Hebertshausen

Letzte Ehre

Im Gebet: Vertreter aller großen Religionen vereinten sich auf dem ehemaligen Schießplatz, um der Gefallenen zu gedenken. Foto: Miryam Gümbel

Zwischen 1941 und 1942 wurden auf dem ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen bei Dachau sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Darüber hat Joseph Thorn, der dort damals Dolmetscher war, 1950 vor dem Landgericht Nürnberg ausgesagt. Karl Freller, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, las Thorns Erinnerung am vergangenen Mittwoch bei der Gedenkfeier und der Bestattung sterblicher Überreste am ehemaligen SS-Schießplatz zu Ehren der Opfer vor.

»Auf den Wällen standen SS-Soldaten mit bereitgestelltem Maschinengewehr. Die russischen Kriegsgefangenen merkten zum Zeitpunkt, als sie sich entkleiden mussten, was mit ihnen geschehen sollte«, beschreibt der Dolmetscher. Die Reaktionen seien sehr verschieden gewesen. Manche hätten den Befehl schweigend ausgeführt andere hätten sich gesträubt, fingen an zu weinen, hätten geschrien und riefen nach dem Dolmetscher. »Ich sollte den SS-Leuten verdeutlichen, dass sie Gegner des Bolschewismus und sie Mitglieder der russischen Kirche seien.«

Aber all das nützte nichts, sagte Thorn. Nach kurzer Zeit begann die Exekution der Kriegsgefangenen. Eine Gruppe von fünf SS-Leuten führte je einen bei der Hand im Laufschritt in eine Schießfurche und band sie fest. Nach der Erschießung seien die Körper langsam zu Boden gesunken. »Wenn noch einer stehen blieb, lief der Leiter des Kommandos nach vorn und gab dem betreffenden Gefangenen einen Genickschuss.«

Brutalität Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Gabriele Hammermann beschrieb in ihrer Rede den historischen Hintergrund der Verbrechen: »Auf der Grundlage des sogenannten Kommissarbefehls ermordeten SS-Einheiten des Konzentrationslagers Dachau hier vor den Kugelfängen zwischen 4.300 und 4.500 Gefangene mit größter Brutalität.

Gegen geltendes Völkerrecht hatten Wehrmacht und Gestapo in süddeutschen Kriegsgefangenenlagern Offiziere, kommunistische Funktionäre, Intellektuelle und Juden zur Ermordung in den KZs bestimmt. Die Wehrmacht unterstützte nahezu ausnahmslos das Vorgehen« beschreibt Hammermann. Die sterblichen Überreste der Ermordeten waren bei archäologischen Grabungen gefunden worden. Mit deren würdevoller Beisetzung sollte für alle Ermordeten ein Ort der Erinnerung geschaffen werden.

Die Gebete für sie sprachen Rabbiner Steven Langnas, Mönchspriester Maxim Schmidt für die russisch-othodoxe Kirche, Pastoralreferent Ludwig Schmidinger und Diakon Klaus Schultz sowie Imam Benjamin Idriz. Ebenfalls anwesend war der Erzpriester der griechisch-orthodoxen Metropolie Athanasios Malamoussis. Für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion sprachen der Generalkonsul der Russischen Föderation Andrej Grozov, der Generalkonsul der Republik Belarus, Alexander Ganevich, der Konsul der Ukraine Petro Peretiatko.

Der 22. Juni war bewusst gewählt. Denn genau an diesem Tag vor 70 Jahren hatte Nazi-Deutschland die Sowjetunion angegriffen. Auch in Russland sei heute ein Tag des Gedenkens und der Trauer. Grozov bekräftigte: »Auch wenn es keine Zeitzeugen mehr geben wird, bleibt die Erinnerung als Mahnung und Warnung für diejenigen, die nach uns kommen.« Für Weißrussland sei der Zweite Weltkrieg eine Überlebensprüfung gewesen. Für das Heute fügte Alexander Ganevich hinzu, dass Krieg keine Lösung von Problemen sei: »Ohne Frieden haben wir keine Zukunft!«

Lehre Der ukrainische Diplomat Petro Peretiatko schließlich erinnerte an die vielen Millionen Opfer, die dieser Krieg gekostet habe. Zukünftige Generationen müssten aus den schrecklichen Ereignissen die Lehren und Konsequenzen ziehen. Ein deutliches »Nie Wieder!« zog auch Präsidentin Charlotte Knobloch als Lehre. »Wir alle tragen Verantwortung für die Welt in der wir leben, für Freiheit und ein respektvolles und friedliches Miteinander aller Menschen.

Lassen Sie uns der Vergangenheit erinnern, in der Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Hass und Ausgrenzung. Lassen Sie uns daran denken, dass dieser Ort des Grauens eine Verpflichtung darstellt: Eine ständige Aufforderung, wachsam zu sein. Lassen Sie uns Tacheles sprechen, wann immer die Verbrechen des Nationalsozialismus geleugnet oder verharmlost werden – egal ob öffentlich oder im kleinen Kreis. Nie wieder heißt Null Toleranz! – gegen jede Form der willkürlichen Gewalt. Auf dem U-Bahn-Steig, dem Pausenhof oder in der Disko. Unsere Demokratie lebt von Zivilcourage. Damit nie wieder geschehen kann, was sich hier zugetragen hat.«

Sally Bein

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