Schulbuch

Liberale Bildungsoffensive

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Sonja Guentner hält einen Meilenstein in der Hand. So zumindest nennt die Vorsitzende der Union progressiver Juden (UPJ), das Buch Rachel, das am vergangenen Freitag im Jüdischen Museum vorgestellt wurde. Es ist der erste von bisher geplanten drei Bänden für den jüdischen Unterricht – und das erste liberale Lehrwerk in deutscher Sprache seit der Schoa.

Die Idee dafür, sagt die Kulturwissenschaftlerin, sei im Sommer 2011 entstanden. Damals machte sich der neue UPJ-Vorstand daran, herauszufinden, in welchen Bereichen Handlungsbedarf bestand. Zum Beispiel beim Religionsunterricht: »In den 23 Gemeinden, die zur UPJ gehören, hatten wir oftmals ein Problem mit kontinuierlicher Jugendarbeit: Es gibt meistens wenige Kinder in einer breiten Altersspanne und auch kein pädagogisches Fachpersonal, das den Unterricht gestalten könnte.«

Hier wollte die Union etwas bewirken. Kurz darauf kam es zu einem Austausch mit der liberalen Gemeinde Or Chadasch Zürich. Dort arbeitete Rachel Rybowski seit 20 Jahren an einer Sammlung von Material, das im Unterricht eingesetzt werden kann. »Wir waren sofort begeistert. Es war sehr altersgerecht und mit Sachverstand zusammengestellt. Gleichzeitig hat man auch gemerkt, dass es schon lange im Einsatz ist und den Praxistest, den Unterricht, besteht«, sagt Guentner.

Die UPJ und Or Chadasch taten sich zusammen, um das Material allgemein zugänglich zu machen. Sylvia Dym, die Frau des Rabbiners der Züricher Gemeinde, benutzte es, um daraus ein fester konzipiertes Unterrichtswerk zu gestalten. Das Projekt erhielt finanzielle Unterstützung von der Jewish Agency und dem Bundesministerium des Inneren. So konnten die Bücher auch grafisch professionell gestaltet werden. Die Jüdische Verlangsanstalt Berlin kümmert sich um die Veröffentlichung und den Vertrieb.

Schabbat Der erste Band Rachel – nach Rachel Rybowski, der Materialsammlerin, benannt – richtet sich an Schüler von sechs bis acht Jahren, die neben oder im Religionsunterricht auch Hebräisch lernen. Es beginnt mit dem Kapitel »Schabbat!« und der Geschichte von der Erschaffung der Welt. Den Kindern wird – unterstützt durch Bilder – der Kiddusch erklärt, und sie lernen die Bracha. Sie lernen den Schabbat als »Insel in der Zeit« kennen. Ein Tag, an dem man sich ausruhen und Zeit miteinander verbringen soll, aber auch Musik machen und malen darf.

Das Buch bezieht sich ganz klar auf liberale Glaubensgrundsätze. Die Gebete sind in diesem Kapitel noch auf Hebräisch in Umschrift und auf Deutsch übersetzt abgedruckt. In den folgenden Bänden werden ausschließlich hebräische Buchstaben verwendet.

Der zweite Teil widmet sich dem jüdischen Kalender und erklärt den Kindern die Unterschiede zwischen Sonnen- und Mondausrichtung. Für Guentner war es besonders für den ersten Band wichtig, die Kinder in ihrer unmittelbaren Lebenserfahrung abzuholen.

Feiertage Der dritte und längste Teil behandelt die Feiertage. Auch hier wird auf Anschaulichkeit geachtet. Rosch Haschana wird als »Geburtstag der Erde« erklärt, bei dem man ihr Geschenke machen und sich um sie kümmern soll. Tikkun Olam wird als »gut für die Welt sorgen« übersetzt – vielleicht wollte man aber auch die genauere Übersetzung, »die Welt reparieren« den Kindern noch nicht zumuten, weil man schließlich nur etwas reparieren kann, das kaputt ist.

Purim, Chanukka und Pessach sind mit langen Geschichten illustriert. Für Sukkot zeigen Cartoons, wie man einen Lulaw bastelt und eine Sukka baut. Und auch den israelischen Unabhängigkeitstag Jom Haazmaut lernen die Schüler kennen.

Es sollen noch zwei weitere Bände folgen – Ophir für Acht- bis Zehnjährige und Schai, der bis zur Bar- und Batmizwa reicht. Das Ziel, so Guentner, sei momentan, diese Bücher noch bis zum neuen jüdischen Jahr und gleichzeitig dem Beginn des neuen Schuljahres zu veröffentlichen.

Kultusministerkonferenz Danach soll das Projekt weiter ausgebaut werden. Geplant ist eine Erarbeitung von Arbeits- und Lehrermaterialien. Somit haben engagierte Laien die Möglichkeit, qualifizierten Unterricht anzubieten.

Doch auch in Schulen sollen die Lehrwerke eingesetzt werden. Zum einen natürlich im jüdischen Religionsunterricht, aber auch im christlichen und muslimischen, um besser als bisher über das Judentum zu informieren. Um eine Anerkennung des Lehrwerks durch die Kultusministerkonferenz, notwendig für den Einsatz in Schulen, bemühen sich die Initiatoren derzeit.

»Das Unterrichtsmaterial ist modern und im Kontext eines aktiven liberalen Lebens entstanden«, betont Sonja Guentner. »Das macht den Reiz und die Qualität aus. Es ist keine Übersetzung und keine Adaption. Wir reden hier von einer Zeitenwende.«

Silvia Dym: »Lehrbuch I für den Jüdischen Unterricht – Rachel«. Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2013, 108 S., 15 €

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht«, welche politischen Entwicklungen ihnen Sorge bereiten

 19.01.2026