne. So, als ob er just in dieser Situation wieder im Garten seiner Großeltern sitzen würde. »Bei ihnen zu sein, war fast wie in einem Paradies.«

Allerdings wurde er daraus vertrieben. Und das, was ihn in die Flucht geschlagen hat, war seine Stadt – Givatayim, ein Ort östlich von Tel Aviv, der 1922 gegründet wurde und etwa 80 Meter über dem Meeresspiegel liegt. »Früher konnte ich aus dem Haus gehen und irgendwo am Horizont das Meer sehen. Dieser Horizont existiert nicht mehr. Sie haben alles zugebaut.« Heute schaue man ausnahmslos auf die Hochhäuser von Tel Aviv, erzählt Ornan mit Wut in der Stimme. »Dieses Land hat mich ausgekotzt«, bringt er sein Gefühl auf den Punkt.

Gelandet ist er dann in Berlin. Für den Israeli mit ukrainisch-marokkanisch-argentinischen Wurzeln war das fast schon eine Fügung. Denn Deutsch, die Sprache, die er nach fast zwei Jahren beinahe akzentfrei spricht, ist ihm in seinem Leben unbewusst und bewusst immer wieder begegnet. War es anfangs noch eine Art Fantasiesprache, mit der er als Texter in einer Band experimentierte, hat er heute eine leidenschaftliche Beziehung zu ihr entwickelt.

»Mir blieb auch irgendwie nichts anderes übrig, als mich mit dem Deutschen durchzubeißen, denn ich muss bei meiner Arbeit mit Menschen kommunizieren.« Besonders in den vergangenen Wochen, in denen er mit seinem Theaterstück beschäftigt war, hat er noch mehr Deutsch gesprochen als sonst schon.

Wehmut Dabei geholfen hat ihm auch seine Liebe zu Berlin »Hier habe ich wieder angefangen zu atmen«, sagt Ornan. Und doch wird er etwas wehmütig, wenn er von der Stadt spricht. »In Berlin sehe ich, wie Menschen miteinander umgehen, dass Dinge möglich sind, die von anderen toleriert werden. Und dann bin ich traurig, dass es in Israel ganz anders ist. Und ich, so sehr ich dieses Land liebe, so sehr ich es auch vermisse, dort momentan nicht leben kann.«

Ob dieses Gefühl irgendwann einmal wieder verschwinden wird, das kann Natan Ornan noch nicht sagen. Allerdings macht er sich oft Gedanken um die Generation, die gerade in Israel aufwächst. Wie wird sie sich an zu Hause erinnern? Wie an die Momente mit den Großeltern oder einfach nur an die Sederabende, bei denen alle zusammen waren.

»Zuhause bleiben – Tischaru Babait« wird von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Habait präsentiert und am 1. April um 18 Uhr auf Hebräisch und um 20 Uhr auf Deutsch im TAK – Theater Aufbau Kreuzberg, Prinzenstraße 85, gezeigt. Der Eintritt kostet 8 Euro.

www.theater-aufbau-kreuzberg.de
www.jg-berlin.org
www.habait.de

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Porträt der Woche

Flucht und Ankunft

Manfred Eisner erzählt vom Exil und seinem neuen Leben in einem kleinen Dorf

von Heike Linde-Lembke  24.05.2026

Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime

von Alicia Rust  24.05.2026

München

Intensiver Austausch

Zum zweiten Mal fand in der Israelitischen Kultusgemeinde die Zusammenkunft der Europäischen Rebbetzinnen-Konferenz statt

von Vivian Rosen  24.05.2026

Erinnerung

Ein verlorener Ort der Geborgenheit

Yael Neeman sprach im Jüdischen Gemeindezentrum über das Leben im Kibbuz

von Nora Niemann  24.05.2026

Berlin

Mahnmal für zerstörte Synagoge beschmiert

Die Sachbeschädigung des Mahnmals am Lindenufer sei am Mittwochmorgen über die Internetwache der Polizei Berlin angezeigt worden

 21.05.2026

Berlin

Zentralrat der Juden distanziert sich von Itamar Ben-Gvir

Ein Video des rechtsextremen israelischen Ministers sorgt weltweit für Empörung. Auch die Vertretung der Juden in Deutschland äußert sich

 21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026