Dresdner Friedhof

Paten gesucht

Verwittert oder umsturzgefährdet: die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Dresden Foto: Veit Hengst

Das Grabmal von Familie Heinzelmann hat Schlagseite. Bedrohlich neigt sich der polierte schwarze Stein nach vorn. Mehrere Holzbalken stützen ihn ab. Um das einst prächtige Grab der Heinzelmanns und die ebenso kunstvollen benachbarten Ruhestätten hat die Jüdische Gemeinde zu Dresden einen provisorischen Zaun gezogen, damit ihnen niemand zu nahe kommt.

Der 1862 in der Dresdner Fiedlerstraße angelegte Neue Israelitische Friedhof ist ein schöner und friedlicher Ort – aber stellenweise auch ein gefährlicher. Mehrere Gedenksteine drohen umzukippen. Um die risikoreichsten hat der Friedhofsmeister eine Barriere aufgestellt. An manche Steine hat er einen Warnhinweis geklebt: »Achtung! Der Grabstein ist locker. Nicht zu nahe treten und nicht berühren. Unfallgefahr!«

Es ist nicht nur der Zahn der Zeit, der an den Grabstätten nagt. Verfallserscheinungen sind auch auf den Zweiten Weltkrieg zurückzuführen, wie Kai Lautenschläger erklärt, der sich seit Kurzem im Auftrag der Gemeinde um die Belange des Friedhofs kümmert: »Auf den Friedhof sind Granaten und Bomben gefallen. Sie haben zwar keine tiefen Krater gerissen, doch durch den Luftdruck sind die großen Grabsteine, die nicht verklebt sind, einmal in die Höhe gesprungen und wieder heruntergekracht. Wenn sie dabei leicht versetzt aufgekommen sind, ist die ganze Statik beeinträchtigt.«

Dokumentation Witterungseinflüsse haben insbesondere die Gedenksteine aus lokalem Sandstein in Mitleidenschaft gezogen: Steinschichten platzen ab, sodass etliche Inschriften verloren gegangen sind. Glücklicherweise hat Hatikva, die Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e.V., die Gräber gut dokumentiert, und vielleicht wird man irgendwann in der Lage sein, neben den verwitterten Grabsteinen Tafeln mit den Inschriften aufzustellen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Zurzeit gibt es Dringenderes zu tun, und das ist die Sicherung der gefährlichen Grabstellen. Etliche Steine hat der Friedhofsmeister schon vorsorglich auf den Boden gelegt. Etwa 20 bis 25 Prozent der Gräber seien dringend sanierungsbedürftig, schätzt Rabbiner Alexander Nachama: »Und hier geht es nicht um Schönheitsreparaturen, sondern um Sicherungsmaßnahmen.«

Der Jüdischen Gemeinde zu Dresden fehlt hierfür das Geld. »Zwar gibt es immer mal wieder Fördermittel, aber die reichen nicht aus«, bedauert Nachama. Zumal die 700 Mitglieder starke jüdische Gemeinde gerade erst in die Erweiterung des Hains investiert hat, weil das bestehende Gräberfeld mit 3000 Ruheplätzen überfüllt war.

Deshalb sucht die jüdische Gemeinde jetzt verstärkt nach Grabpaten, sie sich um die Instandsetzung und die Pflege einzelner Gräber kümmern. 16 Patenschaften gibt es schon, unter anderem ist das Grab in Pflege, in der die Gemeinde Torarollen begraben hat, die durch die Nazis geschändet und damit unbrauchbar geworden waren. Eine Grabpatenschaft besteht auch für die Ruhestätte des Grafikers Bruno Gimpel (1886–1943) und das Grab des Bakteriologen Heinrich Conradi (1876–1943).

Manche Paten übernehmen die Grabpflege selbst, andere zahlen rund 40 Euro im Jahr und lassen die Ruhestätte durch den Friedhofsgärtner pflegen. Die Motive der Grabpaten sind unterschiedlich. Manche sind Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und handeln aus persönlicher Verbundenheit zu einem Verstorbenen oder dessen Familie. Andere, auch nichtjüdische, Paten wollen schlicht etwas Gutes tun.

Vorbilder Die Gemeinde hofft, dass sie bald weitere Unterstützer für die maroden Gräber findet. Gerne würde man dabei zweigleisig fahren: »Wir möchten möglichst Privatpersonen oder auch Schulklassen gewinnen, die sich um die Pflege bestimmter Gräber kümmern«, erklärt Gemeindemitglied Kai Lautenschläger. Insbesondere die Grabpflege durch Schulklassen klappt andernorts schon gut. Zum Beispiel sorgen sich im Bremer Ortsteil Hastedt, in Dreieich und in Solingen Schüler um verwaiste jüdische Gräber.

Andererseits hoffen die Dresdner aber auch auf finanzkräftigere Gönner, die in der Lage sind, aufwendige Projekte zu stemmen – zum Beispiel die Sanierung von Mauern oder die Sicherung großer Grabmäler, an die aus versicherungstechnischen Gründen nur ein Steinmetz Hand anlegen darf.

Rabbiner Nachama und Kai Lautenschläger können sich vorstellen, dass hier Firmen oder Vereine in die Sponsorenrolle schlüpfen, etwa, weil sie durch ihr Geschäft oder ihren Vereinszweck einen besonderen Bezug zu einem der Beigesetzten auf dem Neuen Israelitischen Friedhof haben. So könnte ein Musikverein das Grab eines Musikers unter seine Fittiche nehmen, ein Literaturzirkel die Ruhestätte eines Literaturprofessors, eine Bank das Grab eines Bankiers. Derzeit sucht die jüdische Gemeinde nach einem Paten für das Grab des 1897 verstorbenen Dresdner Bankiers und Königlich Sächsischen Kommerzienrats Joseph Bondi.

Nachfahren Zum Teil befindet sich die Grabpflege aber auch noch in Familienhand, selbst wenn die Familien längst nicht mehr in Dresden wohnen. So finanzieren zum Beispiel die Nachfahren der Bankiersfamilie Arnhold die Instandhaltung der Familienruhestätte. Ab und zu, so erzählt Rabbiner Nachama, ergeben sich neue Kontakte zu den Nachkommen ausgewanderter Dresdner Juden, die sich auf ihre Wurzeln besinnen und sich dann auch um ihre Familiengräber kümmern. Die jüdische Gemeinde lädt regelmäßig die Nachkommen der aus Dresden geflohenen Juden zu einem Besuch ein. Dann steht auch immer der Gang über den Friedhof in der Fiedlerstraße auf dem Programm.

Damit künftige Generationen nicht die gleichen Sorgen plagen wie die Gemeinde heute, hat man für neue Gräber verfügt, dass die Grabsteine maximal 1,20 Meter hoch sein dürfen. Denn die Erfahrung zeigt: Niedrige Steine sind solider.

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