Gedenkbuch

Namen, Adressen, Geschichten

Stolpersteine in der Duisburger Straße 1 Foto: Gregor Zielke

Einige Berliner Bezirke haben bereits Gedenkbücher in Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Juden herausgegeben, jetzt hat Charlottenburg nachgezogen: Der dicke Band heißt Juden in Charlottenburg. Ein Gedenkbuch. Auf mehr als 450 Seiten werden Menschen vorgestellt, die im Bezirk gelebt haben und von den Nazis deportiert und ermordet wurden, beziehungsweise sich vorher das Leben genommen haben. Zu finden sind sie unter ihren damaligen Adressen. Eine wichtige Initiative. Doch gibt es Kritik daran, dass der Menschen, die Deportation oder Emigration überlebten, da-
mit kaum gedacht wird.

Liste Ziel des Herausgebers Wolfgang Knoll war es, dass Charlottenburger unter ihrer eigenen Adresse sehen können, wer früher dort lebte. So ist eine beeindruckend lange Liste entstanden, die Knoll und sein zu diesem Zweck gegründeter »Verein zur Förderung des Gedenkbuches für die Charlottenburger Juden e.V.« über Suchanzeigen, Archivrecherchen und persönliche Kontakte ausfindig gemacht haben. Ebenfalls wichtig waren Wolfgang Knoll die ausführlichen Informationen über die gegen Juden erlassenen Nazigesetze und -verordnungen. Damit wollte er deutlich machen, dass der übrigen Bevölkerung damals sehr wohl bekannt war, was mit den Juden geschah.

Zusätzlich berichtet das Buch etwas ausführlicher über das Leben einiger Personen, zum Beispiel Familie Rychwalski. Auf diese Familie wurde Wolfgang Knoll aufmerksam, weil nach der Verlegung eines »Stolpersteins« für Max Rychwalski seine Enkelin sich aus England meldete. Sie besaß Briefe ihres Großvaters in Sütterlinschrift, die sie nicht lesen konnte. Wolfgang Knoll und seine Frau »übersetzten« ihr die Briefe und baten anschließend um ihr Einverständnis, diese für das Buch zu verwenden. Damit wird eine Familiengeschichte in den kleinen Einzelheiten und Episoden, die in Briefen erzählt wurden, ausführlich erlebbar.

Einteilung Durch das Fehlen eines Namensregisters ist eine gezielte Personensuche im Gedenkbuch leider nicht möglich. Und es ist nicht, wie der Titel vermuten lässt, ein Buch über das Leben der Juden in Charlottenburg, sondern ausdrücklich über das Leben der Ermordeten. Diese Einteilung drückt sich darin aus, dass es zwar sehr wohl ein Kapitel mit Kurzbiografien von Personen gibt, die in der Emigration überlebt haben. Auch findet sich ein spannender Zeugenbericht des Charlottenburger Juden Ernest Günter Fontheim über seine Jugend im Bezirk. Doch als Überlebender ist er nicht unter seiner damaligen Adresse im hinteren Teil des Buches zu finden, sondern nur seine Eltern und seine Schwester, die in Auschwitz ermordet wurden. Tatsächlich betont Wolfgang Knoll, es sei ihm sowohl beim Buch als auch beim Projekt »Stolpersteine«, das er für Charlottenburg koordiniert, sehr wichtig, der ermordeten Opfer zu gedenken – nicht der Personen, die durch Emigration überlebt haben. »Dies würde den Opferbegriff verwischen.« Andererseits werden in Charlottenburg auch für solche Personen Stolpersteine gelegt, die aus Konzentrationslagern befreit wurden. Diese Überlebenden stimmen offenbar mit Wolfgang Knolls Opferbegriff überein, die Emigranten nicht.

Diese Sichtweise führt aber durchaus zu Kontroversen, wie die Geschichte von Sue Arns zeigt. Seit Jahren setzt sich die Tochter einer emigrierten Jüdin dafür ein, in Charlottenburg einen Stolperstein für ihre Mutter legen zu lassen, doch ohne Erfolg – und das, obwohl der Künstler und Initiator des Projekts Gunter Demnig ihr den Stein bereits gestaltet und übergeben hat. Darauf steht: »Hier wohnte Doris Aronhold. Jg. 1916. Flucht 1937. Kolumbien. Überlebt«. Für Doris Aronhold gibt es bis heute weder einen Stolperstein vor dem Haus, in dem sie lebte, noch findet sich ihr Name im neuen Gedenkbuch. Für Sue Arns eine Verhöhnung des Leids ihrer Mutter. Die Debatte über den Opferbegriff und das »richtige« Gedenken ist noch lange nicht zu Ende.

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