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Antisemitismus

Leben mit den Rechten

Seit Jahren gilt das »Braune Haus« in Jena als Treffpunkt der rechten Szene. Foto: dpa

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Leben mit den Rechten

Juden in Thüringen halten sich mit Vorwürfen lieber zurück

von Olaf Sundermeyer  21.11.2011 15:03 Uhr

Zwei Tage, bevor Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus Jena durch Kopfschüsse starben und die Geschichte ihrer rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bekannt wurde, fand in ihrer Heimatstadt ein hochrangig besetzter Vortragsabend zu »Thüringen als jüdische
Diaspora« statt. Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, war nach Jena gekommen, ebenso Wolfgang Nossen, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt. Die jüdische Gemeinde Jena war nicht offiziell vertreten, auch nahm kaum einer der rund 200 Gemeindemitglieder an dem Abend teil. Überhaupt gilt die Gemeinde als sehr zurückhaltend, wenn es um öffentliche Präsenz geht.

Gedenken Eine Woche später, zum Gedenken an die Pogromnacht, legte ihr Vorsteher Ilja Rabinovitch gemeinsam mit Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) am Westbahnhof in Jena einen Kranz nieder, im Gedenken an die während des Holocaust von hier aus deportierten Juden der Stadt. Erst vor zwei Jahren gab ein ehemaliges Vorstandsmitglied der rechtsextremen NPD in Jena, die ursprünglich eng mit dem »Thüringer Heimatschutz« (THS) verbunden war, in einem Interview offen zu, dass seine Kameraden von einer neuen »Reichskristallnacht« träumten.

Auch Mundlos und Böhnhardt waren einst beim THS aktiv. Bezug nehmend auf die rechte Szene in Jena sagte der damalige NPD-Mann: »Man begrüßt sich gerne mal mit gestrecktem Arm oder singt das Horst-Wessel-Lied. Neuerdings stimmten die Kameraden auch mal die Strophe an: ›Eine U-Bahn bauen wir – von Jerusalem bis nach Auschwitz.‹« Er berichtete auch von Waffen im »braunen Haus« in Jena, wie ein bekannter rechter Treffpunkt in der Stadt genannt wird.

Erfolg Jena selbst wehrt sich seit einigen Jahren erfolgreich gegen die Neonazis in der Stadt. Der evangelische Theologe Albrecht Schröter gehört deutschlandweit zu den profiliertesten politischen Akteuren in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus. Die jüdische Gemeinde fühlt sich bei Schröter gut aufgehoben: »Das Verhältnis zum Oberbürgermeister ist sehr gut. Wir könnten uns keinen Besseren vorstellen«, sagt Ilja Rabinovitch. Auch die Räume des Gemeindezentrums hätte er ihnen besorgt. »Konflikte mit Neonazis haben wir hier aber keine«, sagt Rabinovitch, auch nach mehrfachem Nachfragen.

Vor 18 Jahren kam der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde mit seiner Familie aus Weißrussland nach Jena, im Zuge der jüdischen Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion. Fast alle der 200 Gemeindemitglieder seien von dort gekommen, berichtet Rabinovitch. In der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wende habe es aber praktisch kein sichtbares jüdisches Leben in Jena gegeben. Daran hätten sich die Leute erst nach und nach wieder gewöhnt.

Motivation Das jüdische Gemeindezentrum liegt im Stadtteil Lobeda, einer Plattenbausiedlung an der A4, in der nicht nur die meisten Gemeindemitglieder wohnen, sondern auch viele Neonazis. »Neulich ist eine Bierflasche durch unser Fenster geflogen«, sagt Rabinovitch, »aber wer weiß schon, ob das eine politisch motivierte Aktion war? Wir wollen den Rechtsextremismus nicht unnötig aufwecken.«

Vielleicht ist das ja der Grund für die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit. Schließlich galt Jena lange Zeit als Hochburg rechtsextremistischer Aktivitäten. Vor allem in der Zeit, in der Mundlos, Böhnhardt und zahlreiche andere Mitglieder des Kameradschaftsnetzwerkes THS in den 90er-Jahren dieses Bundesland mit einer gewalttätigen rechten Alltagskultur überzogen. Jahrelang war Jena ihr Hauptaufmarschort.

Initiativen Das ist seit einigen Jahren vorbei. 2009 gab es den letzten Neonazi-Aufmarsch in der Stadt. »Und wir haben hier inzwischen unzählige Initiativen, die sich gegen Neonazis, Rassismus, Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie richten«, sagt Janine Patz von der städtisch geförderten Koordinierungs- und Kontaktstelle (Kokont) gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtextremismus, Antisemitismus und Intoleranz. Keine Frage, Jena hat sich gewandelt, längst ist die Stadtgesellschaft für den Rechtsextremismus sensibilisiert. Ebenso in anderen Städten Thüringens.

Aber immer noch führen Organisationen wie Kokont eine Liste mit rechtsextremen Übergriffen, zum Beispiel mit einem antisemitischen Hintergrund. So etwa, dass in Gera ein Mann im Juni dabei beobachtet wurde, wie er vier »Stolpersteine« aus dem Gehweg entfernte oder der Ehrenfriedhof von Mittelbau-Dora mit antisemitischen Parolen, Hakenkreuzen und SS-Runen beschmiert wurde. Das war in der Nacht zum 1. April.

Friedhöfe Auch der Ehrenfriedhof in Nordhausen war Ziel eines Anschlags. Unbekannte warfen in der Nacht zum 18. Juni zwei Blumenkübel in den Gedenkpavillon des Ehrenfriedhofs für die Opfer des KZ Mittelbau-Dora. Zwölf Grabsteine des jüdischen Friedhofs in Heiligenstadt wurden umgestoßen und die jüdische Gedenkstätte in Apolda geschändet. Ein halber Schweinekopf lag mehrere Tage im Eingangsbereich des Bernhard-Prager-Hauses, dem früheren Wohnhaus einer jüdischen Familie. Bernhard Prager wurde von den Nazis im KZ Theresienstadt ermordet.

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