Beschneidung

Mit gutem Auge und ruhiger Hand

Foto: Privat

Beschneidung

Mit gutem Auge und ruhiger Hand

Chirurg Boris Hoz ist am Jüdischen Krankenhaus der Arzt für die Brit Mila

von Irina Leytus  01.04.2010 00:00 Uhr

Es ist das einzige jüdische Krankenhaus in Deutschland. Und er ist der einzige dort tätige Arzt, der Beschneidungen nach jüdischem Ritus vornimmt: Boris Hoz, 40 Jahre alt, Facharzt für Chirurgie. Im beruflichen Alltag operiert er Patienten mit allen möglichen Erkrankungen. Doch bei ihm kommen auch Jungen und Männer unters Messer, denen er die Vorhaut entfernt. Aber nicht alle sind Juden. Denn auch Muslime lassen sich bei ihm beschneiden.

Seit 1992 ist Boris Hoz im Jüdischen Krankenhaus tätig. Erst ein Jahr zuvor war der in Riga geborene und dort ausgebildeter Arzt nach Deutschland gekommen. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Die notwendigen Kenntnisse erwarb er sich jedoch schnell, bekam bald eine Stelle als Assistenzarzt. Fünf Jahre später schloss er an der Humboldt-Universität seine chirurgische Facharztausbildung ab.

Ritus Der ehemalige Chefarzt des Jüdischen Krankenhauses, Uri Schachtel, nahm den jungen Arzt unter seine Fittiche. Er wies ihn auch in die medizinische Kunst der Brit Mila ein. Und als sich der Chef vor einigen Jahren von seiner chirurgischen Tätigkeit verabschiedete, übernahm Hoz von ihm den inoffiziellen Titel des »beschneidenden Arztes«. Mehr als 200 Juden im Alter von sieben Tagen bis 70 Jahren haben diese Mizwa mit seiner Hilfe erfüllt. »Ich bin kein offzieller Mohel der Gemeinde«, betont der Chirurg, »aber auch bei mir gibt es den Wein und die Bracha.« Manche Eltern wollen ihre Söhne eben nicht bei einem Mohel in der Synagoge, sondern unter dem fachlich und hygienisch hohen Standard eines Krankenhauses beschneiden lassen, erzählt er.

Ein gutes Auge und eine ruhige Hand sind Voraussetzung. Und eine enge Beziehung zur religiösen Tradition. Für Hoz ist diese Art seiner Tätigkeit wichtiger Beweis seiner Verbundenheit mit den jüdischen Wurzeln. Beschneidungen seien eine der höchsten religiösen Pflichten im Judentum. »Und natürlich freue ich mich, dass ich diese Mizwot machen darf.« An der religiösen Notwendigkeit und ethischen Berechtigung dieser alten Tradition, die den Eintritt in den Bund mit Gott darstellt, hat er keinen Zweifel. Ganz im Gegenteil. Vor Kurzem hat er an einer öffentlichen Diskussion teilgenommen, in der die Notwendigkeit einer Beschneidung infrage gestellt wurde. Von Körperverletzung war die Rede, schließlich hätten Neugeborene keine Möglichkeit, über diesen medizinisch nicht notwendigen Eingriff mit zu entscheiden, hieß es dort. So lehnen viele nichtjüdische Mediziner diese Praxis ab. Hoz reagiert empört: »Sollte die Beschneidung verboten werden, kann man die ›Firma Judentum in Deutschland‹ zumachen!«

Qualifikation Für den Arzt, der seit drei Jahren vom Jüdischen Krankenhaus an die Sana-Kliniken entsandt wurde, um sich in der Bauchchirurgie und insbesondere in der laparoskopischen Chirurgie weiter zu qualifizieren, bleibt das Berufliche sehr spannend. Der zweite Facharzt für Visceralchirurgie muss noch mit einer Prüfung erlangt werden. Hoz schwärmt geradezu von der Schlüssellochmethode, sie sei sehr schonend und auch ästhetisch. Auch hier steht für ihn der Mensch im Mittelpunkt.
Er legt auf einen guten Kontakt zu seinen Patienten wert. Die loben seine nette Art und medizinische Kompetenz. Vorbehalte aufgrund seines etwas fremd anmutenden Akzentes gäbe es keine. »Bei der Vorbesprechung fragen schon manche, woher ich stamme. Dann erkläre ich, dass ich von Riga nach Berlin gekommen bin. Und das wird sehr positiv aufgenommen.«

Hobbys Der Tag in der Klinik ist lang. Für den Vater eines 16- und eines elfjährigen Sohnes bleibt nicht viel Zeit für die Familie, noch weniger für sich selbst. Diese freien Stunden widmet er dann meist dem Sport: im Winter dem Schlittschuhlauf, ganzjährig dem Nordic Walking. Und wenn er mal zu Besuch in Israel ist, wo seine Eltern leben, entspannt er sich beim Tauchen in Eilat. Oder er nimmt als Freiwilliger an archäologischen Ausgrabungen biblischer Stätten teil. Etwa zweimal im Jahr reist er nach Israel, auch die Urlaubszeit ist knapp.

Übrigens: Um fit und gesund zu bleiben, ernährt sich der Mediziner sehr oft vegetarisch, meist mit Salaten aus – schnell und präzise – selbstgeschnittenem Gemüse.

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026