Es war ein sonniger Tag im Oktober 1991. An diesem Tag wurde ich in im Rahmen einer Gedenkzeremonie zum 50. Jahrestag der Massenerschießung der jüdischen Bevölkerung meiner Geburtsstadt Dnipro (Ukraine) zum ersten Mal sowohl mit dem Holocaust als auch mit der Geschichte eines elfjährigen Jungen konfrontiert, der im Holocaust seine ganze Familie verloren, mehrere Selektionen und Durchsuchungen überstanden sowie eine Erschießung überlebt hatte und 45 Jahre später mein Großvater wurde.
Ich kann mich noch an jedes Detail erinnern, als wäre es gestern gewesen. Tausende, vielleicht Zehntausende Menschen wickelten sich ein weißes Band mit dem blauen Davidstern um den Arm und trafen sich an jenem Sammelplatz, an dem sich die Juden 50 Jahre zuvor versammeln mussten. Dann marschierten sie los. Kilometer für Kilometer mühte sich diese Prozession ab, bis sie das Ziel erreichte, den Graben am Rande des Universitätsstadions, wo am 13. Oktober 1941 binnen 24 Stunden über 11.000 Juden ermordet worden waren.
Es gibt kaum Augenzeugen und Überlebende. Jeder weiß, was an diesem Ort geschah, aber nur wenige sehen sich berechtigt, etwas darüber zu sagen. Plötzlich merke ich, dass alle meinen Großvater, vielmehr sein Gesicht aufmerksam und erwartungsvoll anschauen. Liegt es vielleicht an der Narbe, die das ganze Gesicht verzerrt? Es ist komisch, aber ich hatte bis dahin nicht verstanden, woher die lange, tiefe Narbe stammte, die seine eine Wangenhälfte mit der anderen verbindet. Da keiner aus der Familie mir die Geschichte dieser Narbe richtig erklären wollte, spürte ich intuitiv, dass sie in Verbindung mit irgendeinem furchtbaren Geheimnis stand, das vor einem Sechsjährigen verborgen werden sollte.
Verborgene Tränen
Jetzt merke ich aber, dass die vielen Blicke diese Narbe zu interpretieren wissen. Sie ist für die Zuhörer die leise Bestätigung dafür, dass mein Großvater diesen Weg nicht zum ersten Mal macht, sie ist ein Beweis dafür, dass er vor 50 Jahren am Rande einer solchen Grube stand und das Geschehen überlebte.
Da keiner aus der Familie mir die Geschichte richtig erklären wollte, spürte ich, dass sie in Verbindung mit irgendeinem furchtbaren Geheimnis stand.
Mein Großvater nimmt mich an der Hand und geht nach vorn. Ich bin sehr nervös. Es ist ungewohnt für mich, vor so vielen Menschen zu stehen. Um die Aufregung loszuwerden, versuche ich mich abzulenken, deswegen überhöre ich hier das Wesentliche an der Geschichte, die mein Opa allen erzählen möchte. Plötzlich nimmt er mich in die Arme, und ich bemerke all die Menschen, die den Kopf gesenkt halten und ihre Tränen zu verbergen versuchen.
Die Stimme meines Großvaters bebt: »Seht ihr, ich habe überlebt, und das ist mein Enkelsohn. Er ist der Beweis dafür, dass ich überlebt habe, sein späteres Leben und das Leben seiner Kinder werden die Existenz meiner Eltern und meiner Schwestern und des gesamten jüdischen Volkes fortsetzen!«
Seit diesem Tag sind mittlerweile fast 35 Jahre vergangen, und seit der Hälfte dieser Zeitspanne befindet sich mein Großvater nicht mehr unter uns. Die Erinnerung an diesen Tag begleitet mich jederzeit und überall. In meiner Kindheit war er immer mein Vorbild und mein Held, den ich leise bewundert habe, da ich keinen Menschen kannte, der im Alter von elf oder zwölf Jahren mit solchen Schicksalsschlägen und Entbehrungen diesen Überlebenskampf überstehen würde.
Bereut, nicht jedes Detail erfragt zu haben
Später war ich immer wieder mit der Fragestellung konfrontiert, dass sein Überleben einer höheren Bestimmung diente, in der wir, seine Nachkommen, eine besondere Bedeutung bekommen sollten. Er hat leider wenig mit mir über sein Leid, sein Ringen mit dem Tod und die vielen Wunder gesprochen. Es gibt aber keine Erinnerung an meinen Großvater, in der ich es nicht bereue, nicht jedes Detail erfragt zu haben, und dann überwältigen mich die Schwerelosigkeit des sechsjährigen Jungen und die Tausenden feuchten Augen, die wieder zu strahlen beginnen, weil sie in meinem Großvater und seinem Enkelkind den Glauben an Wunder zurückerlangen.
Die Narbe hat nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Leben für immer entstellt.
Heute gibt es immer weniger Zeitzeugen der größten Katastrophe des jüdischen Volkes, und viele haben sich auch zu spät getraut, darüber zu sprechen. Leider merke ich, wie schnell die Erinnerungsspuren verblassen, immer häufiger ähneln Filme mit Holocaustbezug irgendwelchen Comicgeschichten, was nicht nur das Leid der Menschen abwertet.
Seit dem elften Lebensjahr
Je älter ich werde, umso stärker wird meine Erkenntnis, dass der Holocaust immer mehr in die Bedeutungslosigkeit rückt. Im April vergangenen Jahres waren bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen nur wenige, viel zu wenige junge Menschen zugegen. Es war eine sehr traurige Erkenntnis für mich. Ich habe mich an viele meiner jüdischen Mitschüler und Freunde erinnert, für die die Erinnerung an den Holocaust eine unangenehme, schambehaftete Narbenlast darstellt, von der bloß keiner etwas erfahren sollte.
Mein Großvater trug diese Narbe seit seinem elften Lebensjahr sichtbar in seinem Gesicht, sie hat nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Leben für immer entstellt, und wir, die Nachfolgegenerationen, dürfen uns als Augenzeugen der Augenzeugen nicht für die Narben unserer Großeltern schämen und deren Versteckspiel mit dem Tod in die hintersten Ecken unseres Gedächtnisses verbannen.
Wir sind der lebende Beweis dafür, warum unsere Vorfahren überlebt haben. Mit unserem Kampf gegen das Vergessen sorgen wir dafür, dass unseren Nachkommen die Erfahrungen unserer Großeltern erspart bleiben.
Der Autor ist Mitglied der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Hannover.
