TSG Hoffenheim

Multitalent mit Geschichtsbewusstsein

Engagierter Fußballer: Ilay Elmkies Foto: imago images / foto2press

TSG Hoffenheim

Multitalent mit Geschichtsbewusstsein

Der 19-jährige Nachwuchsfußballer Ilay Elmkies wirkte an der Dokumentation »Zahor« mit

von Christoph Ruf  17.11.2019 08:48 Uhr

Es sind nicht viele Menschen, die sich zu den Spielen der TSG Hoffenheim verirren. Zumindest nicht zu denen der zweiten Mannschaft, die U23 genannt wird, weil sie ein Sprungbrett für die jungen Talente Anfang 20 sein soll, die oft nur noch einen klitzekleinen Schritt brauchen, um bei den Profis mitspielen zu können. Ilay Elmkies ist eines dieser Talente, die im September im Heimspiel gegen den FC Homburg 08 aufgelaufen sind.

Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften fällt sofort ins Auge: in Blau der Hoffenheimer Nachwuchs, jugendliche Gesichter, schmale Körper, technisch bestens ausgebildet, um vielleicht irgendwann den Sprung in die eigene Bundesliga-Mannschaft zu schaffen. In Grün der Traditionsverein, der möglichst schnell in die Dritte Liga aufsteigen will. Die Saarländer scheinen im Durchschnitt fünf Jahre älter zu sein und es auf fünf Kilo mehr an Muskelmasse zu bringen.

Bei den Blauen spielt Elmkies 90 Minuten lang durch, die 0:1-Niederlage kann aber auch er nicht verhindern. Für den 19-jährigen Israeli, der bis zum Sommer noch bei der U19 spielte, sind die Spiele in der Regionalliga Südwest dennoch ein großer Fortschritt – ein Schritt näher zu seinem nächsten Ziel: »Mein großer Traum«, sagt er, »ist es, in der Bundesliga für Hoffenheim zu spielen.«

BALLSICHER Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, obwohl Elmkies der einzige Nachwuchsspieler war, den Proficoach Alfred Schreuder im Sommer mit ins Trainingslager der Profis nahm. »Ilay ist ballsicher, beweglich und kreativ, er muss sich aber noch körperlich entwickeln. Es fehlt noch an Robustheit«, sagt sein Trainer Marco Wildersinn. Hin und wieder, hört man in seinem Umfeld, ist der 19-Jährige auch noch zu unbekümmert. Auf dem Platz wie außerhalb.

Dass er ein Riesentalent ist, bestreitet niemand. Statt vor 270 Zuschauern wie jetzt gegen Homburg will Elmkies möglichst bald vor 100-mal so vielen Fans im großen Stadion an der Autobahn spielen. Die »PreZero«-Arena liegt in der Gemeinde Sinsheim. Und damit dort, wo der in Naharija geborene israelische U-21-Nationalspieler wohnt, seit er vor fünf Jahren erstmals deutschen Boden betrat.

Durch seinen Lehrer erfuhr Elmkies vom Schicksal der beiden Brüder Manfred und Heinz Mayer.

2014, fast noch im Pubertätsalter, zog er zusammen mit seinem Vater David in den deutschen Südwesten. Ilay trainierte nach wenigen Wochen beim örtlichen SV Sinsheim schon bei der TSG mit, bei einer der besten Ausbildungsadressen im deutschen Fußball, wo mit Millionenaufwand versucht wird, möglichst auch Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft zu bekommen. Wer ein fußballerisches Ausnahmetalent ist und fachlich hervorragende Trainer und den modernsten logistischen Standard sucht, findet ihn hier.

Elmkies schaffte zudem in der Sinsheimer Albert-Schweitzer-Schule den Realschulabschluss. Was niemanden wundert, der sich mit dem eloquenten 19-Jährigen in fließendem Deutsch unterhält.

GESCHICHTSLEHRER Sein Geschichtslehrer, Michael Heitz, war es auch, der den Teenager mit dem Schicksal der Hoffenheimer Juden vertraut machte, die im Dritten Reich verfolgt und umgebracht wurden. Daran beteiligt war auch der Vater des Hoffenheimer Gönners Dietmar Hopp, eine örtliche SA-Größe. Irgendwann fragte Heitz den wissbegierigen Jungfußballer, ob er sich vorstellen könne, an einem Filmprojekt mitzuarbeiten, das das Geschichtsinstitut Centropa zusammen mit der von Hopp finanzierten Stiftung »Anpfiff ins Leben« konzipiere.

Elmkies sagte sofort zu und wurde Sprecher und Darsteller in dem Kurzfilm Zahor – Erinnere dich. Durch seinen Lehrer erfuhr Elmkies vom Schicksal der beiden Brüder Manfred und Heinz Mayer, deren Eltern erst nach Gurs in Südfrankreich deportiert und später in Auschwitz ermordet wurden. Die beiden Söhne überlebten in einem Versteck und emigrierten nach Israel, wo sie sich in Menachem und Fred umbenannten.

Der Film wurde in einer deutschen, einer englischen und einer hebräischen Version produziert. Elmkies selbst betonte in mehreren Interviews, er selbst sei in Deutschland nie diskriminiert worden. »Ich habe bis heute keinen Rassismus erlebt«, berichtete er der »Welt«. »In meiner Umgebung gibt mir niemand das Gefühl, dass ich anders bin. Es gibt keinen Platz für Rassismus im Jahr 2019.« Damit das so bleibt, sei es aber wichtig, die Erinnerung an die Nazizeit wachzuhalten.

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026