ZWST-Seminar

Mutter – Kind, Vater – Kind

Geld- und Zeitnot sind die größten Probleme, wenn es nur ein Elternteil gibt, da wird eine gemeinsame Leserunde zum Highlight. Foto: Getty Images / istock

In einer Gesellschaft, in der jede dritte Ehe geschieden wird und es bei zahlreichen Paaren trotz oder wegen eines Kindes zur Trennung kommt, tun sich für die plötzlich alleinerziehenden Mütter und Väter Gräben auf, die vielen Betroffenen unüberwindbar scheinen. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) nahm sich dieses Themenkomplexes nun erstmals im Rahmen eines dreitägigen Seminars an. Am vergangenen Wochenende trafen sich zehn alleinerziehende Mütter und zwei Väter samt 16 Kindern im Max-Willner-Heim in Bad Sobernheim.

Die Leiterin des Sozialreferats der ZWST, Jutta Josepovici, informierte, dass dieses Premierenangebot das Ergebnis einer Konferenz auf Leitungsebene der Wohlfahrtsorganisation war. »Denn wir kennen viele Kinder von Alleinerziehenden von unseren Machanot. Aber für die Eltern selbst haben wir noch nie etwas angeboten«, sagt Josepovici, für die dieses Wochenende ebenfalls ein Pilotprojekt war. Mit dem Zuspruch sei man fürs erste Mal durchaus zufrieden, ergänzt ZWST-Sozialarbeiterin Yevgenia Freifeld.

workshops Bedingung, um an dem Seminar teilnehmen zu dürfen, war die Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde. Zwei Workshops, für die Sara Bergauz aus München verantwortlich zeichnete, beschäftigten sich mit religiösen Fragestellungen wie beispielsweise »Wie kann Religion mit einem Elternteil gelebt werden?«

Bergauz erklärt dazu: »Ich will die Teilnehmer nicht religiös bekehren, sondern die Traditionen aufzeigen, die so gut geeignet dafür sind, Familien zu stärken.« Alleinerziehende sollten die Religion durchaus ausleben, ermutigte sie gerade die Teilnehmerinnen, den Schabbatsegen zu sprechen, Feiertage zu begehen, koscher zu kochen. Wobei sie durchaus wisse, dass das Judentum für Nichtreligiöse auch abschreckend wirken könne mit all den Geboten und Verboten. Daher äußerte sie Verständnis für alle, die sie nicht überzeugen konnte.

Traditionell, und daran hielt man sich auch bei diesem Seminar, wird im Max-Willner-Heim freitags um 18 Uhr Kabbalat Schabbat gefeiert. Mit dem Einbruch der Dunkelheit nicht mehr schreiben zu dürfen und die Handys auszustellen, »wenn nur noch zuhören und diskutieren erlaubt ist und keine weitere Ablenkung besteht, ist für viele ein besonderes Erlebnis«, weiß Yevgenia Freifeld.

Kinderbetreuung Während sich die zwölf Eltern intensiv fortbildeten und austauschten, wurden ihre 16 Kinder unter professioneller Betreuung mit Sport und Spiel beschäftigt. In den Essenspausen vor und nach den Programmpunkten war man dann wieder zusammen.

Sonja Orantek, die Vorsitzende des Landesverbands alleinerziehender Mütter und Väter in Rheinland-Pfalz, kam ebenfalls als Gastreferentin für anderthalb aufschlussreiche Stunden angereist. Gemeinsam mit den Eltern regte sie ein Brainstorming an, in dem man gemeinsam Vorschläge für bessere Kinderbetreuungsangebote erdachte.

Für den sportlichen Ausgleich sorgte eine Überraschung, die sich das Sozialreferat der ZWST einfallen ließ: die Krav-Maga-Sportstunde mit Linir Mizrahi aus Berlin. Der israelische Selbstverteidigungssport brachte die müden Glieder der Eltern auf Trab.

Treffen Das Motto »Netzwerken« fand in jedem Workshop des Seminarwochenendes Anwendung, und das nicht nur im 75-minütigen Vortrag von Liliana Furman, »Netz weben«, der sich ganz diesem Thema widmete. Einer ihrer Vorschläge war, in den jüdischen Gemeinden Treffen für Alleinerziehende einzurichten – genauso wie es bereits Seniorencafés oder Elterncafés gebe. Yevgenia Freifeld lobte diese pragmatische sowie leicht umsetzbare Idee. Virtuell gelte es nun, eine Alleinerziehenden-Gruppe bei Facebook und Whats-App einzurichten. Hauptsache dranbleiben und den begonnenen Austausch jetzt nicht mehr abreißen lassen.

Sehr wichtig war es der ZWST, den Eltern eine psychologische Betreuung anzubieten. Für diesen Part des Seminars war Melanie Hubermann, die Hamburger Heilpraktikerin für Psychotherapie, zuständig. Sehr schnell fanden die Seminarverantwortlichen heraus, wie sensibel viele der Alleinerziehenden auf ihren Status reagierten.

Es hafte ihnen – gefühlt oder auch erlebt – der Makel der Unvollkommenheit an. Manche schämten sich, ohne Partner zu sein. Manche fühlten sich verletzt und gar stigmatisiert, berichtet Hubermann aus ihren Sitzungen in Bad Sobernheim. Ängste und Belastungen seien allgegenwärtig, das Gefühl, allein zu sein. Der Druck, es dürfe »nichts schiefgehen«, begleite Alleinerziehende immer wieder im Alltag. Umso wichtiger sei es in diesem Seminar, dass die Eltern merkten, dass viele der eigenen Probleme auch den anderen bekannt sind.

Austausch Gerade darauf hatte Rachel V., 45 Jahre alt, aus Berlin und Mutter eines Kindes, gehofft. Sie war neugierig zu erfahren, »wie es anderen Eltern in meiner Situation geht«. Wobei sie sich bewusst dazu entschieden habe, ihr Kind ganz alleine ohne Vater zu erziehen, was schon einen Unterschied zu Familien markiere, wo der Vater wenigstens zeitweise verfügbar ist.

Zwei Kernprobleme habe sie während des Seminars herausgehört: Geld- und Zeitnot. Rachel V. lobt das Seminar mit einer Einschränkung: Beim nächsten Mal sollte man die Workshops auf mehrere Tage verteilen, »um nicht noch einmal von einem zum anderen hetzen zu müssen«.

Sharon M. aus Hamburg und zweifache Mutter pflichtet Rachel V. bei, dass Zeit zum Reflektieren gefehlt habe. Dennoch sei es eine interessante Lehre gewesen, so viele andere Alleinerziehende zu treffen, die in ganz ähnlichen Situationen seien wie sie. Der Unterschied zu Gruppen von Alleinerziehenden in der Großstadt sei, dass hier das Judentum als Religion und Tradition eine gewichtige Rolle gespielt habe.

Voll des Lobes war die dreifache Mutter Anja S. speziell über die parallele Betreuung von Erwachsenen und Kindern. Sie interessiere darüber hinaus, ob sich auch die Kinder untereinander austauschten, sagt die 43-Jährige.

Denn auch sie erführen bei dieser Gelegenheit, dass es noch viele andere Kinder gibt, die einen täglich verfügbaren Papa vermissten. Und nicht erst seit Bad Sobernheim stellt Anja S. fest: »Das Judentum gibt einer Familie eine Wahnsinnsstärke.« Sie fühlt sich nunmehr in ihrem Weg bestärkt.

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