Porträt der Woche

»Mitgefühl ist wichtig«

»Ich mag den Umgang mit Menschen, die Interaktion«: Thomas Salamon Foto: Alexandra Umbach

Ich bin Psychiater und Psychotherapeut, arbeite als Oberarzt in der Gerontopsychiatrie. Das ist ein Bereich für psychisch kranke Menschen über 60 Jahre. Mir gefällt das Fach, weil ich den Umgang mit Menschen mag, das Gespräch, die Interaktion. Durch die Psychotherapie, das reine Gespräch mit dem Patienten, kann man sich ein viel umfassenderes Bild einer Person machen als in jedem anderen Bereich der Medizin.

Ich finde es spannend, unterschiedliche Charaktere kennenzulernen, die verschiedenen Lebensgeschichten und die daraus entstammenden psychischen Konflikte. Aber eine rein psychotherapeutische Tätigkeit fände ich einseitig. Die Mischung mit dem naturwissenschaftlichen Anteil ist reizvoll. Bei einigen Krankheitsbildern kann man dramatische Effekte auch mit Medikamenten erreichen.

Demenz Viele, die zu uns kommen, haben eine Depression nach dem Tod des Lebenspartners oder weil die Berufstätigkeit aufgehört hat, der Patient sich nicht neu orientieren kann und eine Suchterkrankung beginnt. Daneben gibt es jede Menge somatische Krankheiten, Schmerzen. Bei älteren Patienten ist es deutlich schwieriger, etwas zu verändern als bei jüngeren.

Ein zweiter Schwerpunkt der Gerontopsychiatrie sind Demenzerkrankungen, in der Regel Alzheimer. Der Klassiker: Die Patienten laufen verwirrt auf die Straße, werden von der Polizei aufgefunden, kommen zu uns, weil es keinen gibt, der sich um sie kümmern kann, oder weil die Angehörigen es nicht mehr schaffen. Wir müssen gegebenenfalls eine gesetzliche Betreuung einrichten. Ein großer Teil dieser Menschen wird dann in Pflegeeinrichtungen entlassen.

Bei meiner Arbeit ist Mitgefühl sehr, sehr wichtig. Das ist im Alltag manchmal schwer, zum Beispiel, wenn der Patient kratzt, beißt oder spuckt. Aber jeder hat es verdient, dass man menschlich mit ihm umgeht, ihn respektiert. Ich würde niemals einen Demenzkranken anschreien oder beschimpfen. Auch wenn er mich bespuckt, würde ich das immer als Zeichen seiner Erkrankung sehen und versuchen, ihm zu helfen.

Jemanden mit einer Demenz zu sehen, kann bedrückend sein, weil er dem Tod nahesteht und es ja auch für einen selbst bedeutet: Mein Leben ist endlich. Was mich aber viel mehr bewegt, sind Situationen, in denen soziale Isolation massiv in Erscheinung tritt. Wenn ich jemanden nach seiner Familie frage und er mir sagt: »Ich habe Kinder, aber wir haben seit 30 Jahren keinen Kontakt«, dann denke ich: Ist das schlimm, im Alter so zu vereinsamen! Es kommt heute nicht selten vor, dass Menschen am Ende ihres Lebens völlig allein sind. Ich finde es erschütternd zu sehen, dass die Familienbindung, die es früher gab, sich so stark aufgelöst hat, dass Menschen leben können, ohne zu wissen, wo ihre Kinder oder Geschwister leben.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Mentalität, dass die Leute in Deutschland sehr autonom leben und wirtschaftlich nicht mehr aufeinander angewiesen sind. Es hängt sicher auch von der Persönlichkeit ab. Ich denke, dass es bestimmte Kommunikationsstile gibt und dass viele Deutsche in ihrer Art emotional kühl und sehr distanziert sind.

Zuwanderer Ein anderes Phänomen, das ich nicht verstehe, sind manche russisch-jüdische Patienten. Die kommen in recht hohem Alter nach Deutschland, lernen die Sprache nicht, leben in kleinen Appartements, haben keine Angehörigen – oder solche, die keine Zeit für sie haben –, und sie haben auch zur Gemeinde keinen Kontakt. Häufig werden sie depressiv.

Dann frage ich mich, was die Auswanderung gebracht hat. Wirtschaftlich mag es ihnen besser gehen, aber hat sich die Entwurzelung wirklich gelohnt? Unter den nicht-deutschen Patienten in der Gerontopsychiatrie sind die russischsprachigen in der Mehrheit. Da stehe ich häufig hilflos da, weil viele sozial isoliert sind und nicht Deutsch können. Dabei ist die Sprache ja so entscheidend in der Psychiatrie!

Auch ich selbst bin ein Auswandererkind. Ich wurde 1967 in Rumänien geboren, in Temesburg. 1975 sind wir nach Deutschland gekommen. In Düsseldorf bin ich zur Schule gegangen und habe in Budapest Medizin studiert. Als Kind war ich in der Religionsschule der Gemeinde. Später wurde ich Madrich, hatte eigentlich einen sehr intensiven Kontakt zur Gemeinde, der hat sich dann durch das Studium in Ungarn gelockert. Heute habe ich nicht mehr so enge Beziehungen zur Gemeinde.

Das Jüdischsein oder die Religion sind wichtig für meine Identität, das sind meine Wurzeln. Ich bin in dieser Tradition groß geworden. Aber der Inhalt der Religion spielt nicht so eine große Rolle. Für mich selbst suche ich nach einer eigenen Lebensphilosophie. Religion gibt mir nicht genügend Antworten auf die Frage, was der Sinn meines Lebens ist, wie ich glücklich werde. Ich denke, das hängt auch sehr mit den Personen zusammen, die Glaubensinhalte vermitteln. Ich finde, man muss die Religion modern übersetzen. Diese alten Traditionen allein helfen nicht für die Fragen der Zeit.

Kibbuz Nach dem Abitur habe ich ein paar Wochen lang in einem Kibbuz gearbeitet, direkt am See Genezareth. Viele rumänische Freunde meiner Eltern sind nach Israel ausgewandert, zu einigen habe ich noch Kontakt. Seitdem war ich noch drei-, viermal im Land. Ich würde mich nicht als großen Israelfan bezeichnen, aber es ist schon ein gutes Gefühl, dort zu sein.

Ich denke, ich bin anders als viele in meinem Alter, die einmal im Jahr zu Weihnachten zu ihren Eltern fahren. Ich sehe meine Mutter und meinen Vater regelmäßig, es ist eine intensive Beziehung. Wir sind zwar häufig unterschiedlicher Meinung, aber es macht ja eine gute Beziehung aus, dass man auch über schwierige Themen reden kann. Meine Eltern geben mir ein Gefühl der Sicherheit, ein Urvertrauen.

Mich beschäftigt die Arbeit sehr. Es gibt Tage, da kann ich besser gedanklich abschalten, und dann gibt es Tage, an denen viel nachhängt. Ich finde es wichtig, dass man versucht, ein ausgeglichenes Leben zu führen, Sport zu treiben, soziale Netzwerke zu knüpfen, Kontakte zu haben. Ich versuche das. Ich verreise gern, fotografiere, spiele Fußball in einer Altherrenmannschaft und Badminton.

Manche denken, als Psychiater, der bestimmte Muster des Denkens und Fühlens kennt, könnte man das Leben prima meistern. Aber dem ist nicht so. Wir Psychiater können perfekt analysieren, wenn eine Beziehung schwierig oder gestört ist, aber in der Situation selbst, wenn man wütend wird, wenn es einen Konflikt gibt, handelt jeder emotional.

Die Persönlichkeit des Menschen ist sehr dominant. Das ist schwer zu ändern, selbst durch Psychotherapie. Ginge es einfacher, wären Psychiater und Psychotherapeuten die ausgeglichensten Menschen.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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