Stuttgart

Machloikes und Rotwein

Der WIZO-Basar in Stuttgart Foto: Brigitte Jähnigen

Mit Applaus und lauten Rufen fordert das Publikum Zugaben von der Band »The Holy Smokes«. Mit ihrem Konzert endeten am Sonntagabend die zehnten Jüdischen Kulturwochen der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW).

Unter dem Motto »Einheit in Vielfalt?« hatten die IRGW und ihre Kooperationspartner zu mehr als 30 Veranstaltungen eingeladen. »The Holy Smokes« setzten in der Stuttgarter Synagoge mit ihren Songs zugleich dem WIZO-Basar »Shuk Ha Carmel« ein Glanzlicht auf. Nach vielen Jahren fand er wieder im Gemeindezentrum statt. Denn »WIZO und Gemeinde gehören zusammen«, sagt seine Hauptorganisatorin Sabina Morein.

Gemeinsam mit Michal Steinbach führt sie seit 2014 den Vorstand der WIZO Stuttgart. »Von der Gemeinde kommt das Jahresbudget, wir können alle Räume kostenlos nutzen«, sagt Morein. Einige Jahre lang hatte der Basar, dessen Erlös traditionell dem Theodor-Heuss-Familienzentrum in Herzliya gespendet wird, im benachbarten Rupert-Mayer-Haus stattgefunden. Damit ist nun Schluss.

Und so herrscht den ganzen Tag über Gewusel – vor allem im Gemeindesaal, wo Besucher israelische Kostbarkeiten und Köstlichkeiten begutachten und kaufen konnten. Während es bei Schmuck und Kosmetika noch eine Auswahl gibt, meldet Ulrich am Weinstand schon vor 17 Uhr das »Aus« für den Barkan-Rotwein. »Ich komme jedes Jahr zum WIZO-Basar und kaufe immer Wein, bevorzugt roten«, sagte eine Kundin. Wenn sie Bekannte und Freunde besuche, nehme sie gern israelischen Wein mit, um ihn »bekannt zu machen«. Diesmal wird sie also einen Weißwein kaufen.

Ehrenamt »Vom Barkan hatten wir zu wenig«, muss Ulrich eingestehen. Seit fünf Jahren berät er und verkauft als ehrenamtlicher Helfer israelische Weine. Als »Badener im Herzen« kennt sich der Unternehmensberater mit Wein aus. »Die Barkan-Weinkellerei ist Israels zweitgrößter Hersteller für Weine, sie werden unter den Marken Barkan und Segal vermarktet«, erklärt er zwei jungen Frauen am Stand, die sich ebenfalls als Genießerinnen trockener Rotweine outen.

Dass es ohne ehrenamtliche Helfer gar keinen WIZO-Basar gäbe, bestätigt Sabina Morein. Mehr als 100 Mitglieder hat die WIZO in der Region Stuttgart, die Hälfte ist nichtjüdisch. »Sie sind mit Herz und Seele dabei, sie arbeiten von morgens bis abends und wollen immer noch mehr tun«, erzählt sie vergnügt. Sehr stolz zeigen sie und Michal Steinbach die Urkunde mit dem »WIZO’s Gold Award«, die Nani Drory den beiden stellvertretend für alle Mitglieder überreicht hat. »Ihr macht einen tollen Job«, lobt das Präsidiumsmitglied von WIZO-Deutschland die süddeutschen Kolleginnen.

Dass das Engagement weit über Stuttgart hinausreicht, bewies Racheli Maymoni. »Sie kam extra aus Israel, hat in der Gemeindeküche Couscous, Schakschuka, Tscholent und andere Spezialitäten gekocht und ist wieder abgereist, noch ehe der Basar begann«, erzählt Morein.

Tapetenwechsel Dass das Gemeindezentrum der richtige Ort für den alljährlichen WIZO-Basar ist, denkt auch Barbara Traub. »Es ist wie ein Tapetenwechsel, man nimmt die Gemeinde anders wahr, sieht sie in einem anderen Licht«, sagte die Ehrenpräsidentin der WIZO-Stuttgart und Vorstandssprecherin der IRGW in ihrer Begrüßung.

Einen Basar zugunsten benachteiligter Menschen, unabhängig von deren Konfession, Religion und sozialer Herkunft zu organisieren, unterstütze Einrichtungen wie das Beit Heuss nicht nur finanziell, sondern bejahe auch deren Geist von Toleranz und Weltoffenheit. Das unterstrichen auch Stefan Kaufmann (CDU) und Sascha Binder (SPD) sowie weitere Vertreter aus Politik und Kirchen.

Die Pluralität bei gegenseitiger Toleranz in der Gesellschaft zu wahren, dafür sprach sich bei einer Matinee am Sonntag im Treffpunkt Rotebühlplatz Rabbiner Joel Berger aus. Auf Wunsch von Susanne Wetterich, die gemeinsam mit dem Ehepaar Noemi und Joel Berger das alljährliche Programm der Jüdischen Kulturwochen organisiert, widmet sich der Rabbiner dem Thema »Machloikes – Meinungsverschiedenheiten im Judentum. Haben Juden eine besondere Freude am Debattieren?«

Das Judentum, das keine Dogmen kennt und dazu ermuntert, eigene Ansichten zu formulieren und sich mit Autoritäten konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen, verwirrt mit dieser Meinungsvielfalt immer wieder nichtjüdische Menschen, die auf einen Konsens aus sind.

Vielfalt Schon zu Beginn der Jüdischen Kulturwochen in diesem Jahr hatte der Vorstand der IRGW darauf hingewiesen, dass mit der Wahl des Mottos »Judentum – Einheit in Vielfalt?« unterstrichen werden soll, wie wichtig es für ein friedliches Zusammenleben in Deutschland ist, »voneinander zu wissen« und immer wieder »ins Gespräch zu kommen«.

Bereits den rabbinischen Schriften wie den »Kapiteln der Väter und Mütter« könne man entnehmen, so Berger in seinem Vortrag: »Bei klassischen Debatten ging es nie ums Streiten, sondern um den Austausch von Argumenten.« Anhand von Beispielen von jüdischen Zeitgenossen Jesu bis hin zu Henryk M. Broder erzählt Berger von der Debattierlust im Judentum.

Zum Abschluss seines Vortrages versucht sich Berger mit einer generalisierten Antwort auf die Frage nach der Debattierfreude im Judentum. An nichtjüdische Zuhörer gerichtet, sagte er: »Ihr habt Jesus auf ein Podest gehoben, er ist der Erlöser, wer würde wagen, mit so einer Autorität zu diskutieren?« Die Worte des Papstes zum Beispiel seien »Gottesworte«. »Ein Wort ist das eine Wort. Wir beneiden Sie manchmal darum. Aber letztlich sind wir doch froh, Juden zu sein.«

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