Hannover

Offenes Haus

Es war ein kleiner Anfang, damals vor 70 Jahren. Nur 25 Plätze gab es im Jüdischen Seniorenheim an der Haeckelstraße. Es war auch ein schwerer Beginn, nur sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schoa. Aber es war ein wichtiges Zeichen, mitten in Hannover. Und das ist nun am Mittwoch vergangener Woche gefeiert worden: das 70-jährige Bestehen des Hauses, in dem heute 84 Seniorinnen und Senioren leben.

Bereits 1952 machten sich hannoversche Persönlichkeiten wie Helmut Fürst, Theodor Hohenstein und Leon Feller daran, den Verein Jüdisches Altenheim zu gründen – um geretteten Jüdinnen und Juden eine neue Heimat zu bieten. Einige der wenigen Überlebenden des Holocaust seien in Hannover »einfach hängen geblieben«, erinnerte Artur Michalowitz vom Vorstand der Stiftung des Seniorenheimes in seiner Festrede.

LEISTUNG Michalowitz bezeichnete die frühe Errichtung des Altenheims, das an vormalige Versorgungseinrichtungen vor Enteignung der einstmals blühenden Jüdischen Gemeinde in Hannover anknüpfte, als eine historische Leistung. »Hier in Hannover zu leben, war für die meisten der Verbliebenen nach der Schoa undenkbar.« Denn die Schoa sei in jener Zeit keineswegs vorbei, sondern in den Albträumen äußerst präsent gewesen, sagte Michalowitz.

»Wie wir mit unseren Schwachen umgehen, definiert uns als jüdische Gemeinschaft.«

Abraham Lehrer, Zentralratsvizepräsident

Zu jener Zeit habe es nur noch 400 Jüdinnen und Juden gegeben, die wieder nach Hannover gekommen seien – von ehemals 6000. Das Altenheim und die 1963 in unmittelbarer Nachbarschaft errichtete Synagoge hätten eine Art Ersatzfamilie für die Überlebenden geboten.

FAMILIE So seien 90 Prozent der ersten Bewohner des Altenheims Christen gewesen, erinnert sich Werner Fürst, Sohn des Altenheimgründers und Bruder des langjährigen Präsidenten des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst. »Ich spreche hier heute aber als einfaches Mitglied der Familie Fürst«, betonte Werner Fürst.

Eine »damals zu 90 Prozent christliche Sache« sei die Einrichtung in den frühen 50er-Jahren gewesen, weil es damals überhaupt keine alten Jüdinnen und Juden mehr in Hannover gegeben habe. »Sie waren entweder tot oder in die USA oder andere Staaten emigriert.« Aus heutiger Sicht sei der Grundstückskauf an der Haeckelstraße an der Peripherie der hannoverschen Innenstadt ein sehr vorausschauender Akt gewesen, meinte Fürst.

Den Grundsatz, für alle offen zu sein, hat die Einrichtung stets gepflegt. Drei Viertel der 84 Bewohnerinnen und Bewohner des nach mehreren Um- und Neubauten architektonisch hervorstechenden Gebäudes sind Jüdinnen und Juden. Viele von ihnen kommen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Und heute gebe es nicht nur eine jüdische Gemeinde in Hannover, sondern vier, betonte Michalowitz: »Welch eine Vielfalt, welch ein Reichtum.« Dies bedeute zwar manchmal auch Konkurrenz, sei aber unter dem Strich ein großer Gewinn.

empathie »Wie wir mit unseren Schwachen umgehen, definiert uns als jüdische Gemeinschaft«, betonte Festredner Abraham Lehrer, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Das Schlüsselwort sei hier Empathie.

»In der damaligen Zeit, in dieser Gemengelage, ein solches Haus zu gründen, nötigt mir Respekt ab«, sagte Lehrer – und unterstrich, dass das Altenheim auch zur interkulturellen Verständigung beitrage, denn in den ehemaligen Sowjetstaaten sei man es gar nicht gewohnt gewesen, Angehörige in Seniorenheime zu geben.

Wichtig sei auch, dass in diesem Seniorenheim nicht nur koscher gelebt werden könne, sondern auch spirituell, meinte Lehrer.

POLITIK Trotz des festlichen Anlasses könne er aber seine großen Sorgen, dass die rechtsextremistische AfD jetzt im Osten Deutschlands sogar einen Landrat stelle, nicht verschweigen, sagte Lehrer. Bei früheren rechtsextremistischen Parteien wie der NPD und anderen habe man sich noch damit trösten können, dass sie irgendwann verschwunden seien. Doch hier nicht. »Ich kann die Wähler nicht verstehen.« Mit einem AfD-Repräsentanten als Landrat umgehen zu müssen, falle den Jüdischen Gemeinden jedenfalls sehr, sehr schwer.

Das Altenheim war zu Beginn für viele Jüdinnen und Juden eine Art Ersatzfamilie.

Auch Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen) bedrückt die Tatsache, dass die Rechtsextremen jetzt einen Hauptverwaltungsbeamten stellen. »Das ist keine Kleinigkeit«, sagte er vor der Festgemeinde. Dagegen helfe nur bürgerschaftliches Engagement. Die Vielfalt, die auch in den Festreden zum Jüdischen Altenheim gepriesen werde, müsse nicht nur unterstützt, sondern auch immer wieder verteidigt werden, sagte Onay.

Das unterstrich auch Onays Parteikollegin Meta Janssen-Kucz, Vizepräsidentin des Landtages. Sie berichtete, dass sich durch das Auftreten der AfD im niedersächsischen Landtag auch die sprachlichen Grenzen des Unsagbaren immer wieder verschöben.

Weitere Informationen unter www.juedisches-seniorenheim-hannover.de

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