Film

Mit Seppl Moische unterwegs

Als Zuschauer hören wir ungläubig oder empört die krassen Äußerungen verschiedener Personen über diesen jüdisch-bayerischen Jungen. Wir sind irritiert, wollen nicht wahr haben, was wir sehen.» Aber was hilft’s? Was uns unsere Augen und Ohren mitteilen, wird der Wirklichkeit schon sehr nahekommen.

Der jüdisch-bayerische Junge jedenfalls trägt den typisch jüdisch-bayerischen und weit verbreiteten Namen Seppl Moische Goldstein, dazu einen schwarzen breitkrempigen Hut, aus dem Pejes wie Schnürsenkel wachsen. Und auch mitten im Dezember lässt sich unser Seppl Moische seine knielangen Lederhosen nicht nehmen. Wenn eine Stadt wie München einen Seppl Moische nicht aushält, dann ist es wirklich nicht weit her mit der libertas bavariae.

provokation Aber die Passanten, junge, vernünftig wirkende, hübsche Menschen, lassen sich nicht zurechtweisen. Um den weihnachtlichen Marienplatz herum äußern sie sich frank und frei zur Frage, was sie für typisch an diesem Juden halten. Vorsicht, Kamera! Es seien solche Sachen wie «komische Locken, eckiger Hut, geflochtener Bart, Geldgier». Oder sie geben ihrer Weltläufigkeit mit Gegenfragen Ausdruck, wie «Sind das nicht immer so Geldzähler oder Bankiers?»

Sarah Shtaierman, 16 Jahre alt und aus München, hat mit ihrer Kamera all das festgehalten. Ein Dokumentarfilm von zwölf Minuten ist daraus geworden. Sein Titel: Ein Mensch. Und wer sich da anfänglich so «überrascht und irritiert» gezeigt hat und das alles «nicht wahrhaben wollte», das war die Jury des Münchner Jugendfilmfestivals «flimmern & rauschen». Sie hat vor wenigen Tagen Sarah und ihrem Team in der Kategorie zwölf bis 16 Jahre den ersten Preis verliehen. Das bedeutet, dass der Film nächstes Jahr beim bayerischen Jugendfilmfestival in Ingolstadt München vertreten sein wird. Außerdem gab es eine Urkunde.

Sarah hätte sich ihre Parodie einer Dokumentation durchaus noch «schärfer» vorstellen können. Zum Beispiel hätte man den Hinweis darauf, dass «einige Meinungen nur für die Kamera geäußert» oder «provoziert» worden sind, der am Ende des Films läuft, einfach weglassen können. «Und es ist ja durchaus nicht ausgeschlossen, dass es Menschen gibt, die – auch wenn sie das nicht laut sagen – solche Dinge denken. Jedenfalls wollte ich etwas über Stereotype machen», sagt sie, «und unbedingt etwas Witziges.» Sie möge humorvolle Sachen, auch weil das Leben schon ernst genug sei. Sarah hat Seppl Moische geschaffen, verkörpert von Ilyas Folkjaer, einem Schulkameraden, der mit viel Spaß und Ideenreichtum Auskunft über sein jüdisch-bayerisches Leben gibt.

stereotype Durch ihre Religionslehrerin war sie auf das Medienprojekt «Jung, Jüdisch, Bayerisch» der Europäischen Janusz-Korczak-Akademie (ELJK) in München aufmerksam geworden. Es hat Jugendlichen ab elf Jahren die Möglichkeit geboten, eigene Kurzfilme zu drehen. Fünf haben sie genutzt und ihrer Identität als jüdische «Münchner Kindl» filmischen Ausdruck verliehen. In ihren Beiträgen geht es um die eigene Barmizwa, um Erinnerungen, den fast normalen Alltag und eben um Stereotype. Professionelle Hilfe haben die jungen Leute vom langjährigen WDR-Dokumentarfilmer Wolfgang Landgraeber und der Kamerafrau Sarah Rotter bekommen.

Hinter dem Medienprojekt habe zunächst ein ganz praktischer Gedanke gestanden, erklärt Stanislav Skibinski, Direktor der EJKA. «Wir haben immer wieder Anfragen von Schulen und Jugendverbänden bekommen, die sich eine Begegnung mit jüdischen Jugendlichen gewünscht haben. Sie wollten, dass die jüdischen Jugendlichen über ihr Leben erzählen. Aber wer stellt sich schon gerne aus wie im Zoo und sagt: ›Ich bin also ein Jude, eine Jüdin‹? Keiner.»

Selbstdarstellung Also gab man den Jugendlichen die Möglichkeit der medialen Selbstdarstellung. Oren Osterer, damals Programmdirektor der EJKA und «auch aus der Filmecke», hat das Projekt geleitet und dafür gesorgt, dass die Filme, die entstanden sind, beim Münchner Dokumentarfilmfestival zu sehen waren. «Das war nach einer sehr intensiven Arbeit von November 2013 bis Mai 2014 ein glorreicher Schluss, eine Anerkennung für die Zeit und Mühe.»

Und jetzt das Sahnehäubchen: der erste Preis für Sarah und ihren Seppl Moische, der ins Glas mit Gefilte Fisch Weißwürste und süßen Senf kippt, der schuhplattelt und sich zu Hava-Nagila-Klängen dreht, sodass die Schnürsenkel-Pejes nur so fliegen. «Ilyas ist nicht jüdisch, das weiß ich. Ob er bayerisch ist, keine Ahnung», sagt Sarah. Für ihre Klasse war der Film natürlich ein Ereignis, «weil man ja die Protagonisten kennt». Wird sie beim nächsten Medienprojekt der EJKA wieder mit von der Partie sein? «Mal sehen.»

Sarah ist in der elften Klasse und das Abitur nicht mehr so weit weg, außerdem habe sie das Filmen doch mehr gereizt als die Produktion eines Magazins. Darum nämlich soll es demnächst gehen, ein «Jung-Jüdisch-Bayerisch-Magazin» ist geplant. Und weil man da im Gegensatz zur Filmarbeit schon eher mit Erfahrungen rechnen kann, «wollen wir, dass die Jugendlichen in Redaktionsfragen, Arbeitsweisen schnell Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen», sagt Stanislav Skibinski.

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