Porträt der Woche

Paragrafen und Noten

Seit dem sechsten Lebensjahr mit der Geige verbunden: Ilan Gilad (24) Foto: Jörn Neumann

Porträt der Woche

Paragrafen und Noten

Ilan Gilad studiert Geige und Jura. Nebenbei organisiert er Streichquartette für Feiern

von Annette Kanis  04.01.2011 16:42 Uhr

Aus Erzählungen weiß ich, dass ich irgendwann aus dem Kindergarten kam und gesagt habe, ich möchte Geige und Klavier spielen. Meine Eltern haben mich schräg angeguckt und meinten, gut, probieren wir das mal aus. Durch Zufall ergab sich, dass ich für beide Instrumente an der Musikschule Krefeld eine Zusage bekam. Mit fünfeinhalb Jahren fing ich also mit Geigen- und Klavierunterricht an, beides am gleichen Tag. Meine Eltern wollten, dass ich das Instrument lerne, was mir gefallen würde. Dann gefiel mir wohl beides so gut, dass ich auch beides weitergemacht habe.

Nach dem Abitur fing ich an der Musikhochschule Maastricht an, Geige zu studieren. Ich fühlte mich zwar ausgefüllt durch die Musik, aber ich wollte nicht eines Tages mein Berufsleben als Orchestermusiker verbringen oder nur unterrichten. Ich bekam mit, dass ein paar meiner Freunde anfingen, Jura zu studieren. Das interessierte mich. Seit vier Jahren studiere ich nun in Bonn Rechtswissenschaften und mache nächstes Semester hoffentlich mein Staatsexamen.

Meine Tage sind zurzeit recht eintönig. Gegen 7 Uhr stehe ich auf und gehe in die Unibibliothek. Dort lerne ich, meistens bis 18 Uhr. Abends komme ich nach Hause, mache mir etwas zu essen. Dann bearbeite ich noch irgendwelche Rechnungen oder Anfragen für ein Streicherensemble, das ich organisiere. Manchmal gucke ich danach noch Fernsehen oder rufe Freunde an. Zweimal in der Woche habe ich ein Examensrepetitorium. Da wiederholen wir den ganzen Stoff, den man draufhaben muss. Das ist reiner Drill.

Auftritte Als ich damals anfing, Musik zu studieren, hatte ich auf einmal ziemlich viele Anfragen von verschiedenen Leuten, die zufällig innerhalb eines Monats alle ein Streichquartett bestellen wollten. Ich überlegte, wie man das zusammenfassen könnte. Für jeden Auftritt hatte ich andere Leute eingeplant, brauchte aber einen festen Namen. So kam ich auf »Ad Libitum«, weil das in der Musik »nach Belieben« heißt. Wir haben auch überall etwas anderes gespielt, so passte das.

Irgendwann kam ich auf die Idee, eine Homepage zu machen. So liefen immer mehr Anfragen ein. Inzwischen gibt es fast jedes Wochenende ein bis drei Auftritte. Ich war selbst überrascht, dass es so gut läuft. Meist spiele ich selbst mit, nur zurzeit nicht, weil ich viel zu tun habe für die Uni. Wenn jetzt während der Examensvorbereitungen an manchen Tagen acht Anfragen eintreffen, kann es schon sein, dass ich die Krise bekomme. Aber ich versuche, meinen Tag zu strukturieren und mir die verschiedenen Bereiche gut einzuteilen. Aber das gelingt nicht immer.

Wir hatten ein paar prominente Auftritte dieses Jahr. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hatte uns für mehrere Anlässe gebucht, zum Beispiel für die Verleihung von Bundesverdienstkreuzen. Letztes Jahr haben wir in Mönchengladbach bei einer Rede des Nobelpreisträgers für Medizin gespielt. Dann hatten wir mehrere Auftritte mit Francesco Napoli, einem italienischen Schlagersänger, zum Beispiel in Krefeld auf der Straßenmodenschau.

Hochzeiten Meistens spielen wir auf christlichen Hochzeiten. Ich bin mittlerweile ein richtiger Trauungsexperte geworden. Dieses Jahr war ich mindestens auf 15, wenn nicht auf 20. Trotzdem ist es so, dass ich immer mal wieder meine Leute fragen muss, was das jetzt genau ist. Wenn es heißt, bitte spielen Sie nach dem Sanctus, dann muss ich mich erst mal bei meinen Kollegen erkundigen. Auf jeden Fall möchte ich das, was ich jetzt mit dem Quartett mache, fortsetzen. Nach dem Studium würde ich es gern zu einer Agentur ausbauen, mich auf Urheberrechte spezialisieren und Musiker und CD-Labels beraten.

Neben dem Ensemble werde ich als einzelner Musiker über Agenturen gebucht und spiele im Fernsehen bei Background-Auftritten. Dort ist alles playback. Also das, was man als Fernsehzuschauer hört, kommt vom Band, aber vor Ort im Studio spielen wir live. Vergangene Woche war ein Auftritt mit Sarah Connor bei der Vox-Castingshow »X Factor«, die Woche davor habe ich mit David Garrett und Mike Batt gespielt bei der »Ultimativen Chartshow« auf RTL und letztes Jahr beim »Supertalent« mit Susan Boyle und Paul Potts.

Es ist auf jeden Fall interessant. Man kommt in die Sendungen rein, die man nur aus dem Fernsehen kennt. Plötzlich ist man mitten unter den prominenten Leuten. Am Anfang war ich hellauf begeistert und fand das toll. Im Studio ist es wie in einer Parallelwelt. Aber mittlerweile ist es nur noch ein Job. Man fährt hin, macht das und fährt wieder zurück. Als wir mit David Garrett gespielt haben, war er eigentlich wie einer von uns. Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass jede Generation ihren Geiger braucht, ob das jetzt David Garrett ist oder in anderen Jahrzehnten André Rieu oder Helmut Zacharias. David Garrett weiß, wie er die jungen Leute für sich gewinnen kann. Ich möchte das gar nicht werten. Ich nehme ihn einfach zur Kenntnis. Ich finde es gut, dass er Erfolg hat. Aber ich weiß, dass viele Musiker ihn total ablehnen und gar nicht gut finden, was er macht.

Ich höre sehr gern Jazz. Klassik nicht unbedingt, aber wir spielen es viel. Ich freue mich immer, wenn ich meinen Auftraggebern das bieten kann, was sie hören möchten. Dann spiele ich das auch gerne. Ich habe da keine Favoriten, außer Tangos vielleicht. In unserem Repertoire haben wir auch jüdische Stücke, aber es ist eigentlich eher selten, dass wir sie spielen. Ausnahmen waren die Eröffnung der Synagoge in Krefeld oder die Jubiläumsfeier des Nelly-Sachs-Elternheims in Düsseldorf.

Familie Mein Vater kommt aus Lübeck, meine Mutter ist in Kasachstan geboren. Beide sind in Israel aufgewachsen. Sie haben sich dort beim Militär kennengelernt. Seit 40 Jahren sind sie jetzt in Deutschland. Ich bin in Krefeld geboren. In Deutschland bin ich aufgewachsen, habe hier meine Freunde. Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht nach Israel ziehen möchte. Aber wenn ich einmal im Jahr dort im Urlaub bin und die Familie meiner Eltern besucht habe, dann bin ich danach auch immer wieder froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich bin eben hier verwurzelt.

Im Studentenalltag spielt es eigentlich keine Rolle, dass ich Jude bin. Manchmal werde ich gefragt, woher ich komme. Dann sage ich, ich komme aus Krefeld. Oder ich sage, ich komme aus Schweden, weil das gar nicht passt, denn ich sehe nicht typisch deutsch aus. Ich erkläre dann, dass mein Name hebräisch ist, und dann verstehen die Leute meist schon, dass ich Jude bin.

Mit meinen Eltern spreche ich Hebräisch, auch mit meinem Bruder. Mein Vater ist seit Anfang der 80er-Jahre zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Krefeld. Dadurch hatte ich auch eine nähere Beziehung zur Gemeinde. Jetzt ist es ein bisschen weniger geworden, weil ich die Woche über in Bonn bin.

Die Religion ist für mich eine Art Ruhepol. Im Alltag spielt das Judentum keine große Rolle, aber ich weiß, dass es da ist. Ich halte mich nicht an alle Regeln, aber ich versuche, Traditionen zu bewahren. Freitagabend komme ich häufig nach Düsseldorf zu meinem Bruder, seiner Frau und der kleinen Tochter, um den Schabbatanfang mit einem gemeinsamen Essen zu verbinden.

In den nächsten Monaten werde ich versuchen, mein Studium ordentlich zu Ende zu bringen. Bis dahin möchte ich auf jeden Fall mein Quartett weiter managen, um möglichst immer bessere Auftritte zu bekommen. Und was dann passiert, da lasse ich mich überraschen.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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