Rostock

»Mechaje« vor dem Aus?

Theaterszene: Marina Beitman im Schaukelstuhl in der Rolle der Elka in Jossef Bar Jossefs Stück »Elkas Gold« Foto: Frank Hormann / Nordlicht

Die finanzielle Existenz des Jüdischen Theaters »Mechaje« in Rostock ist bedroht. Für 2016 gab es bisher weder von der Stadt noch vom Land Fördermittel. Entsprechende Anträge wurden nicht gestellt, weil der Vorstand des Trägervereins im Dezember geschlossen zurückgetreten war. Aber nur er ist antragsberechtigt. Ersatz für die Dreierspitze ist nicht in Sicht, weshalb derzeit vom Amtsgericht Rostock die »Benennung eines Notvorstands« geprüft wird.

2015 hatten Kultusministerium und städtisches Kulturamt den Gründern und Hauptschauspielern des einzigen jüdischen Theaters in Mecklenburg-Vorpommern noch 58.000 Euro zukommen lassen. »Ohne das Geld können wir nicht weitermachen«, sagt Michail Beitman-Korchagin. Die Halbtags-Arbeitsverträge für ihn und seine Frau Marina werden nicht verlängert. Das hatte der zurückgetretene Vorstand als letzte Amtshandlung entschieden.

Finanzen Ex-Vorstandsmitglied Sybille Bachmann, Kommunalpolitikerin und Uni-Mitarbeiterin, hatte sich im Sommer vergangenen Jahres neben ihrer beruflichen Verpflichtungen der Vereinsfinanzen angenommen. »Ich wollte die drohende Insolvenz abwenden, weil ich finde, dass wir das Jüdische Theater unbedingt erhalten müssen«, begründet sie ihren Einsatz.

Zuvor hatten Stadt und Land »handwerkliche Fehler in der Buchführung und der Verwendung der Fördermittel entdeckt«. In dem halben Jahr ihrer Tätigkeit habe sie fast alle Rückzahlungsforderungen bearbeitet und Schulden beglichen. Doch schnell habe sich bei der »Pragmatikerin mit kühlem Kopf«, wie sich Bachmann selbst beschreibt, Ernüchterung breitgemacht. »Eine vernünftige Zusammenarbeit mit den Beitmans ist nicht möglich gewesen«, sagt Bachmann.

Sie forderten Hilfe von außen, nahmen aber Vorschläge zur Theaterverwaltung schlichtweg nicht an, beschreibt Bachmann die Situation. Deshalb sei von den verbliebenen 25 Vereinsmitgliedern auch niemand bereit, den Vorsitz zu übernehmen. Bachmann habe den Beitmans geraten, den Verein selbst zu führen, indem sie die Satzung ändern oder das Theater zur vermögensverwaltenden Familiengesellschaft bürgerlichen Rechts umgestalten.

Schatzmeister Beitman-Korchagin lehnt dies ab. »18 Jahre bin ich im Vorstand gewesen, dann hat mich die Stadt rausgedrängt, weil es auf einmal hieß, ich würde das alles nicht richtig machen«, sagt er. Dabei seien er und seine Frau Marina gar nicht schuld an den finanziellen Ungereimtheiten. »Wir hatten mit unserem Schatzmeister Pech. Der hat viel falsch gemacht«, sagt der gebürtige Ukrainer, der das Theater 1997 in Rostock gegründet hatte und vorwiegend Stücke in russischer Sprache aufführte.

Außerdem verwehrt er sich gegen die Behauptung, man könne nicht mit ihm arbeiten. »Natürlich bin ich ein schwieriger Charakter, aber das ist jeder Mensch«, sagt der Schauspieler. Seine Frau Marina, die als Trainerin das Projekt Kinderzirkus »Wölkchen« erfolgreich weiterführt, verteidigt ihren Mann: »Das ist nicht untypisch für Theaterleute.« Man müsse mit dem Herzen für ein jüdisches Theater arbeiten, nicht nur mit dem Kopf.

Sybille Bachmann empfiehlt den Theatergründern, einen professionellen Buchhalter einzustellen. »Bisher haben sie den mit 150 Euro monatlich für die ganze Arbeit abgespeist«, sagt sie. »Wer mit Fördermitteln sowie Einnahmen aus Gastspielen und anderen Veranstaltungen bei knapp 100.000 Euro Jahreseinkommen liegt, kann auch eine vernünftige Summe für einen Buchhalter abgeben.«

Fördermittel Beitman-Korchagin hält dagegen: »Ich habe 1000 Euro pro Monat von den Fördermitteln für mich gehabt, davon kann ich nicht noch mehr entbehren.« Deshalb besteht er auf zusätzlichen 28.000 Euro Fördergeld »und das Versprechen, dass keine Rückzahlungsforderungen mehr kommen«. Würden diese Forderungen nicht erfüllt, sei das ein Zeichen dafür, wie wenig Rostock und Mecklenburg-Vorpommern ein jüdisches Theater im Land bedeute. Wundern würde Beitman das jedoch nicht. »Rostock und Mecklenburg-Vorpommern sind nach wie vor antisemitisch«, sagt er. Das begegne ihm im Alltag immer wieder.

Empört weist Michaela Selling, Leiterin des Kulturamts in Rostock, diese Aussage zurück. »Wir als Stadt setzen uns stark für die Förderung jüdischer Kultur ein.« Von Beitman sei sie persönlich enttäuscht, da sie selbst dafür gesorgt habe, »dass seine Fördermittel gestiegen sind«. Zahlen belegen: Die Stadt hat ihre Summe zwischen 2011 und 2015 um 7000 Euro auf zuletzt 38.000 Euro aufgestockt. Weitere 28.000 Euro seien nicht finanzierbar. Generell stehen für 2016 von Stadt und Land Fördermittel bereit. »Sollte das Jüdische Theater einen Antrag stellen und die Fördervoraussetzungen erfüllen, wird es auch eine Landesförderung erhalten«, heißt es aus dem Kultusministerium.

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