8./9. Mai

Mut und Moral

Langsam kehrt das normale Leben zurück. Im vergangenen Jahr, ausgerechnet am 75. Jahrestag, fiel das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs coronabedingt aus. In diesem Jahr konnte die nachdenkliche Feier auf dem Neuen Israelitischen Friedhof wieder stattfinden, wegen der nach wie vor geltenden Beschränkungen allerdings noch nicht in dem gewohnten Rahmen. Die Teilnehmerzahl musste beschränkt werden.

Rund 2500 Kilometer nordöstlich von München, auf dem Roten Platz in Moskau, wurde der 9. Mai, der »Tag des Sieges« über Hitler-Deutschland, mit der traditionellen großen Militärparade gefeiert. Der dunkle Schatten, der auch diesen entscheidenden Tag in der Geschichtsschreibung prägt, ist die Zahl der Opfer, die der Krieg forderte. 27 Millionen Tote gab es allein in der Sowjetunion.

heimat Zu den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung in München gehörte auch David Dushman, seit einigen Wochen Ehrenmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG). Er ist einer von Tausenden Juden, die in den vergangenen 30 Jahren die Sowjetunion verließen und in Bayern eine neue Heimat fanden. David Dushman ist allerdings auch ein Mitglied der Gemeinde, das Zeitgeschichte schrieb. Mit seinem Panzer walzte er den Zaun von Auschwitz nieder.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der IKG, machte mit Blick auf ihn und die anderen wenigen Veteranen auf einen besonderen Aspekt aufmerksam: »Erst allmählich dringt in unserer Gesellschaft durch, dass jüdische Menschen in jenen finstersten Jahren nicht nur Verfolgte und Opfer, sondern auch Kämpfer, Soldaten, Partisanen waren.«

Rund eineinhalb Millionen jüdische Männer und Frauen gehörten den Armeen der Alliierten an, davon 500.000 allein der Roten Armee. »Sie kämpften für ihr Land, für ihre Familien, für ihre Heimat, für die Freiheit«, stellte Charlotte Knob­loch fest und wies zugleich auf die hohe Zahl der Opfer hin.

gefangenschaft Nahezu die Hälfte der jüdischen Soldaten, die aufseiten der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland kämpften, ließ im Krieg ihr Leben. Sie starben nicht nur auf dem Schlachtfeld. Viele wurden in der Gefangenschaft kaltblütig ermordet. »Für jüdische Soldaten bedeutete die Gefangenschaft in der Regel den Tod«, sagte Charlotte Knobloch.

Nahezu die Hälfte der jüdischen Soldaten in der Sowjetarmee ließ im Krieg ihr Leben.

Ariel Kligman stammt aus der Sowjetunion, lebt seit rund 30 Jahren in München und hat hier eine neue Heimat gefunden. Er ist Vizepräsident der IKG und betreut die vielen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die inzwischen in der bayerischen Landeshauptstadt leben. Für Kligman sind die Veteranen ein Beispiel für Mut und ein Kriterium für Moral geworden. »Sie mussten schlimmstes Grauen und Mühsal durchleben, aber sie haben bewiesen, dass man trotz unerträglicher Bedingungen siegen kann«, sagte er, an die erschienenen Veteranen gewandt.

gedächtnis Kligman erinnerte in seiner Rede auf dem Friedhof auch an all jene, die den 76. Jahrestag des Kriegsendes nicht mehr erleben können: »Sehr viele Frontsoldaten, Überlebende der Leningrader Blockade, Häftlinge des Warschauer Ghettos und Helden der Arbeit sind nicht mehr unter uns. Aber in unserem Gedächtnis und in unseren Herzen bleiben sie für immer.«

Das Versprechen der stetigen Erinnerung gab bei der Gedenkfeier auch Grigori Levitin ab. Er ist der Vorsitzender des Veteranenvereins und mit dem Schicksal vieler jüdischer Soldaten aus der Sowjetunion eng verbunden. »Im Mai feiert die ganze Welt den großen Sieg über den Faschismus. Gleichzeitig sind diese Feiertage angesichts der vielen Toten aber auch Tage der Trauer«, sagte Levitin.

»Sie kämpften für ihr Land, ihre Familien, ihre Heimat, für die Freiheit.«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch

Seinen Worten zufolge gehören der Israelitischen Kultusgemeinde derzeit 56 Mitglieder an, die am Krieg beteiligt waren und unmittelbar an der Front kämpften. »Wir sind glücklich darüber, sie noch unter uns zu haben. Jeder von ihnen hat seine eigene Heldengeschichte«, stellte er in seiner Rede auf dem Friedhof fest und nannte in diesem Zusammenhang einige Namen.
Dazu zählte er auch Professor Alexander Nogaller, der erst vor wenigen Wochen im hohen Alter von 101 Jahren gestorben ist. Der Militärarzt machte den Krieg von Anfang an mit, behandelte Hunderte verwundeter Soldaten und traf am »Tag des Sieges« in Berlin ein.

generationen Die Erinnerung an Menschen wie ihn, die letztlich für den Sieg über den Faschismus verantwortlich seien, müsse auch an die künftigen Generationen weitergegeben werden, erklärte Grigori Levitin.

An der Gedenkfeier mit Kranzniederlegung nahmen auch Jugendliche der Gemeinde teil, an der Spitze Jugenddezernatsleiter Dima Schneerson. Sie trugen das Gedicht »Dank an die Großeltern« vor. Über die Teilnahme der jungen Gemeindemitglieder freute sich IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch besonders, wies aber auch auf ihre Verantwortung und Aufgabe hin. »An euch liegt es«, sagte sie, »dass die Gesellschaft auch in Zukunft nicht vergisst, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt.«

Das Gebet für die Gefallenen trug bei der Gedenkfeier Rabbiner Avigdor Bergauz vor, das Kaddisch sprach Rabbiner Zalman Zizov.

ZWST

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