Rabbiner David Kraus

»Mia san Rabbi«

»Nach meinem Unfall verspürte ich den Wunsch, ein nettes jüdisches Mädchen kennenzulernen.« Rabbiner David Kraus Foto: Rabbiner David Kraus

Er feierte gern und war als Draufgänger in Regensburg bekannt. Heute lebt der in Israel geborene und in der Hauptstadt der Oberpfalz aufgewachsene Rabbiner David Kraus mit seiner Frau und vier Kindern in Jerusalem. Durch einen antisemitischen Angriff, der einen monatelangen Krankenhausaufenthalt nach sich zog, fand er zu seinem jüdischen Glauben, wurde Toragelehrter und hilft heute Menschen als Paar- und Familientherapeut.

Rabbiner Kraus, wie definieren Sie »Mia san mia« für sich?
Ich definiere mich als bayrischer Jude und israelischer Bratzlawer Chassid. Nebenbei schlägt mein Fußballerherz für Borussia Dortmund.

Wie bitte? Nicht für Jahn Regensburg?
Jahn ist natürlich auch super, doch ich war damals beim Konkurrenten SV Fortuna Regensburg. Allerdings mochte ich immer schwarz-gelb und tatsächlich wegen der Farben wechselte ich später sogar zum klassentieferen Stadtrivalen BSC. Daher auch meine Sympathien für Borussia Dortmund.

Ein Bratzlawer Chassid, der sich für das Glücklichsein entschieden hat. Waren Sie zuvor unglücklich?
Keineswegs, doch mein Glück war nicht vollkommen. Das gewisse »Gewürz« hat mir gefehlt. Es dauerte, bis ich das feststellen und bestimmen konnte.

Damit meinen Sie das Judentum. Doch sind Sie als Kind israelischer Eltern nicht in der jüdischen Kultur und Tradition aufgewachsen?
Ich bin in einem traditionellen jüdischen Elternhaus aufgewachsen. Meine Mutter war sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde in Regensburg, zu der durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion mittlerweile 1500 Mitglieder gehören. Auch hatte sie als Maschgicha viele Jahre die Verantwortung für die Kaschrut. Hinzu kam, dass wir regelmäßig ein- bis zweimal im Jahr nach Israel flogen, um unsere Familie zu besuchen.

Wie kamen Sie und Ihre Familie nach Regensburg?
Durch den Beruf meines Vaters, der als Küchenchef tätig war. Kurz nach meiner Geburt in Israel zogen wir nach Hannover. Danach in die Niederlande und später nach Regensburg. Seine letzte Stelle, bevor er in Rente ging, hatte er dann im King David Hotel in Jerusalem.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Hauptstadt der Oberpfalz?
Gute Erinnerungen. Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend, die mir meine Eltern mit ihrer Liebe und wundervollen Art geschenkt haben. Natürlich auch viele Freunde, darunter Deutsche, Türken und auch etliche aus dem früheren Jugoslawien.

Haben Sie immer noch Kontakte nach Deutschland?
Natürlich, darunter alte Freunde und Bekannte. Vor allem seit es die sozialen Medien gibt, findet man mich immer wieder, wie zum Beispiel auf Facebook. Die meisten wundern sich dann und staunen, dass aus mir ein Rabbi geworden ist.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit Antisemitismus?
Antisemitismus hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Zwar nicht ständig, aber »ständig zu oft«. In Deutschland habe ich es meist so empfunden, dass es entweder Menschen gab, die Schuldgefühle wegen des Holocaust haben, gleichzeitig auch Sympathien für Israel pflegen und sich für jüdische Kultur interessieren, oder totale Antisemiten, die einen am liebsten gleich physisch attackieren würden.

Gehört dazu auch der Treppensturz, der Ihnen widerfahren ist?
Das war für mich nicht der erste antisemitische Angriff in Deutschland. Als Kind und Jugendlicher habe ich mehrere solche Geschichten erlebt. Meine erste Erfahrung damit hatte ich in der vierten Klasse mit einem Mitschüler. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit. Der Junge, der aus der ehemaligen DDR kam, saß mir gegenüber, spitzte seinen Bleistift und rammte ihn mir wie ein Psychopath in die Hand. Danach brach er die Spitze ab und beschimpfte mich wegen meines Jüdischseins. Ich kann mich noch an den Klassenlehrer erinnern – der war total überfordert.

Als Sie 24 Jahre alt waren, hatten Sie dieses schlimme Erlebnis mit dem Treppensturz. Wie kam es dazu?
Bei einer Meinungsverschiedenheit schubste mich ein Türke die Treppe hinunter. Ich hatte mehrere Brüche, und als ich ins Krankenhaus kam, bestand zu Beginn sogar die Gefahr, dass mein Bein amputiert werden müsste. Der Angreifer zeigte bei der Gerichtsverhandlung keinerlei Reue und stritt alles ab. Er meinte, Allah hätte mich geschubst.

Gab es nicht den Wunsch nach Gerechtigkeit oder sogar Rache?
Damals, nach dem Unfall, setzte ich mich natürlich mit negativen Emotionen wie Wut und Hass auseinander. Das ist eine Art von Prozess. Mit 24 Jahren war ich aber noch nicht reif genug, um zu wissen, dass Glücklichsein im Großen und Ganzen eine Frage der Entscheidung ist. Mit der Zeit verstand ich, dass ich nicht möchte, dass so etwas Negatives an mir hängen bleibt. Ich wollte frei sein. Ich werde die Tat zwar niemals verzeihen, doch ich habe damit abgeschlossen.

Leiden Sie heute noch unter Spätfolgen?
Aufgrund der vielen Verletzungen, die mir widerfahren sind, werde ich als behindert eingestuft. Ich habe immer noch Probleme mit meinem Fuß, der Schulter und dem Rücken. Jetzt kam mit Rheuma noch eine Autoimmunkrankheit dazu. Auch wenn es medizinisch nicht einwandfrei zu beweisen ist, sind sich die Ärzte fast zu 100 Prozent sicher, dass alle meine physischen Schwierigkeiten mit dem Unfall zu tun haben. Mein Körper erlitt damals eine Art Schock, der erst jetzt ausgebrochen ist.

Wie sind die Reaktionen, wenn Sie heute als Rabbiner Deutschland besuchen?
Jetzt, wo man mich durch mein Äußeres sofort als jüdischen Menschen erkennt, erlebe ich in Deutschland ständig verbale Angriffe gegen meine Person. Das fängt schon am Flughafen an. Aus der Warteschlange hört man dann Sätze wie: »Heute stinkt es hier aber.« Vor allem bei Einwanderern aus dem arabischen und muslimischen Raum merke ich das ständig. Wenn so eine Gruppe mich bemerkt und an mir vorbeigeht, höre ich öfters Beleidigungen wie »Itbach el Yehud« (arabisch: Schlachtet die Juden!). Manchmal schreit man mir auch nur das Wort »Jude« hinterher. Das ist wirklich zum Standard in Europa geworden. Neben dem traditionellen Antisemitismus in christlich geprägten Staaten sehe ich vor allem den radikalen Islam als Gefahr für das jüdische Volk.

Wieso sind Sie nach Israel ausgewandert?
Israel war insgeheim schon immer mein großer Wunsch. Ich glaube, die meisten jüdischen Menschen haben ein besonderes Gefühl im Herzen, wenn sie am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen. Das höre ich immer wieder. Das ist etwas Besonderes, das man nicht erklären kann. Und diese Sehnsucht hatte ich natürlich auch.

Konnten Sie bei Ihrer Ankunft schon die Sprache?
Durch meine Eltern sprach ich Hebräisch, was ein großer Vorteil war. Doch ich konnte nicht lesen und schreiben. Das habe ich dann mit 24 lernen müssen.

Am Ende wurden Sie Rabbiner. Wie kam es dazu?
Ich hatte das nie geplant. Nach meinem Unfall verspürte ich den Wunsch, ein nettes jüdisches Mädchen kennenzulernen, und fragte meine Familie in Israel, ob sie nicht jemanden für mich hätten. In einer Art Schidduch organisierten meine Cousinen ein Blind Date für mich.

Und Ihre jetzige Frau war schon damals ultraorthodox?
Sie kam aus einem traditionellen Elternhaus, das dem berühmten Rabbiner Mordechai Elijahu nahestand, meinem ersten großen Mentor, dem ich viel zu verdanken habe. Doch das erste Treffen ging fast in die Hose, denn man erzählte ihr nicht, dass ich zwei Ohrringe habe und Atheist bin. Kurz bevor sie alles abbrechen wollte, kamen meine Cousinen dazwischen und überzeugten sie, mir eine Chance zu geben. Nachdem wir uns mehrmals gesehen hatten, entstand ein Vertrauen zueinander. Wir besuchten den Rabbiner, und dann kam eines zum anderen.

Um Ihre Frau zu heiraten, entschieden Sie sich, religiös zu werden.
Ja, ich fing an, die Tora zu lesen und mich ernsthaft damit zu befassen. Zwar war ich schon immer stolz auf meine Herkunft, aber erst mit der Auseinandersetzung der jüdischen Studien fühlte es sich wahrheitsgemäß an. Dabei merkte ich, dass viele Menschen bei mir Rat suchten in familiären oder spirituellen Angelegenheiten.

Waren die Torastudien eine Art Meditation oder seelische Heilung für Sie?
Ich fühle mich mit dieser Heilung absolut verbunden und erfüllt. Jetzt studiere ich auch täglich den Zohar, das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala. Da ich mich zum chassidischen Judentum hingezogen fühle, vor allem zu Rabbi Nachman von Bratzlaw, zu dessen Grab in Uman ich schon seit 16 Jahren pilgere, ist es sogar viel mehr für mich. Auch ich sehe das Gebet wie ein Tor an, durch das man geht, wenn man sich an den Schöpfer wendet. Das Judentum ist nämlich keine Religion, sondern eine Beziehung, also ein Bund zwischen dem Menschen und Gott.

Was sagten Ihre Eltern dazu?
Meine Eltern waren am Anfang natürlich schockiert. Aber als sie sahen, dass mir die Tora guttut und ich dadurch zu einem besseren Menschen wurde, haben sie das respektiert und sind heute sehr stolz auf mich.

Nach dreijährigem Torastudium wurden Sie schließlich zum jüdischen Gelehrten ausgebildet. Leiten Sie heute als Rabbiner eine Gemeinde?
Ich bin kein Gemeinderabbiner, sondern ein Geistlicher für die Allgemeinheit, eine Art Berater für persönliche Angelegenheiten.

Sie sind auch Psychologe und Familientherapeut. Beraten Sie hauptsächlich ul­tra­orthodoxe Familien?
Meine Patienten haben einen unterschiedlichen Hintergrund. Gerade arbeite ich an einem Forschungsprojekt. In dieser Studie – es ist eine Zusammenarbeit von israelischen und deutschen Psychotherapeuten – suchen wir nach effektiven neuen Wegen, um das Glück von Familien und ihre Befähigung, gute Eltern zu sein, abzusichern. Wir tun das über Gesprächsangebote, Kurzinterventionen, Filmtherapie, Podcasts, Bücher und nicht zuletzt auch durch den Glauben, den ich aus den Schriften Rabbi Nachmans beziehe.

Könnten Sie sich unter Umständen vorstellen, nach Deutschland zurückzugehen und Rabbiner einer Gemeinde zu werden?
Nein, ein Leben in Deutschland kommt für mich absolut nicht mehr infrage. Es ist für mich nicht sicher genug und auch erziehungstechnisch kein Vergleich zum israelischen Standard. Trotzdem denke ich, dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland eine unglaublich wertvolle Arbeit leisten. Während der jüdischen Feiertage besuche ich sie regelmäßig mit meiner Familie und versuche meinen Beitrag zu leisten, indem ich mein Jerusalemer Licht des Glaubens und des Glücks mitbringe.

Jetzt sind Sie auch Autor. Ihr Buch »Der fröhliche Rabbi und die verschlungenen Wege zum Glück« ist nicht nur eine Autobiografie, sondern gibt Antworten auf die großen Lebensfragen. Wie kam es dazu?
Ich war schon immer sehr aktiv in den sozialen Medien. Über Facebook kam der Frankfurter Rapper Moses Pelham, der eine sehr spirituelle Person ist, mit mir in Kontakt. Mittlerweile war er schon mehrmals bei mir zu Hause in Jerusalem. Er nannte auch sein Album Emuna (hebräisch »Glaube«) und drehte zwei Videoclips in Israel, einen sogar an der Kotel. Als er mich einmal besuchte und mein Vater ihm von seinem Leben erzählte, schlug Moses ihm spontan vor, dies in einer Biografie festzuhalten. Dies wurde auch meine Motivation. In dem Buch schreibe ich über mein Leben, wie ich vom atheistischen David zum Rabbiner wurde. Dabei möchte ich den Menschen nicht erklären, was der richtige Weg ist, sondern nur erzählen, was für mich Heilung war. Wenn es dem Leser auch guttut, dann haben wir beide gewonnen.

Mit dem Rabbiner sprach Tal Leder. David Kraus: »Der fröhliche Rabbi und die verschlungenen Wege zum Glück«, Droemer-Knaur, München 2021, 240 S., 20 €

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