Stuttgart

Orchesterreif

Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren bundesweit als Austragungsort des größten Musikwettbewerbs jüdischer Gemeinden einen Namen gemacht. Für den 7. Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb meldeten sich in diesem Jahr mehr als 60 Nachwuchstalente aus der ganzen Republik, der Schweiz und Israel sowie Brasilien und China an. Grund genug für die Initiatorin Margarita Volkova-Mendzelevskaya, die Konkurrenz an zwei Sonntagen stattfinden zu lassen.

Die ersten Preisträger wurden von der international besetzten Jury bereits am 9. Juni aus den Bereichen Streich-, Zupf-, Blasinstrumente, Duo und Kammermusik gekürt. Am 16. Juni folgten die Vorspiele und Auszeichnungen in den Kategorien Klavier und Gesang. Dabei zeigten sich eindrucksvolle Doppelbegabungen.

Eva-Maria Pozin sagt es geradeheraus: »Ich mag es, auf der Bühne zu spielen.« Es sei einfach »aufregend«. Seit ihrem vierten Lebensjahr spielt die Neunjährige Violine und Klavier, übt, sooft sie Zeit dazu hat, denn sie malt auch gern, geht regelmäßig schwimmen und zum Eiskunstlauf. Bevor sie ihr Programm für die Geige, den Nata-Walzer, Opus 51, Nr. 4 von Peter I. Tschaikowski, das Caprice für Geigen-Solo in D- Dur, Opus 3, Nr. 28 und Sicilienne und Rigaudon von Fritz Kreisler am ersten Wettbewerbstag der Jury vorgetragen hatte, hatten bereits ihre Klassenkameraden in der Grundschule Esslingen-Sulzgries schon einmal applaudiert. Eva-Maria hatte kurzerhand ihre Generalprobe in das Klassenzimmer verlegt.

Vorlieben »Die finden es gut, dass ich Geige spiele«, sagt die Neunjährige. Es scheint also eine Mär zu sein, dass junge Menschen Clubsound der klassischen Musik vorziehen.

»Mit dem Wettbewerb gehen wir auf die Zuwanderer zu, denn eine klassisch-musikalische Ausbildung spielt in diesen Familien, die immerhin 80 bis 90 Prozent der Mitglieder der jüdischen Gemeinden ausmachen, noch immer eine große Rolle«, sagt Barbara Traub. Ziel der württembergischen Gemeinde sei, mit einem Wettbewerb die Wertschätzung der Familien gegenüber der Musik zu fördern und beizubehalten, so die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW).

Auch Eva-Marias Eltern kamen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland; der Vater aus St. Petersburg, die Mutter aus Sibirien, die Tochter wurde in Stuttgart geboren. Eva-Marias Üben und die Unterstützung ihrer Mutter, einer Musikerin, haben sich gelohnt. Für ihren Geigen-Vortrag erhielt die Neunjährige in ihrer Altersgruppe einen der ersten Preise. Nur sieben Tage später stellte sich Eva-Maria erneut der Jury und erhielt für ihren Wettbewerbsbeitrag auf dem Klavier ebenfalls einen ersten Preis.

Wer die Programme der vergangenen Karl-Adler-Wettbewerbe durchblättert, dem fallen sofort die fast ausnahmslos russischen Namen der Lehrer auf. Und wer den Vorträgen beiwohnt, kann beobachten, dass oft Mütter am Klavier ihre Geige spielenden Kinder begleiten. Mütter sind zugleich Lehrer und nicht nur wohlwollende Begleiter. So ist es kein Wunder, dass sich die daraus ergebende Atmosphäre von der bei einem staatlich organisierten Musikvorspiel wesentlich unterscheidet: Wie elektrische Spannung knistert es im Vortragssaal der IRGW.

Jury Jetzt wird Julian Lehmann spielen. Sein Lehrer, David Grigorian, sitzt in der Jury. Keine leichte Aufgabe für den Cello spielenden Jungen, aber das lässt sich der fast Neunjährige nicht anmerken. Gefasst, mit raschen Blicken über die Brillenränder hinweg, trägt er den ersten Satz aus Antonio Vivaldis Konzert in a-Moll, RV 422 und Felix Mendelssohn-Bartholdys Lied ohne Worte, Opus 62 vor.

Julians verschmitzter Charme lockt ein winziges Lächeln auf die Gesichter der Jury. Und sein Abgang aus dem Saal – nach ordentlicher Verbeugung, das Cello in der rechten Hand, den Hocker in der linken hinter sich herschleifend – ist unbeachsichtigt schon fast eine Performance. Auch Julian bekam für seinen Vortrag einen ersten Preis in seiner Altersgruppe.

Wie sehr sich Auszeichnungen und Preise auf die Motivation junger Musiker auswirken, kann Cezar Salem erzählen. »Man weiß nicht immer so genau, ob man wirklich gut ist, aber eine Förderung ist ein gutes Feedback«, sagt der 24-jährige Geiger. Cezar hatte über ein Jurymitglied und seinen Stuttgarter Musikerkollegen David Tonojan (Klavier) vom Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb erfahren. Für das anspruchsvolle Programm und ihre intensive Interpretation wurde das Duo in der Altersgruppe Musikstudierende am 9. Juni mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Studienort »Deutschland ist der beste Platz, um klassische Musik zu studieren«, sagt Salem. Die Tradition und die Infrastruktur an den deutschen Musikhochschulen waren es, die den gebürtigen Brasilianer vor neun Jahren nach Deutschland zogen. »Warum denn ausgerechnet Deutschland?«, sei er in Rio de Janeiro von seinem jüdischen Freundeskreis gefragt worden. »Ich konnte ihnen schon bald sagen, Deutschland hat sich sehr verändert, es gibt keinen Grund mehr zur Sorge«, sagt der Musiker. Und Kinder und Jugendliche aus jüdischen Familien mit einem eigenen Wettbewerb zu fördern, hält der Geiger für eine »wunderbare Idee«.

Am vergangenen Sonntag schließlich wurde der Wettbewerb mit weiteren eindrucksvollen Darbietungen abgeschlossen. 28 junge Musiker erhielten erste, zweite und dritte Preise. Die IRGW, die Jüdischen Gemeinden Baden, das Stuttgarter Lehrhaus, die Klavierschule Volkova sowie viele Einzelförderer und Firmen wie das Piano Centrum Matthaes, RAS Finanzdienstleistungen, die Familie Moroz und Vamosi hatten Preise ausgelobt. Den Löwenanteil übernahm die IRGW mit 7500 Euro, die Gemeinden Badens mit 2000 und das Lehrhaus mit 1500 Euro.

Sonderpreise gingen an die besten Interpreten von Werken jüdischer, romantischer oder zeitgenössischer Komponisten, für den künstlerischen Ausdruck und für die jüngsten Teilnehmer. Beim großen Preisträger-Konzert im Gemeindehaus in der Hospitalstraße am 23. Juni werden sich alle wieder treffen.

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