Pessachkonzert

Musik, die überlebt hat

Eigentlich steht die jährliche Gedenkveranstaltung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück als unverrückbarer Auftritt in Mimi Sheffers Terminkalender – anlässlich der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers gibt die Sopranistin und Kantorin dort jedes Jahr im April ein Konzert. Unter den Komponisten, deren Lieder, Kantaten und liturgische Melodien sie dort singt, ist auch David Eisenstadt – der polnisch-jüdische Chorleiter und Dirigent wurde 1942 vom Warschauer Ghetto nach Treblinka deportiert und dort ermordet.

In diesem Jahr jedoch fällt der Gedenktermin in Ravensbrück mit einem Pessachkonzert zusammen, das Mimi Sheffer am 17. April in der Synagoge Pestalozzistraße auf die Beine stellt – gemeinsam mit dem Holzbläserquintett Sinfonietta Lübeck, dem Organisten Mirlan Kasymaliev und dem Percussion-Künstler Lukas Meier-Lindner.

Auch wenn dabei das Pessach-Grundmotiv »Freiheit« den Rahmen vorgibt – das Gedenken an die in der Schoa Ermordeten klingt auch bei diesem Auftritt an.

manuskripte »Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit der Schoa beschäftigt«, sagt die Kantorin. Eisenstadt und das Schicksal seiner Familie gehen Sheffer nahe, ebenso wie das sporadische Auftauchen seiner wenigen erhalten gebliebenen Manuskripte.

Denn mit den Menschen seien ebenso Kulturen, Lebensarten und Musik ausgelöscht worden. Eisenstadts Kompositionen nennt Sheffer daher »Musik, die überlebt hat«. Doch was die Sopranistin vor allem interessiert, ist das Leben, das sie widerspiegeln.

»Vor einiger Zeit saß ich nach einem Gastspiel in meinem Hotelzimmer und schaltete den Fernseher ein«, erzählt Mimi Sheffer. »Ich landete mitten in einer Reportage über Schoa-Überlebende, die beschreiben sollten, was ihnen Judentum bedeutet. Einer von ihnen baute vor laufender Kamera aus kleinen Holzstückchen eine Synagoge – mit allem Drum und Dran: Sitzplätze, Bima, Aron Hakodesch. Ganz zum Schluss tippte er an einen Schalter, und das Licht ging an – das ist es, was wir verloren haben: das Licht, das Alltagsleben.«

spielerisch Es ist dieses Licht, das die Künstlerin mit ihrem Konzert in die Synagoge zurückholen will, indem sie jüdische Musik wie die von Eisenstadt neu belebt. So wird sie mit ihren Musikern unter anderen ein neu entdecktes Werk Eisenstadts uraufführen, die Kantate Chad Gadja – das Lied vom Lämmchen, das alljährlich am Sederabend zum Abschluss der Haggada gesungen wird.

Außer Chad Gadja wird die Kantorin am Sonntag auch andere sogenannte Sammellieder aus der Haggada vortragen, etwa Ki lo Naeh, Echad mi jodea und Ve hi sche’amda, zusätzlich zu Vertonungen von Psalm 150, Percussion-Klezmer und selten gespielten Pessach-Stücken von Louis Lewandowski.

Gerade »das überraschend Spielerische« an Eisenstadts Kompositionen drückt aus ihrer Sicht das zentrale Gebot von Pessach aus: die Tradition an die nächste Generation weitergeben. »Es ist ein langer Abend, die Erwachsenen lesen die Haggada, die Kinder stellen die vier Fragen, für sie ist es nicht leicht durchzuhalten – dabei sollen die Sammellieder helfen«, meint die Kantorin.

freiheit Eisenstadt gelinge es, genau das Gefühl in den Mittelpunkt zu rücken, das sie mit dem Konzert vermitteln will und das auch ihre eigenen Kindheitserinnerungen an Pessach prägte – Freiheit. »Für unsere Eltern hieß Pessach Arbeit: Putzen, Kochen, Kaschern. Für uns Kinder hingegen bedeutete es Freiheit: zum ersten Mal barfuß laufen – es war ja Frühling –, Eis essen, Schubladen aufräumen.«

Und natürlich der Wettbewerb: Bei wem hat der Seder am längsten gedauert? »Pessach war das ›Kinderfest‹ lange vor Purim – man singt diese Lieder, öffnet dem Propheten Elias die Tür, bekommt Geschenke, holt das gute Geschirr heraus – das alles beflügelt die kindliche Fantasie.«

So hat sie es erlebt, so will sie es weitergeben an die nächste Generation – indem sie Musik, die überlebt hat, erneuert.

»Cherut heißt Freiheit!« Das Pessachkonzert der jüdischen Musikreihe KOL findet am 17. April um 17 Uhr in der Synagoge Pestalozzistraße statt. Der Eintritt kostet 10 , ermäßigt 8 Euro.

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Darmstadt

Musik, Schabbat und Comedy

Die Jüdischen Kulturwochen der Gemeinde bieten bis Anfang Dezember ein vielfältiges Programm

von Chris Meyer  12.10.2026

München

Fairness jenseits des Spielfelds

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, war zu Gast in der Kultusgemeinde

von Luis Gruhler  12.10.2026