Antisemitismus

»Nicht das letzte Wort«

Mit Bestürzung und großer Sorge hat Charlotte Knob­loch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, auf die beiden antisemitisch motivierten Gewalttaten in der bayerischen Landeshauptstadt in der vergangenen Woche reagiert.

In der Nacht von Montag auf Dienstag war in der Clemensstraße im Münchner Stadtteil Schwabing das Erinnerungszeichen für den Historiker Michael Strich mit Farbe beschmiert worden. Außerdem wurde die Befestigung der Stele im Boden in Mitleidenschaft gezogen.

Die Schäden konnten nach aufwendigen Reinigungsarbeiten rechtzeitig für die offizielle Einweihung des Erinnerungszeichens am Mittwoch beseitigt werden. Zum Zeitpunkt der Tat stand die Stele erst seit wenigen Stunden dort.

Zum Zeitpunkt der Tat stand die Stele erst seit wenigen Stunden dort.

Der jüdische Wissenschaftler Michael Strich, dem das Erinnerungszeichen gewidmet ist, gehörte zu den 1000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die am 20. November 1941 von München nach Kaunas (Litauen) deportiert und dort wenige Tage später von der SS ermordet wurden. Zuvor waren er und seine Familie den Repressalien der Nazis ausgesetzt, sie wurden enteignet und entrechtet.

Nur wenige Stunden nach diesem antisemitischen Vorfall, in der Nacht zum Mittwoch kurz nach drei Uhr morgens, wurden Anwohner der Steinstraße in Haidhausen auf lautes Klirren aufmerksam. Sie verständigten die Polizei. Als die Beamten eintrafen, fanden diese einen Ort der Verwüstung vor. Die Scheiben des israelischen Restaurants »Nana« waren mit Steinen eingeworfen und die Beleuchtung im Gastraum zerstört worden. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

ermittlungen In beiden Fällen ermittelt das Kommissariat 44 der Kriminalpolizei. Diese Abteilung ist ausschließlich für Delikte mit rechtsextremistischem Hintergrund zuständig.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch warnt schon seit Jahren vor dem zunehmenden und inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft reichenden Antisemitismus. Gerade in den letzten Monaten habe man beobachten können, wie schnell Judenhass in physische Übergriffe und psychische Gewalt umschlagen könne – auch in München.

Sie erinnerte in diesem Zusammenhang an den Überfall auf einen Rabbiner und seine Familie im Sommer in Schwabing. Derartige judenfeindliche Vorfälle sind nach Ansicht der IKG-Präsidentin heute kaum mehr überraschend, aber umso schockierender. »Der neue alte Judenhass«, so Knobloch, »ruft erneut die schlimmsten historischen Assoziationen hervor.«

gewalt Ihre Analyse der jüngsten Vorfälle in München fällt eindeutig aus. Die beiden Hasstaten hätten erneut gezeigt, was Antisemitismus heute ausmache. Auf der einen Seite gebe es die Ablehnung der Erinnerung an die Grauen der Vergangenheit, andererseits die Bereitschaft zu Gewalt gegen alles Jüdische.

»Die Urheber beider Taten mögen nicht dieselben gewesen sein«, erklärte die IKG-Präsidentin, »aber ihr Ziel war dasselbe. Sie wollten verhindern, dass jüdische Menschen und jüdische Kultur der selbstverständliche Teil unserer Gesellschaft sind, der sie sein wollen.«

Die Scheiben des »Nana« wurden mit Steinen eingeworfen.

sicherheit Knobloch forderte in diesem Zusammenhang eine klare Positionierung der Gesellschaft. »Wem die Zukunft jüdischen Lebens am Herzen liegt, der muss heute Stellung beziehen, sowohl gegen die Verharmlosung der NS-Zeit als auch gegen die Angriffe, denen die jüdische Gemeinschaft ausgesetzt ist«, erklärte sie. Zugleich wies sie darauf hin, dass durch derartige Taten das Vertrauen von Juden in ihre Sicherheit immer weiter sinke. »Das darf nicht das letzte Wort bleiben«, mahnte sie.

Die IKG-Präsidentin äußerte die Hoffnung, dass die Täter rasch gefunden und hart bestraft werden. Noch mehr hoffe sie allerdings auf einen gesellschaftlichen Aufschrei, den solche Taten nach sich ziehen müssten. Auch wenn die Menschenkette rings um Gemeindezentrum und Synagoge nach dem Anschlag von Halle ein beeindruckendes Zeichen der Solidarität war, warte die jüdische Gemeinde nach solchen Taten noch immer zu oft vergeblich auf diesen Aufschrei.

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