Schalom Aleikum

Miteinander statt nebeneinander

Es ist recht selten, dass im Leipziger Ariowitsch-Haus mehr Kopftücher als Kippot zu sehen sind. Doch am vergangenen Donnerstag war genau das der Fall – schließlich fand im jüdischen Kulturzentrum auch eine besondere Veranstaltung statt: Der Zentralrat der Juden hatte sein jüdisch-muslimisches Dialogformat »Schalom Aleikum« nach Leipzig gebracht. Thema des Abends: »Sichtbar sein. Jüdinnen und Musliminnen im Gespräch«.

Sichtbar und auch hörbar waren die Frauen auf jeden Fall. Rund 80 Besucherinnen sowie einige wenige Männer waren trotz bestem Biergartenwetter gekommen, um über ihre Rolle innerhalb ihrer Gemeinden und auch der Gesellschaft zu sprechen.

Dmitrij Belkin, der das Projekt leitet, beschrieb die Zielgruppe der Veranstaltung: »Wir wollen die Stadtgesellschaft – jüdisch, muslimisch, christlich oder auch konfessionslos, ganz egal – der schönen Stadt Leipzig erreichen, drei Tage vor dieser wichtigen Wahl. Und wir wollen einfach sagen: Die Gesellschaft ist plural. Leipziger und Leipzigerinnen können auch aus Russland, der Ukraine, Kasachs­tan, Afghanistan oder Pakistan kommen. Auch das ist Leipzig.«

In zwei separaten Podiumsdebatten sprach Moderatorin Liv von Boetticher mit Frauen aus religiösen Gemeinden und Frauen aus der Zivilgesellschaft über eine Vielzahl von Themen, etwa darüber, wie viel Gleichberechtigung innerhalb der jeweiligen Religion möglich ist, über Gemeindearbeit, aber auch über Erfahrungen mit Ausgrenzung.

Die Stimmung war – trotz des schwierigen Themas – heiter und entspannt. Flankiert wurden die Diskussionen von zuvor unter Passanten aufgezeichneten Aussagen – und von Publikumsbefragungen während der Veranstaltung.

Die alltäglichen Wünsche, Ängste und Hoffnungen sind doch oft dieselben, sagt Rebbetzin Marina Charnis.

Die Leipziger Rebbetzin Marina Charnis, die ebenfalls auf dem Podium saß, sagte nach der Diskussionsrunde: »Immer, wenn man Menschen näher kennenlernt – Menschen anderen Glaubens oder auch Menschen von anderen Strömungen des eigenen Glaubens – merkt man, dass man immer viel mehr Gemeinsamkeiten findet, als man auf den ersten Blick Unterschiede sehen kann.« Die alltäglichen Wünsche, Ängste, Hoffnungen seien oft dieselben. Es gebe naturgemäß viele Dinge, »die uns trennen, aber es gibt auch sehr viel Gemeinsames«.

Mehrheitsgesellschaft Eine der großen Gemeinsamkeiten war die Tatsache, sich als Minderheit mit einer deutschen Mehrheitsgesellschaft auseinandersetzen zu müssen, die sich oft ablehnend oder feindselig verhält. Hier hatten vor allem die muslimischen Frauen, die ihren Glauben durch ein Kopftuch sichtbar machen, einiges zu berichten. So sagte Sosan Azad, die als selbstständige Mediatorin und Beraterin arbeitet, sie werde in Deutschland anders behandelt, wenn sie ein Kopftuch trage. In Kanada sei dies anders: »Darüber müssen wir reden.«

Zubaria Ahmad von der Ahmadiyya-Gemeinde brachte es auf die Formel: »Ich bin mehr als mein Kopftuch.« Die angehende Ärztin und Muslimin Aigerim Smagulova sagte – auch mit Blick auf das Erstarken der rassistischen, antisemitischen und islamfeindlichen AfD –, dass die Blicke und Kommentare zugenommen haben.

Ähnliches erzählte auch Marina Charnis – allerdings mit Blick auf ihren Mann, Gemeinderabbiner Zsolt Balla: »Bei uns sind es die Männer, die erkennbar sind – da gibt es schon komische Blicke.« Außerdem erlebe sie viel verdeckten Antisemitismus, mit dem deshalb auch viel schwieriger umzugehen sei.

Gegen Vorurteile und Ausgrenzung helfen nur verlässliche Informationen.

Margareta Lerman sagte, sie sei gerade durch antisemitische Vorfälle motiviert worden, sich mit ihrem Glauben und ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. Es sei aber auch ein »Privileg, dass man mir das Jüdischsein nicht ansieht«, sagte Lerman – eine Aussage, die auch im Raum etwas missverstanden wurde.

Der Begriff des »Privilegs« bezeichnet hier nicht etwas Schönes, sondern die Tatsache, dass sie sich aussuchen kann, ob sie sich als Jüdin zu erkennen gibt, und sich daher nicht in jeder Situation der Neugierde, den Vorurteilen oder dem Hass der Mehrheitsgesellschaft aussetzen muss. Die Debatte um Privilegien wird vor allem in den USA und im Zusammenhang mit Rassismus, Sexismus und Homophobie geführt.

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Insgesamt waren sich alle einig, dass das Einzige, das gegen Vorurteile und Ausgrenzung helfe, verlässliche Information sei. »Wir müssen oft über den Islam erzählen«, sagte Aigerim Smagulova, die sich beim Verein »Forum Dialog« in Leipzig engagiert, »und versuchen, mit persönlichen Begegnungen etwas zu erreichen. Das sind kleine Schritte, aber wenn man sie oft macht, werden sie hoffentlich Früchte tragen«.

Mit Blick auf den jüdisch-muslimischen Dialog brachte sie das Motto des Abends auf den Punkt: »Lieber Miteinander als Nebeneinander«. In den Diskussionen konnten – schon allein aus Zeitgründen – viele Themen nur angerissen werden. Als die Podiumsrunde schließlich für Fragen aus dem Publikum geöffnet wurde, entspann sich eine lebhafte und stellenweise recht kontroverse Diskussion, die zeigte, wie riesig der Gesprächsbedarf zu diesem Thema tatsächlich ist.

So forderte ein Besucher, man müsse auch darüber reden, wie mit den zahlreichen Fehlinformationen und dem Antisemitismus umzugehen sei, den viele Menschen, die aus Ländern stammen, in denen Antisemitismus Staatsdoktrin ist, nach Deutschland mitbringen. Zudem wurde das Thema, wie viel Gleichberechtigung innerhalb der jeweiligen Religion möglich sei, wieder aufgegriffen. Und auch zum Kopftuch gab es viele Fragen.

Zum Thema Kopftuch gab es viele Fragen im Anschluss an die Podiumsveranstaltung.

Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung blieb die Mehrzahl der Besucher noch lange im Ariowitsch-Haus, um bei kühlen Getränken und koscheren Häppchen weiter zu diskutieren und sich besser kennenzulernen – vielleicht der beste Maßstab für den Erfolg der Runde.

meilenstein Entsprechend waren die Besucher nahezu einhellig der Meinung, dass der Abend gut und wichtig war. »Ich denke, dass es noch weitere Veranstaltungen geben sollte, dass es eigentlich auch nur ein Anfang ist, der erste Meilenstein von dem, was man noch vor sich hat, und dass es noch viel zu tun gibt in diesem Bereich«, sagte eine Besucherin.

Doch es mischte sich auch etwas Kritik unter das Lob: »Ich fand es ein bisschen beschönigend. Man muss auch über schwierigere Themen sprechen und nicht nur darüber, was sehr positiv ist«, sagte ein Besucher aus Israel. Eine Leipzigerin ergänzte: »Wir sind ja hier sowieso unter uns, also unter Leuten, die sehen, dass man einen Dialog führen muss. Das Entscheidende ist: Schaffen wir es, den Dialog dorthin zu bringen, wo die Leute ihn richtig nötig haben, wo Toleranz Andersdenkenden, Andersgläubigen gegenüber nicht so verbreitet ist?« Der Anfang ist gemacht – und eine Fortsetzung bitter nötig.

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