Dortmund

»Nie vergessen!«

Stolperstein für die Urgroßeltern: Laura Kam mit ihrem Mann Jeremy Issacharoff (r.) Foto: Jochen Linz

Dortmund

»Nie vergessen!«

Stolpersteine erinnern an die Eheleute Hacker

von Stefan Laurin  13.08.2020 09:24 Uhr

Man merkte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau seine Gefühle an, als er am Montag Israels Botschafter Jeremy Issacharoff und seine Ehefrau Laura Kam begrüßte: »Ich freue mich, dass Sie heute mit Ihrer Tochter zu uns gekommen sind. Ihre Frau hat Dortmunder Wurzeln, wir sind stolz auf die jüdische Gemeinde in unserer Stadt, aber wir sind auch stolz auf die jüdische Tradition Dortmunds.«

Die Stolpersteine seien eine bedeutende und dauerhafte Form der Erinnerung an die entsetzlichen Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ihre Opfer blieben so nicht anonym, sagte Sierau.

Sicherheit Dass jüdisches Leben noch immer keine Selbstverständlichkeit in Dortmund wie in ganz Deutschland ist, daran erinnerten die hohen Sicherheitsmaßnahmen die Teilnehmer der Veranstaltung.

Und auch Laura Kam stellte in ihrer Rede fest: »Als Nachfahrin deutscher Juden, die aufgrund ihrer Religion unerträgliche Grausamkeiten erlebten, bin ich zutiefst besorgt über die Zunahme antisemitischer Einstellungen und Vorfälle hier in Deutschland und in weiten Teilen der Welt.« Es sei klar, dass in diesem Kampf, um Anstand an allen Fronten noch viel Arbeit zu leisten sei, sagte Kam. »Ich schätze jeden, der sich gegen Antisemitismus und alle Formen des Hasses gegen ›den anderen‹ einsetzt.«

Rosa und Abraham Hacker waren Einwanderer aus Galizien, die sich zur Jahrhundertwende in Dortmund niederließen, einer damals schnell wachsenden Industriestadt. Erfolgreich im Geschäftsleben, zogen sie fünf Kinder in Dortmund groß, bevor sie am 29. Oktober 1938 im Rahmen der »Polenaktion« deportiert wurden.

Im polnischen Zbaszy, etwa 100 Kilometer von Frankfurt/Oder entfernt, wurde das Ehepaar interniert. Über Umwege konnten die beiden in ihre Wohnung in der Leopoldstraße 54 zurückkehren, die während der Pogromnacht 1938 von örtlichen Nazis und Bewohnern geplündert worden war. Ihr gesamtes Hab und Gut war gestohlen oder zerstört worden.

Die Familie war ohne jegliche Bürgerrechte, ihnen wurde nicht gestattet, ohne Genehmigung Radios, Telefone oder die Straßen zu benutzen. Schließlich wurden Rosa und Abraham Hacker verhaftet und mussten unter unmenschlichen Bedingungen im Ghetto in der Parsevalstraße 2/6 mit anderen verbliebenen Juden leben. Rosa Hacker starb dort im Dezember 1941 im Alter von 68 Jahren. Abraham Hacker wurde aus dem Ghetto deportiert und 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Er war 76 Jahre alt.

Unterricht Jeremy Issacharoffs Familie lebte während der Schoa in Jerusalem, er, 1955 geboren, wuchs in England auf. Dort wurde der Holocaust nur dank eines engagierten Lehrers zum Thema in der Schule. »Erst als ich Laura heiratete, deren Familie viele Mitglieder verloren hatte, erkannte ich ganz persönlich, dass die Schoa im Bewusstsein der Überlebenden niemals endet«, sagte der Botschafter.

Seine Frau und ihre Tante hätten davon erzählt, wie sie als Kinder in Belgien versteckt wurden, wie der Vater in Brüssel auf der Straße von der Gestapo festgenommen und in Auschwitz ermordet wurde. »Als ich gefragt wurde, ob ich israelischer Botschafter in Deutschland werden möchte, war mir klar, dass das die emotional herausforderndste Position im Auswärtigen Dienst Israels ist.« Trotz ihrer eigenen Geschichte habe seine Frau ihn ohne zu zögern dabei unterstützt, den Posten anzunehmen.

Aufgabe »Heute schließt sich ein Kreis. Wir gedenken Rosa und Abraham Hacker«, sagte Issacharoff. Die persönliche Erinnerung müsse der Anlass sein, gegen jede Form von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit. Rassismus und Vorurteile zu kämpfen. »Als Juden müssen wir uns immer dafür einsetzen, dass der Holocaust nie vergessen wird. Als Israelis dürfen wir unsere Entschlossenheit, eine Wiederholung des Holocaust zu verhindern, nie vergessen. Als Menschen sollten wir beides tun.«

Dortmunds Gemeinderabbiner Baruch Babaev erinnerte daran, dass die Schoa keine 80 Jahre her ist und es schon schwer war, die Geschichte von Rosa und Abraham Hacker nachzuzeichnen.

»Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass wir hier vor einem Kindergarten stehen und es zur Bücherei nicht weit ist, vielleicht hilft all das gegen den Hass in den Köpfen. Wir dürfen nicht zulassen, dass so etwas wieder geschieht. Ich wünsche mir, meinen Namen nicht hier zu sehen«, sagte Babaev angesichts der beiden Stolpersteine die nun an Rosa und Abraham Hacker erinnern.

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