Gemeinde

Man kennt sich hier

Die Synagoge in der Possartstraße gehört scheinbar zu den weniger sichtbaren Orten des jüdischen Lebens in München. Aber dieser Eindruck trügt: Hinter der zurückhaltenden Fassade hat sich die Synagoge in Bogenhausen über Jahrzehnte als feste Größe innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern etabliert. Nun steht die Synagoge vor einer grundlegenden Neuausrichtung.

Rund 200 Familien bilden den Kern der hiesigen Gemeinschaft. Sie ist bis heute besonders stark von alteingesessenen Familien geprägt, die seit der Nachkriegszeit und damit heute in dritter, teils schon vierter Generation in München ansässig sind. Viele osteuropäisch geprägte Traditionen aus der Vorkriegszeit werden hier weiter bewahrt. »Man hört zum Beispiel auch heute noch Jiddisch«, sagt Roy Rajber, Mitglied im Synagogenvorstand, dem Vaad. Lange Zeit dominierte die Sprache gar den Umgang in der Possartstraße.

»Die häufigste Beschreibung ist: Dieser Ort fühlt sich heimisch an.«

Die Wurzeln der Synagoge reichen weit zurück. Schon 1946 entstand in der nahen Villa Lauer am Ende der damals für die jüdische Gemeinschaft wichtigen Möhlstraße Münchens erster Minjan nach der Befreiung. Noch bevor die Synagoge an der Reichenbachstraße im Mai 1947 wieder eingeweiht werden konnte, fanden in Bogenhausen bereits Gottesdienste statt. In den 70er-Jahren verlagerte sich das Gebet dann in die Possartstraße. Ergänzt wurde das dortige Gebäude unter anderem durch eine Mikwe sowie die erste Repräsentanz von Chabad Lubawitsch in Deutschland, die 1988 am benachbarten Prinzregentenplatz entstand. Rabbiner Israel Diskin, seit damals Kopf von Chabad Lubawitsch München, ist beim Gebet zumeist hier anzutreffen. Von Anfang an war die Synagoge orthodox geprägt – und ist dies bis heute.

Die Gemeinschaft hat sich mit der Zeit verändert. »Die IKG vereint heute ein deutlich breiteres und vielfältigeres kulturelles Erbe als früher«, sagt Rajber. Auch in der Possartstraße spiegelt sich dieser Wandel wider: Während die Mitpallelim, die Betenden, früher vor allem aus Osteuropa stammten, begegnen sich heute Menschen unterschiedlicher Herkunft, von Israel bis zur ehemaligen Sowjetunion.

Geblieben ist das Gefühl von Vertrautheit: »Hier ist es weniger formell«, beschreibt Rajber die Atmosphäre. »Die häufigste Beschreibung ist: Dieser Ort fühlt sich heimisch an.«

Ähnlich sieht es Esther Weinberger, die wie ihr Mann seit vielen Jahren in der Possartstraße betet: »Einen Zusammenhalt, wie es ihn in dieser Synagoge in der Frühzeit gab, sucht man in ganz München vergebens.« Wenn ihr gottseliger Vater einmal am Schabbat nicht zum Gebet gekommen sei, hätte am Samstagabend sofort das Telefon geklingelt. »Die Leute haben sich gleich erkundigt, ob bei ihm alles in Ordnung ist«, erzählt Weinberger. Immer noch zeichnet sich die Synagoge durch eine hohe Alltagspräsenz aus. Auch an Werktagen sind regelmäßig 20 bis 25 Männer zum Gebet versammelt, am Schabbat entsprechend deutlich mehr – eine Rückkehr zum Status quo ante nach sehr fordernden Jahren während der Corona­pandemie, wie Rajber betont.

Rund 200 Familien bilden den Kern der hiesigen Gemeinschaft.

Heute sei vieles wieder wie früher: Kinder laufen durch die Flure, Familien treffen sich, Gespräche entstehen von selbst. Und doch ist auch ein Umbruch spürbar: »Die nächste Generation übernimmt zunehmend mehr Verantwortung«, beobachtet Roman Habermann, Präsident des Vaad und Sohn von Josef Habermann, der einst den Minjan in der Möhlstraße begründet hatte und später lange Jahre dem Vaad in der Possartstraße vorstand. »Und es ist erfreulich, dass deutlich mehr junge Familien die Synagoge besuchen.« Dieses Miteinander will der Vaad künftig weiter stärker fördern.

Nach mehreren Jahren Planung und vielen verschiedenen Entwürfen wurde inzwischen ein umfangreiches Umbaukonzept auf den Weg gebracht. Dabei wird das Gebäude funktional und zugleich symbolisch neu geordnet. Die Rückwand soll entfernt, die Synagoge zum Garten hin erweitert werden. Der bisherige Keller wird freigelegt und künftig als Erdgeschoss genutzt. Über die Pläne will der Vaad in den kommenden Monaten innerhalb der Kultusgemeinde ausführlicher informieren.

Klar ist, dass ein besonderes Augenmerk den jüngsten Mitgliedern der Synagogenfamilie gelten wird. Das seit Kurzem bestehende Spielzimmer ist stark frequentiert und soll im Rahmen der Neugestaltung großzügig erweitert werden. Schon heute wird eine Kinderbetreuung am Schabbat angeboten, um Eltern die Teilnahme am Gemeindeleben zu erleichtern. »Wir wollen generationenübergreifend attraktiv sein«, sagt Habermann. Der Baubeginn des Projekts ist für den kommenden Herbst vorgesehen, im Frühjahr 2028 soll alles fertig sein. Esther Weinberger wünscht sich, dass die Maßnahmen auch das Gemeinschaftsgefühl stärken: »Zusammenhalt schaffen und erhalten, das ist das große Ziel.«

Für den Besucher wird deutlich: Die Possartstraße ist in Bewegung – sichtbar im Wandel und dazu bereit, bestehende Traditionen zu bewahren. Ihren Charme soll die Synagoge behalten. »Man kennt sich hier, man sieht sich regelmäßig – das war für mich immer Gemeinde«, sagt Rajber. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über Münchner Synagogen.

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