Ralph Giordanos Bibliothek

Mehr als dreitausend Bücher

Die KZ‐Gedenkstätte Neuengamme erhält die Bücherei des Schriftstellers

von Heike Linde-Lembke  13.02.2018 10:22 Uhr

Büchersammler und Autor: Ralph Giordano sel. A. Foto: dpa

Die KZ‐Gedenkstätte Neuengamme erhält die Bücherei des Schriftstellers

von Heike Linde-Lembke  13.02.2018 10:22 Uhr

Die Bertinis. Auf Dänisch. Auf Schwedisch. Auf Deutsch. Auf Japanisch. Großvater Giacomo Bertini beschließt, sein sizilianisches Dorf auf einem Esel zu verlassen. Der Esel bockt, die Ausreißertour endet im Straßenstaub. Erst als 19‐Jähriger sah er seinen Sehnsuchtsort – Hamburg. Dort lernte er Emma, eine mittellose Schwedin, kennen, dort wird Sohn Alf geboren. So beginnt Ralph Giordanos Autobiografie.

Er schreibt seine Familiengeschichte in bildgewaltiger Sprache, konzipiert sie wie ein Drehbuch. Kern aber ist die Zeit ab 1933, als die Bertinis Opfer von Hitlers Rassenwahn werden. Denn Alf Bertini hat eine Jüdin geheiratet. 40 Jahre hat Ralph Giordano an dem Roman gearbeitet, mit dem er sein ganzes Leben offenlegte.
Doch Giordano schrieb nicht nur Bücher.

Er sammelte sie auch. Jetzt überließ seine Lebensgefährtin Marina Elli Jakob 3300 Exemplare aus seiner umfangreichen und vielseitigen Bibliothek der KZ‐Gedenstätte Hamburg‐Neuengamme als Dauerleihgabe. Am 16. Februar wird die Ralph Giordano‐Bibliothek eingeweiht. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda eröffnet die Feier.

Schenkung »Ich denke, die Bücher sind hier an einem guten Ort«, sagt Marina Jakob. Schon in den letzten Lebenstagen Ralph Giordanos kam ihr der Gedanke, die Bibliothek der KZ‐Gedenkstätte Neuengamme zu übergeben. »Die Bücher dürfen nicht verloren gehen, sie müssen zusammen bleiben und sollten nach Hamburg, seiner Heimatstadt«, war ihre Überlegung.

Sie holte sie aus Köln, dem letzten Wohnsitz Giordanos, erst in ihre Hamburger Wohnung, lagerte sie in einer Schule, bis sie im März 2017 erste Gespräche über die Dauerleihgabe der Bücher mit der KZ‐Gedenkstätte Neuengamme aufnahm. »Ich brauchte Zeit, mich von seinen Büchern auf Zeit zu verabschieden, aber sie bleiben immer in meinem Besitz«, sagt Marina Jakob.

Im Sommer reisten 90 Bücherkisten quer durch die Stadt, über die Elbe in die KZ‐Gedenkstätte. »Das ist nicht nur eine Bereicherung für unseren Buchbestand von 18.000 Bänden, den unsere Besucherinnen und Besucher nutzen können, die Bibliothek zeigt auch die enge Beziehung Ralph Giordanos zur KZ‐Gedenkstätte Neuengamme«, sagt Detlef Garbe, Direktor der Gedenkstätte.

Untergebracht ist die Bibliothek im ersten Stock des Hauses, in dem einmal die SS‐Führung des KZs saß. Umgeben ist es von historischen Gebäuden, in denen heute Informations‐ und Schulungszentren die Gräuel dokumentieren, die auf dem weiten Gelände zwischen Mooren und umliegenden Dörfern verübt wurden. Keinesfalls ist das KZ so weit von den Ortschaften entfernt, dass dort »niemand etwas gewusst« haben könnte, schon gar nicht nach den Märschen, auf die die Gefangenen im Frühjahr 1945 quer durch Hamburg und Schleswig‐Holstein über belebte Straßen nach Kiel getrieben wurden.

Anthologie Die Bibliothek weist Ralph Giordano als extrem vielseitig belesenen Mann aus. Unter seinen eigenen Werken befinden sich auch Anthologien, Ausstellungsbände und Bücher, zu denen er das Vorwort oder einen Aufsatz geschrieben hat, beispielsweise Nirgendwo und überall zu Haus von Martin Doerry mit Fotografien von Monika Zucht, das im Februar 2007 zu einer Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen erschien.

Ralph Giordano hielt auf der Vernissage die Einführung und schrieb den Artikel »Ein Glücksfall, ein Wunder, ein Mirakel« über die Rettung seiner Familie vor der Schoa. Weitere Autoren sind unter anderem Aharon Appelfeld, Agnes Sassoon, Ruth Klüger, Anita Lasker‐Wallfisch und Elie Wiesel.

Hamburg‐Barmbek
Doch der am 23. März 1923 in Hamburg‐Barmbek geborene Giordano sammelte auch Bücher über seine Heimatstadt, die er immer wieder aufsuchte, auch als er schon wegen seiner Filmarbeit beim WDR nach Köln gezogen war. Die Domstadt am Rhein aber wurde ihm nie zur Heimat, immer wieder kehrte er an die Elbe zurück, privat und beruflich, zu Dreharbeiten, Lesungen und Vorträgen. Denn Giordano verstand sich als Zeitzeuge und riet jungen Menschen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Bibliothekarin Carola Kieras hat die 3300 Bücher unter Begriffen wie Belletristik, Literaturwissenschaft, Bildende und Darstellende Künste, Journalismus, Jüdische Geschichte, Deutsche Geschichte bis 1933, Biografien Betroffener, Biografien von Tätern, Lager und Holocaust, Widerstand und Zweiter Weltkrieg bis zu BRD und DDR, Recht, Rassismus, Rechtsextremismus und Nahostkonflikt, Antisemitismus, Philosophie, Pädagogik, Politikwissenschaft und Soziologie, Judentum und Israel verschlagwortet.

Es gibt Reiseberichte, vor allem aus seinem Lieblingsland Irland, aber natürlich auch Sizilien, die Heimat seiner Vater‐Familie. Ralph Giordano war auch ein Freund von Eisenbahnen und Tieren, er liebte Hunde und – Dinosaurier.

internet »In seiner Kölner Wohnung waren die Bücher überall, im Wohn‐ und im Schlafzimmer, im Esszimmer, in seinem Büro vom Fußboden hoch gestapelt und auch in der Küche«, sagt Marina Jakob. »Er hatte seine Bücher, wir haben heute das Internet.« Giordano habe sich mit dem virtuellen Medium nie eingehend befasst.

»Er hat mir in den letzten Jahren immer Begriffe per SMS geschickt, die ich dann für ihn im Internet recherchiert, ausgedruckt und ihm geschickt habe«, sagt Marina Jakob, um dann zu erzählen, was der Anstoß für sein erstes eigenes Buch war: »Er las das Buch Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe, und das gab ihm 1948 den Mut, Morris – Geschichte einer Freundschaft zu schreiben.« Das letzte Buch, das auf seinem Nachttisch lag, war Trotzdem Ja zum Leben sagen, das der österreichische Psychiater Viktor E. Frankl 1946 schrieb. »Er hat es nicht mehr gelesen«, sagt Marina Jakob.

Ralph Giordano ist am 10. Dezember 2014 in Köln gestorben und dort auf dem städtischen Friedhof beerdigt. Nun will ihn Marina Jakob nach Hause, nach Hamburg holen, damit er auf dem jüdischen Friedhof in seiner Heimatstadt beerdigt werden kann.

Dafür spricht, dass Ralph Giordano, dem die Hansestadt einen Platz in Hamburg‐Barmbek als »Piazzetta‐Ralph‐Giordano« widmete, in breitem Barmbeker Slang nicht müde wurde zu betonen: »Ein Barmbeker bleibt immer ein Barmbeker und ein Barmbeker immer ein Hamburger.« Außerdem liegt Barmbek in direkter Nachbarschaft zum jüdischen Friedhof von Hamburg.

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