Ulm

Liebe auf den zweiten Blick

Still ist es im Gemeindezentrum am Weinhof. Die Kinder sind zum Challabacken nach Stuttgart gefahren. Der Theaterkurs beginnt am frühen Abend. Und auch die Männer, die sich zum Minjan in der Synagoge treffen werden, sind noch unterwegs. Da öffnet sich die Tür der Synagoge. Junge Frauen und Männer verlassen den Raum, ihre Synagogenführung ist zu Ende.

Es sei ganz anders gewesen als erwartet, sagt eine junge Frau. Sie hatte es sich eher wie in einer Kirche vorgestellt, irgendwie strenger. »Diese Führung haben wir als sehr familiär und offenherzig erlebt«, sagt ein junger Mann. Bis auf einen aus der Gruppe kannte vorher niemand einen Juden persönlich.

Absolventen einer Polizeischule haben die Synagoge besucht.

Nun also Rabbiner Shneur Trebnik. »Das waren Absolventen einer Polizeischule, in der nächsten Woche werden sie mit ihrer Arbeit beginnen«, sagt er später. Von dem temperamentvollen Rabbiner etwas über das Judentum erfahren zu haben, könne nicht schaden.

Büro Nach kurzem Rundgang im Haus – aus der Küche duftet es verführerisch – sitzt der Rabbiner in seinem Büro. »Das ist nicht mein Lieblingsplatz«, gesteht Trebnik. Seine Stärke sei das Mitmenschliche. Aber wie kam es, dass er vor 20 Jahren von Israel nach Deutschland kam und jetzt mehr als 500 Gemeindemitglieder zu versorgen hat? Er blickt zurück. »Deutschland war ein unbekanntes Feld, das ich nicht unbedingt entdecken wollte.«

Geboren in einem kleinen Dorf bei Tel Aviv, nach Bildungs- und Erfahrungsjahren in New York, Australien, Wien und wieder zurück in Israel, war der frisch verheiratete Ehemann gemeinsam mit seiner Frau Chani auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich einbringen wollten.

Probezeit Da kam der Ruf aus Stuttgart von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW). Das Angebot klang nicht besonders verlockend: zwei Jahre Anstellung in Ulm mit sechsmonatiger Probezeit bei der IRGW als Rabbiner.

Die Trebniks reisten dennoch ins unbekannte Land. 1999 für zwei Wochen zu einer Art Schnupperzeit, ein Jahr später – diesmal schon mit Töchterchen Mushka –, um zu arbeiten. »Ich war naiv, hatte aber viel Fantasie«, erinnert sich Trebnik. Sein erstes Ziel: einmal in der Woche einen Minjan zusammenbekommen. Wie soll das gehen, mit knapp 100 Leuten in der Gemeinde?, fragten die Skeptiker.

Wunder »Das wird schon«, anwortete der Rabbiner. Und fügt jetzt hinzu: »Mit viel Mühe, dank inzwischen vieler Mitglieder, Vorstand, Repräsentanz, der Stadt Ulm, der Landesregierung und vor allem mit Gottes Hilfe ist in Ulm ein großes Wunder geschehen. Wir haben nicht nur einen verlässlichen Minjan, wir haben seit sieben Jahren eine wunderschöne Synagoge mit Mikwe und ein Gemeindezentrum voller Leben.«

Es gibt täglich einen Minjan zum Schacharit, zweimal in der Woche für Mincha und Maariv.

Der Rabbiner zählt auf: Momentan gibt es fast täglich einen Minjan zum Schacharit, zweimal in der Woche für Mincha und Maariv, 15 Leute treffen sich fünfmal in der Woche, um das Judentum zu lernen. Es gibt Religionsunterricht für Schüler, Sprachangebote für Senioren, Kinderbetreuung und viele kulturelle Angebote.

Traditionell »Unsere Gemeinde wächst, die Region ist wirtschaftlich stark, es kommen Menschen und natürlich auch Juden, aber die Gemeinde wächst auch, was das traditionelle Judentum betrifft«, sagt der Rabbiner. Immer mehr Gemeindemitglieder gehen am Schabbat zur Synagoge, immer mehr wollen koscher leben.

»Ich bin ein Mensch, der nicht so schnell aufgibt«, sagt Shneur Trebnik. Mit dieser Eigenschaft erwarb er sich große Sympathien in der bürgerlichen Gemeinde Ulms. Ex-Oberbürgermeister Ivo Gönner unterstützte die IRGW-Zweigstelle Ulm auch bei Planung und Bau der Synagoge. 2009 wurden die ersten Pläne vorgestellt, 2012 der Bau fertiggestellt. Zwei- bis dreimal täglich war der Rabbiner während der Bauzeit auf der Baustelle am Weinhof. »Du bist wie Bob, der Baumeister«, lachte seine Frau Chani.

Eröffnung Zur offiziellen Eröffnung der Synagoge am 2. Dezember 2012 kamen alle nach Ulm: Bundespräsident Joachim Gauck, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Yakov Hadas-Handelsman, Botschafter Israels in Deutschland, und der damalige Zentralratspräsident Dieter Graumann.

»An diesem Tag habe ich funktioniert wie ein Roboter«, sagt Rabbi Trebnik. »Ich war 36 Jahre alt, seit zwölf Jahren in Deutschland, Deutsch war noch immer eine Fremdsprache für mich, und ich hatte eine Rede vor Tausenden Menschen zu halten«, erzählt Trebnik.

Emtionen Erst am Morgen nach dem Festtag standen Ehefrau Chani und er mit dem Schlüssel vor der Synagoge und konnten ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Emotional aber war das Ereignis auch für Holocaust-Überlebende, die von der Stadt eingeladen worden waren. Fassungslos, immer wieder Tränen aus dem Gesicht wischend, fanden Gerald Moos und seine Frau Carol kaum Worte für ihre Gefühle.

»Nie hätte ich geglaubt, dass es in Ulm wieder eine Synagoge gibt«, sagte Gerald Moos 2012.

»Nie hätte ich geglaubt, dass es in Ulm noch einmal eine Synagoge geben wird«, sagte Moos. Er sagte, was auch die anderen Holocaust-Überlebenden aus Übersee fühlten. Als Kinder und Jugendliche hatten sie, verjagt von den Nazis, ihre Heimat verlassen müssen.

Das fünfjährige Bestehen der Ulmer Synagoge feierte die Gemeinde mit dem Einbringen einer neuen Torarolle. Sie war mithilfe von Spenden finanziert worden. Wie auch bei der Eröffnung des Synagogenneubaus nahm die Stadtgesellschaft wohlwollend Anteil an der Jüdischkeit ihrer Mitbürger.

Traumastiftung Wiederum sind Jahre vergangen. Der Bart des Rabbiners hat graue Sprengsel bekommen, mit Ehefrau Chani hat er inzwischen acht Kinder. Trebnik ist einer der Sprecher im Rat der Religionen, betreut Angehörige im Rahmen der Notfallseelsorge für nichtchristliche Menschen, arbeitet in der Deutschen Traumastiftung, organisiert und begleitet Jugendliche bei Barmizwa-Reisen nach Israel.

Zur Synagogeneröffnung hatte Ministerpräsident Kretschmann gesagt: »Jüdisches Leben wollen wir nie mehr im Stich lassen.«

Und er sprüht noch immer vor Begeisterung über die Arbeit in seiner Gemeinde, nennt sich einen Ulmer Bürger. »Ich bin Teil der Gesellschaft Ulms, ich trage Verantwortung«, sagt er. Die Frage, ob er in dem Land bleiben wolle, das er vor 20 Jahren »nicht unbedingt entdecken wollte«, beantwortet Shneur Trebnik mit einer Gegenfrage: »Soll ich mein Zuhause verlassen?«

Israel sei seine Heimat, Ulm sein Zuhause. Anlässlich der Synagogeneröffnung hatte Ministerpräsident Kretschmann gesagt: »Jüdisches Leben wollen wir nie mehr im Stich lassen.« Rabbiner Shneur Trebnik baut darauf – für sich und seine Gemeinde.

Am Sonntag, 15. März, wird das Jubiläum 20 Jahre IRGW, Zweigstelle Ulm, mit einem Konzert im Kornhaus Ulm gefeiert.

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