Porträt der Woche

Mann am Herd

Richard Jäger war Kampfsanitäter. Jetzt versorgt er als Koch 150 Kinder mit Mittagessen

von Brigitte Jähnigen  07.02.2024 16:46 Uhr

»Jetzt ist Krieg, und ich fühle mich machtlos. Ich würde gern nach Israel fliegen, werde aber hier gebraucht«: Richard Jäger (43) aus Stuttgart Foto: Brigitte Jähnigen

Richard Jäger war Kampfsanitäter. Jetzt versorgt er als Koch 150 Kinder mit Mittagessen

von Brigitte Jähnigen  07.02.2024 16:46 Uhr

Nach Kreuzkümmel, Kurkuma und Zimt duftete es in der Küche der marokkanischen Nachbarin. Ich bin sozusagen am Herd groß geworden, da meine Mutter seit 30 Jahren als Chefköchin arbeitet. Und in dieser Funktion richtete sie auch große Feste aus, weshalb ich schon als Kind viel ausprobieren durfte und so ständig Neues dazugelernt habe. Als es sich später anbot, neben dem Abitur Hotelmanagement und Tourismus zu studieren, habe ich die Chance ergriffen. Da waren wir schon in Israel. Später kam ich nach Deutschland und bin seit 2016 Koch und Caterer in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW).

Geboren wurde ich in Miskolc in Ungarn. In unserer Familie wurde immer von Israel gesprochen und davon, wie es wäre, Alija zu machen. Wir träumten von diesem tollen Land, doch es war so weit weg. Und natürlich konnte man auch aus einem kommunistischen Land nicht so einfach nach Israel auswandern. Aber dann fuhren wir nach Italien in den Urlaub. Dort gab es eine israelische Botschaft. Wie alles genau ablief, weiß ich heute nicht mehr, da ich erst sieben Jahre alt war. Jedenfalls dauerte es ungefähr zwei, drei Wochen, und wir machten von unserem sogenannten Urlaub aus im Anschluss Alija.

Gehst du nach Israel, wirst du schon am ersten Tag integriert. Wir bekamen in der Nähe von Hadera eine Wohnung, und alle lernten den halben Tag Hebräisch. Im August kamen wir an, und schon im September besuchten mein Bruder und ich die Schule beziehungsweise den Kindergarten. Eine Zeit lang lernte ich auch in einer Chabad-Schule.

Ich musste früh selbstständig werden

Als ich elf war, haben sich meine Eltern getrennt, wir Kinder blieben bei der Mutter. Da sie viel arbeitete, musste ich früh selbstständig werden und habe so gelernt, Verantwortung zu übernehmen und oft auch zu improvisieren. Das war manchmal hart, aber auch eine gute Schule fürs Leben. Nach dem Abitur ging ich wie fast alle Israelis zur Armee. Ich wurde Soldat in einer Kampfeinheit und dort zum Kampfsanitäter ausgebildet.

Jetzt ist Krieg in Israel, und ich fühle mich machtlos. Ich bin ein Mann der Tat, es brennt in mir. Ich würde nach Israel fliegen, aber meine Tätigkeit hier und der gleichzeitige Personalmangel erlauben es mir nicht. Ich verpflege täglich etwa 150 Kinder des Gemeindekindergartens und der Grundschule. Außerdem kochen wir auch, wenn die Gemeindemitglieder etwas zu feiern haben, wie zum Beispiel eine Brit Mila oder eine Bar- oder Batmizwa.

Außerhalb der Gemeinde richten wir oft große Buffets aus, wie kürzlich für die geladenen Gäste der Oppenheimer-Preisverleihung im Weißen Saal des Neuen Schlosses oder zur Eröffnung des Zentrums für jüdische Geschichte und Gegenwart in Heidelberg. Ebenso kochen wir für Unternehmen in Stuttgart und der Region, wenn israelische Geschäftspartner kommen.

Das Kochen für Kinder ist eine große Herausforderung.

Das Catering ist der Teil meines Geschäfts, den ich am meisten mag. Die Zusammensetzung der Menüs ist sehr unterschiedlich, und die Locations sind abwechslungsreich. Ein Trend macht sich auch bei uns bemerkbar: Die Kunden wünschen mehr Vegetarisches oder Veganes und weniger Fleisch.

Das Kochen für die Kinder ist eine große Herausforderung. Es soll gesund und nahrhaft sein und gleichzeitig den Geschmack der Kinder treffen. Es bringt ja nichts, wenn wir ihnen einen Rote-Bete-Salat oder Spinat zubereiten, beides aber nicht gegessen wird. Dann gehen sie mit knurrendem Magen nach Hause. Hähnchen, Couscous, Tscholent, Schnitzel mit Pommes, Spaghetti Bolognese und Pörkölt mit Spätzle kommen besonders gut an.

Alles, was wir zubereiten, ist koscher

Und alles, was wir zubereiten, ist natürlich immer koscher. Die meisten unserer Zutaten besorge ich über einen Importeur aus Israel. Koscher ist ja nicht gleich koscher. In Straßburg zum Beispiel leben sehr viele Sefardim. Für sie gelten andere Kaschrutregeln, und wir können nicht wirklich bei den Händlern dort kaufen. Für uns gelten die strengsten Speisevorschriften, die es für Aschkenasim gibt.

Dass die auch eingehalten werden, darüber wachen Maschgichim, darunter unser Rabbiner. Salat, Obst und anderes Gemüse besorgen wir hier frisch auf dem Markt. Das wird dann in einer vorgeschriebenen Säuberungsprozedur gekaschert, also koscher gemacht. Bisher gibt es in Deutschland – im Gegensatz zu Israel, Großbritannien und den USA – keine einheitlichen Koschersiegel. Im Moment suchen wir einen zweiten Koch oder eine Köchin und Küchenhilfen.

Warum ich überhaupt nach Deutschland kam? 2003 war ich mit meinem Militärdienst fertig und arbeitete noch eine Zeit bei einem privaten Personenschutzunternehmen. Doch irgendwie wollte ich auch meinen Kopf frei bekommen und Neues sehen. Andere gingen dafür nach Indien, ich nach Deutschland. Ich wollte mehr über die Familie meines Vaters wissen, die aus Deutschland kam.

Zwei Jahre bin ich durch Deutschland gereist. Dann kam ein Angebot aus Pforzheim. Ich habe in der Gemeinde ausgeholfen, und eines Tages fiel die Köchin aus. Ich habe dann den Tscholent zubereitet, und offensichtlich hat es so gut geschmeckt, dass mir daraufhin die Stelle als Koch angeboten wurde. 2016 hat dann die IRGW einen neuen Pächter für das Restaurant in Stuttgart gesucht. Ich habe mich beworben, und seither bin ich hier. Mittlerweile bin ich auch verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Man kann sagen, ich bin hier sesshaft geworden.

Mit unseren Verwandten und Freunden, die in Israel leben, sind wir ständig in Kontakt.

Der Krieg in Israel hat mich wie alle schockiert und sehr betroffen gemacht. Mit unseren Verwandten und Freunden, die dort leben, sind wir ständig in Kontakt. Ich habe gesagt, ihr könnt hierherkommen und bleiben, solange ihr möchtet. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Von der israelischen Regierung bin ich sehr enttäuscht. Aber da bin ich nicht der Einzige. Wir haben gewusst, es wird keine Ruhe geben, die Regierung wurde auch vor Anschlägen gewarnt. Nun zahlen wir alle einen sehr, sehr hohen Preis.

Die Ideologie der Hamas ist ganz einfach

Die Ideologie der Hamas ist ganz einfach: Sie wollen uns einfach nicht dort. Und es hat sich auch gezeigt: Ruhe in einem Land kannst du nicht kaufen. Die Hamas hat das Geld genommen und in Terror investiert. Aus meiner Zeit in Israel weiß ich, dass natürlich nicht jeder Palästinenser ein Terrorist ist. Aber viele Palästinenser in Gaza haben die Hamas gewählt. Die Mentalität dort ist oft eine andere als unsere. Wie Golda Meir damals gesagt hat: Frieden wird es erst geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.

Als der Gazastreifen 2005 geräumt wurde, sollte eine palästinensische Regierung gewählt werden. Das waren aber keine demokratischen Wahlen, da siegte der Stärkere. Seit 2007 ist die Hamas dort an der Macht und kümmert sich kaum um das Wohl der Bevölkerung, dafür aber umso mehr um ein Ziel: die Vernichtung Israels und der Juden, die dort leben.

Ob die Gründung des Staates Israel 1948 ein Fehler war? Nein, war es nicht. Israel ist das versprochene Land der Juden, und 1948 haben wir es zurückbekommen. Das arabisch-palästinensische Volk, wie wir es heute kennen, gab es damals noch nicht.

Wie ich die Zukunft sehe? Ich sehe keine zwei Staaten, solange es auf palästinensischer Seite keine Regierung gibt, die Frieden möchte und auch die Autorität hat, diesen in der eigenen Bevölkerung durchzusetzen. Mit Terroristen kannst du nicht verhandeln. Ich kann mich den Rufen »Free Palestine« anschließen. Aber frei von Hamas. Israel wird bleiben. Es gibt auch viele Araber, die dasselbe wollen wie wir. Auch sie haben dort Land. Dass dann manche Siedler ebenfalls militant werden und Palästinenser angreifen, verstehe ich nicht. Die Fanatiker sind auf beiden Seiten ein großes Problem. Im August war ich in Israel. Dass es Krieg geben wird, hätte ich damals nicht gedacht.

Das Leben geht weiter

So geht das Leben weiter. Und was das Kochen und Essen betrifft: Familien aus der Gemeinde haben Familienrezepte für ein Projekt der IRGW zur Verfügung gestellt. In einem farbig illustrierten Band kann man sie – allesamt Empfehlungen für Rosch Haschana – nachlesen und nachkochen. Und sie sind garantiert koscher! So ist zu lesen: Familie Lipowitsch liebt besonders Rucola-Granatapfel-Salat. Familie Motsa lüftet ihr Geheimnis, wie sie Honiglachs zubereitet, und auch das für die Zubereitung eines scharfen Möhrensalates. Familie Berlin erklärt in ihrem Rezept Hühnerleberpastete zugleich, wie Leber gekaschert wird.

Empfehlungen gibt es auch für das Prüfen von Salat auf Insekten. »Kankan Hadasch Mal Jaschan« – ein neuer Krug voll mit altem Wein, hat Rabbiner Pushkin das Gemeindekochbuch kommentiert. Rosch Haschana sei der einzige Feiertag mit Geschmack. Und das nächste Jahr kommt gewiss!

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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