Dirigent Gabriel Loewenheim, Lekulam
Das Organisationsteam meines Chors hatte schon lange den Wunsch, ein großes Konzert mit weiteren sogenannten hebräischen Chören auf die Beine zu stellen. Nun ist es so weit. »Beʼyachad – Zusammen«, so lautet der Titel. In der größten Synagoge Deutschlands, in der Synagoge Rykestraße, werden am 22. Februar etwa 150 Sängerinnen und Sänger, die fünf Chören angehören, Lieder zum Besten geben. Wir wollen zeigen, dass die jüdische und israelische Kultur einen Platz in Deutschland hat. Auch in dieser Zeit, in der der Antisemitismus stark zunimmt.
Jedes Ensemble singt drei bis vier Lieder, und gemeinsam werden wir noch weitere einstudieren und singen. Lekulam hatte das Glück, dass die israelische Komponistin Anna Segal extra für uns Lieder von anderen Komponisten arrangiert hat. Besonders bewegend ist das Lied »Lachso Habayta«, das Keren Peles kurz vor dem 7. Oktober 2023 geschrieben hat. Nach dem »Schwarzen Schabbat« bekam der Text »Am Ende will man immer nach Hause zurückkehren« eine besondere Bedeutung für uns. Lekulam habe ich vor sechs Jahren als Chorleiter übernommen. Die Mitglieder mussten mich lange überreden. Als Opernsänger und Kantor habe ich viel zu tun, und ich war mir nicht sicher, ob ich alles schaffen würde.
Nach vier Proben legte das Coronavirus alles lahm. Aber jeder wollte weitersingen, und so kam es, dass wir uns immer per Zoom trafen. Damals waren wir 14 Sänger, heute sind wir mehr als 60. Wir sind ein sehr netter Chor. Alle sind willkommen. Und so ist auch die Atmosphäre. Die Jüngste ist 24, die Älteste 84. Einige wohnen im Jeanette-Wolff-Heim, in dem wir immer proben. Manche Bewohner kommen auch zu uns, um nur zuzuhören. Es bringt ihnen große Freude. Natürlich geben wir hier auch Konzerte. Drei- bis viermal im Jahr laden wir dazu ein. Der Chor ist wie eine Familie. Eine sehr große Familie.
Sänger Manfred Füger, Gofenberg Chor
Es brauchte einen kleinen Umweg, um zum Gofenberg Chor zu finden. Familiär vorgeprägt – mein Großvater war Jude –, hat mich alles Jüdische schon immer interessiert. So startete ich 2012 mit einem Literaturkurs an der Jüdischen Volkshochschule – aber nur für ein Semester, denn: Zwei Räume weiter wurde gesungen; dort veranstaltete Josif Gofenberg seinen Kurs »Jiddische Lieder«. Lesen kann man auch allein, dachte ich – aber singen? Männer sind rar in Chören, und so wurde ich gleich mit offenen Armen empfangen und lernte die wunderbaren jiddischen Lieder lieben – sowohl die »freylekhen« als auch die melancholisch-traurigen.
Von Anfang an gefiel mir die familiäre Atmosphäre im Chor. »Jossel«, wie wir ihn nannten, hatte die große Gabe, seine »Mishpokhe« zusammen- und bei Laune zu halten. Aus dem einfachen Liederkurs hatte sich längst ein respektabler Chor entwickelt, der in den nunmehr 21 Jahren seines Bestehens mehr als 200 Konzerte gegeben hat – nicht nur in Berlin und in mehreren deutschen Städten, sondern auch im Ausland: in Antwerpen, Vilnius, Stettin und Krakau.
Vor einigen Jahren hat der Chor sein Repertoire um einige hebräische Lieder erweitert. Und seit Langem wird unser Chorleben vor allem durch zwei wichtige Daten geprägt: die Pogromnacht vom 9. November 1938 und die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. An beiden Tagen organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen nicht nur mit unseren Liedern, sondern auch mit anlassbezogenen Texten. Wir haben in der Gedenkstätte Sachsenhausen, in Kirchen und Synagogen gesungen, bei Stolpersteinverlegungen, zum Gedenktag an die Bücherverbrennung und zum 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels.
Nach dem plötzlichen Tod unseres Gründers vor vier Jahren stand die Existenz unseres Chors kurz auf der Kippe. Doch zum Glück haben wir mit Konstantin Nazarov einen neuen Leiter gefunden, der uns mit Ehrgeiz und eigenen Arrangements in Schwung hält und erfolgreich weiterentwickelt. Auch unter ihm lautet unser Motto unverändert: »Der Seele eine Stimme geben«. Jetzt suchen wir nur noch mehr Männer, die die tiefen Stimmlagen verstärken.
Sänger Karsten Bammel, Hebräischer Chor
Die Journalistin Ruth Kinet war 2014 gerade von Tel Aviv nach Berlin gezogen und vermisste das Leben in Israel. Dann begegnete sie dem Chordirigenten Ohad Stolarz, und gemeinsam beschlossen sie, einen Chor zu gründen, der weltliche und religiöse Musik aus Israel singen würde. Aber wo war der richtige Ort dafür? Die Sophienkirche steht auf einem Grundstück, das die Jüdische Gemeinde der damals in der Spandauer Vorstadt neu entstehenden Kirchengemeinde im Jahr 1710 zur Verfügung stellte. Dafür verlangte sie als einzige Gegenleistung das Versprechen guter Nachbarschaft.
Die ehemalige Pfarrerin der Sophienkirche, Christina-Maria Bammel, bot 2014 im Geiste dieser guten Nachbarschaft dem Chor einen Raum an. Als Mann der Pfarrerin hatte ich die Aufgabe, Gruppen die Räume im Anbau der Sophienkirche aufzuschließen. Eines Abends stand ich an der Tür und spitzte die Ohren. Es waren so ungewöhnliche Melodien und Klänge, die ich da hörte, so seltsam und schön – und ganz und gar nicht Johann Sebastian Bach, den ich aus Kirchenchorzeiten kannte. Ich fragte, ob ich einmal mitsingen könne. Der Chor war eine bunte Truppe aus Berliner Israelis, jüdischen Berlinern aus den USA und diversen europäischen Ländern und »Bio-Berlinern«, die eine persönliche Bindung zur hebräischen Sprache und Kultur hatten.
Nach dem ersten Singen hatte ich sie auch. Anfangs sangen wir Stücke zu Texten aus dem Buch Kohelet und anderen biblischen Schriften; jetzt häufiger populäre zeitgenössische Stücke. Seit 2022 ist Yael Front Chorleiterin, sie hat ein glückliches Händchen für vielfältige, eingängige Konzertprogramme, bei denen immer ein oder zwei Stücke dabei sind, die unter die Haut gehen. Die schöne Musik Israels zu singen, ist für alle im Chor beglückend und bestärkend – besonders, wenn bei Auftritten in Berlin lebende Israelis glücklich mitsummen und andere eine ganz neue Klangwelt für sich entdecken.
Dirigentin Shlomit Yeshayahu, Renanim
Erstmals hörte ich von Renanim Berlin bei einem Event der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, bei dem ich vor zwei Jahren Chormitglieder kennenlernte. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihnen, dass ich Opernsängerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin bin. Sie berichteten, dass sie eine Dirigentin suchen, und fragten mich, ob ich Interesse hätte. Ich war neugierig. Die erste Probe klappte wunderbar – seitdem bin ich mit ihnen zusammen. Am Anfang waren wir vier, jetzt sind wir 13.
Es ist nicht nur ein Chor, sondern wir sind Teil des europäischen Chorprojekts Renanim. Es wurde 2006 in Frankreich ins Leben gerufen, um die jüdische Kultur in Europa zu beleben. Es versteht sich als Zusammenschluss von Chören, deren Schwerpunkt auf hebräischem Chorgesang liegt. Der Grundstock unseres Repertoires besteht aus Arrangements, die von allen beteiligten Chören getrennt einstudiert und zusammen aufgeführt werden. Darüber hinaus sind die Vokalensembles eigenständig und haben zusätzlich ein eigenes Repertoire.
Am Anfang ahnte ich nicht, wie besonders das ist. Einmal im Jahr treffen sich die Chöre. Diese Gemeinschaft hat mich sehr beeindruckt. Mein erstes Treffen war in Amsterdam und inspirierte mich nachhaltig. Danach dachte ich, dass wir jetzt ein Ziel haben, denn im folgenden Jahr waren wir die Gastgeber. Das war im vergangenen Sommer. Es war großartig. Die Leute hatten richtig Lust, gemeinsam zu singen, und das Leistungsvermögen ist auch bei uns enorm gestiegen.
Wir akzeptieren jeden. Alle sind Amateure mit unterschiedlichem Niveau. Das mag ich. Wir sind sehr flexibel, neugierig und vergnügt, singen jüdisches Repertoire, Volkslieder und religiöse Literatur. Manchmal auf Hebräisch, manchmal auf Jiddisch, manchmal auch auf Ladino. Jedes Lied ist anders. Jetzt proben wir die Werke, die Gabriel Loewenheim, der Organisator des Konzerts »Beʼyachad – Zusammen« mitgebracht hat. Gemeinsam erarbeiten wir uns bei jeder Probe ein paar Takte. Aber auch an unserem eigenen Repertoire bleiben wir dran. Ich freue mich auf jede Probe.
Sänger Pedro Elsbach, Shalom-Chor
Ich bin ein Fan der Synagogalmusik, denn sie hat mich geprägt, ich fühle mich da heimisch. Es ist für mich eine Bereicherung, sie mit meiner Stimme im Shalom-Chor gestalten und erleben zu können. Als 13-Jähriger hatte ich Barmizwa. Davor nahm ich Unterricht bei Estrongo Nachama – und mochte das gemeinsame Singen mit dem Kantor. Meine Barmizwa war 1964 die erste in Berlin nach der Schoa. 1994 gründete der frühere Oberkantor den Shalom-Chor, inzwischen leitet ihn Hemi Levison. Doch bis ich mich dem Chor anschloss, vergingen noch ein paar Jahre.
Früher nahm ich auch einmal Gesangsunterricht, aber dann hatte ich beruflich zu viel um die Ohren. Vor 21 Jahren fand ich schließlich die Zeit, die Proben des Shalom-Chors regelmäßig zu besuchen – seitdem weiß ich, was ich dienstags vorhabe. Estrongo Nachama hat mir meine Stimme gebracht – deshalb bin ich zum Chor zurückgekehrt, weil ich das Gefühl hatte: Das ist die Verbindung zu Gott, zu meinem Judentum – weniger die Synagoge. Es ist ein sehr freundlicher Chor. Juden, Christen und andere gehören ihm an – uns verbindet die Musik. Nach den Proben verbringen wir Zeit in einem Restaurant oder im Gemeindehaus, um uns auszutauschen. Wir geben mehrere Konzerte im Jahr – öfters auch außerhalb Berlins. Für das Konzert »Beʼyachad – Zusammen« bin ich nicht nur als Sänger dabei, sondern meine Stiftung unterstützt es finanziell, um es möglich zu machen.
Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt
Das Konzert findet am 22. Februar um 17 Uhr in der Synagoge Rykestraße statt. Der Eintritt ist frei.