München

Neues Kapitel der Gedenkkultur

Charlotte Knobloch, Rabbiner Shmuel A. Brodman, Dieter Reiter, Andrea Stadler-Bachmaier (v.l.) Foto: Tom J.M. Hauzenberger

Lang hatte München um eine Alternative zu den sogenannten Stolpersteinen gerungen, dann aber einen eigenen Weg gefunden, der ein Gedenken an die Opfer der NS-Zeit in der Stadt auf Augenhöhe möglich macht.

Vor fünf Jahren wurden die ersten Erinnerungszeichen an Hausfassaden befestigt und in Form von Stelen errichtet. Das kleine Jubiläum wurde nun mit einem »Gedenktag« gewürdigt – bei einem musikalisch umrahmten Festakt im Alten Rathaussaal, dem sich die Enthüllung elf weiterer Erinnerungszeichen an fünf Orten rund um den Marienplatz anschloss.

In der Königinstraße 85 ist am 26. Juli 2018 die erste dieser Plaketten, die man inzwischen an 80 Stellen im Stadtgebiet antrifft, angebracht worden. Sie ist Franz und Tilly Landauer gewidmet, die hier gewohnt hatten, noch nach Amsterdam flüchteten und später im Holocaust ermordet wurden. Über 200 Opfer der NS-Diktatur in München haben seither ein Erinnerungszeichen bekommen.

ansprache Sie alle, sagte in ihrer Ansprache Charlotte Knob­loch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, »waren der festen Überzeugung, geachtete Bürger zu sein«. Auch ihr Vater sei »über Nacht vom angesehenen Anwalt zum Ausgestoßenen geworden«. Knobloch warnte: »Dass die Geschichte nur Geschichte sei, ist ein gefährlicher Irrtum.«

Mit den von Kilian Stauss »fantastisch umgesetzten« Erinnerungszeichen habe München »ein neues Kapitel in der Geschichte der Gedenkkultur« aufgeschlagen. Die Plaketten ermöglichten ein »würdiges« Erinnern, man könne die Münchner von damals auf Augenhöhe kennenlernen.
Dass die Erinnerungszeichen den Münchnern eine »Herzensangelegenheit« geworden sind, war Inhalt so gut wie aller Redebeiträge an diesem Nachmittag.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) berichtete von »beeindruckenden Veranstaltungen mit Angehörigen«, wann immer neue Zeichen enthüllt wurden. Weitere 150 Anträge für Plaketten lägen dem Kulturreferat vor, viele davon, betonte Kulturreferent Anton Biebl, kämen aus der Bevölkerung.

lernorte Hausgemeinschaften, ehemalige Nachbarn und natürlich Schulen würden immer wieder das Anbringen von Erinnerungszeichen initiieren. Derweil bezeichnete der Historiker Michele Barricelli die vergoldeten Edelstahl-Plaketten als »Zeichen der Trauer«, aber auch als »Ausweise des Lebens« – indem sie Orte in der Stadt zu Lernorten machten. Betrachter würden in die auf den Plaketten erzählten Geschichten »verstrickt«, »der Blick bleibt hängen und strauchelt«.

Dann war es 17.30 Uhr an diesem Donnerstag. Fünf Jahre, nachdem das erste Erinnerungszeichen in München montiert worden war, wurde vor der Buchhandlung Hugendubel eine Stele eingeweiht, die an Emma, Hertha und Erich Emanuel Steinitz erinnert. Ende 1940 waren sie aus ihrer Wohnung hier am Marienplatz vertrieben worden. Emma starb 1941, Hertha und Erich Steinitz wurden nach Kaunas verschleppt und dort am 25. November 1941 von der SS erschossen. Rabbiner Shmuel Aharon Brodman sprach für sie das Totengebet El Male Rachamim.

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 5. Februar

 28.01.2026

Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Sie würden uns zurufen: »Wehrt euch gegen diesen Hass! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen«

von Avitall Gerstetter  28.01.2026

Berlin

Feuer im Jüdischen Krankenhaus: Kein antisemitisches Motiv

In der Nacht kommt es zu einem Feueralarm. Ein Patient steht im Verdacht, einen Brand verursacht zu haben. Viele Details sind weiterhin unklar

 28.01.2026 Aktualisiert

Gedenken

Union Berlin und Hertha BSC gedenken gemeinsam der Holocaust-Opfer

Am internationalen Holocaust-Gedenktag erinnerten die beiden Stadtrivalen Hertha BSC und Union Berlin gemeinsam an die Deportationen, die in der NS-Zeit vom S-Bahnhof Grunewald ausgingen Beide Vereine mahnten zum Vertrauen in die Demokratie

 27.01.2026

Gedenken

Iris Berben erinnert an Schoa-Überlebende Margot Friedländer

Die Schauspielerin engagiert sich im Projekt »Ich bin Zweitzeugin von...«. So soll die Erinnerung an die Überlebenden des Holocaust wach bleiben

von Anita Hirschbeck  27.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 27.01.2026

Digitalisierung

Avatare gegen das Vergessen

Wie soll in Zukunft an die Schoa erinnert werden? Eine Konferenz hat sich unter anderem mit dieser Frage auseinandergesetzt und ein Hologramm der Zeitzeugin Eva Umlauf vorgestellt

von Helmut Kuhn  26.01.2026

Berlin

Vorzeigeprojekt »Kanaan« meldet Insolvenz an

Das israelisch-palästinensische Restaurant im Stadtteil Prenzlauer Berg stellt seinen Restaurantbetrieb bald ein

 26.01.2026