Landsberg

Leben in der Betonröhre

Die KZ-Häftlinge wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt und mussten in Betonröhren hausen. Foto: Thomas Muggenthaler

Das ehemalige »Lager VII« befindet sich in der Nähe von Kaufering. Es war eines von elf KZ-Außenlagern im Raum Landsberg und Kaufering. Das Areal ist eingezäunt. Es gehört dem Verein Europäische Holocauststiftung. Franz-Xaver Rößle, der ehemalige Oberbürgermeister von Landsberg, hat heute den Schlüssel und sperrt das Tor zum Areal auf.

Das »Lager VII« sorgt derzeit für Diskussionen, denn hier sind Reste von Tonröhren erhalten, in denen Häftlinge einquartiert waren. An der Besichtigung nimmt auch Max Volpert, einer der wenigen Überlebenden der Lager von Kaufering und Landsberg, teil. Von einigen Wohnröhren stehen nur noch die markanten Frontseiten, aber drei Betonröhren sind zur Gänze erhalten, und eine davon wird als Ausstellungsraum genutzt.

Max Volperts Mutter und Schwester wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Max Volpert kam einst gemeinsam mit seinem Vater nach einem tagelangen Transport aus Kaunas in Litauen am Bahnhof in Kaufering an. Unterwegs wurden seine Mutter und seine Schwester aus dem Transport geholt. Heute kennt er deren Schicksal: Über das KZ Stutthof wurden sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Max Volpert und sein Vater kamen in das »Lager III«. Es war nicht nur die schwere Arbeit, die den Häftlingen hier zu schaffen machte, berichtet der Überlebende. »Immer musste man stehen, und wir wurden gezählt. Die Zahl musste stimmen. Wenn welche auf dem Wege gestorben sind, musste man die Leichen zurückbringen.«

Todesmarsch Der Vater starb Anfang März 1945, kurz bevor die US-Armee die Lager erreichte. Am 24. April wurden die Häftlinge auf einen der berüchtigten Todesmärsche nach Dachau getrieben. »Wer nicht gehen konnte, wurde erschossen!« In der Nähe von Waakirchen bei Bad Tölz ist die SS plötzlich weg, und die Häftlinge sind endlich frei. Es ist der 2. Mai 1945.

Für Max Volpert ist es auch ein trauriger Tag. Er hat seine gesamte Familie in der Schoa verloren. »Ich blieb ohne Familie und wog ungefähr 30 Kilo.« Wieder zu Kräften gekommen, emigrierte Max Volpert 1949 nach Israel. »Ich habe eine Familie aufgebaut. Ich habe drei Kinder, sieben Enkel und acht Urenkel. Das ist eigentlich mein Sieg über den Nationalsozialismus Deutschlands, dessen Ziel es war, mich und alle anderen zu vernichten.«

In 300 bis zu 400 Meter langen Bunkern sollte das Jagdflugzeug Messerschmitt Me 262 produziert werden.

Der Bunkerbau war Teil eines gigantischen Rüstungsprojektes. In 300 bis zu 400 Meter langen, halb unterirdischen Bunkern sollte das Jagdflugzeug Messerschmitt Me 262 produziert werden, das erste Jet-Flugzeug der Welt. Mehr als 23.000 Häftlinge wurden nach Kaufering verschleppt. Rund 6500 von ihnen, die namentlich bekannt sind, haben nicht überlebt, sagt die Historikerin Edith Raim, Professorin an der Universität Augsburg.

Lagerfriedhöfe Für Edith Raim steht der Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering darüber hinaus für den »Holocaust nach Auschwitz«. Denn nach der Befreiung von Auschwitz starben weiter jüdische Häftlinge in den KZs, so auch in Kaufering. Zu jedem der sieben Lager gibt es einen Friedhof. Anfangs hat die SS die Toten noch nach Dachau gebracht, später wurden sie hier einfach verscharrt.

Max Volpert war eine Zeit lang beim Bunkerbau eingesetzt, den die Münchner Firma Moll durchführte. Er stand an der Beton-Mischmaschine, die er ab und zu auch als Fleischmaschine bezeichnete, weil sie so ähnlich wie ein Fleischwolf funktioniert.

Von den anderen Lagern ist fast nichts geblieben. Manfred Deiler, der Präsident der Europäischen Holocauststiftung, fährt zum »Lager IV«. Hier erstreckt sich eine tiefe Kiesgrube. Das Wasser schimmert blau und türkis, aber vom Lager ist nichts zu sehen. Einige Kilometer weiter: eine Schrebergartensiedlung. Vogelgezwitscher, pure Idylle. Zumindest ein Gedenkstein erinnert daran, dass hier das »Lager III« stand.

»Mein Sieg über die Nazis ist meine große Familie heute«, sagt Max Volpert.

Die Tonröhren sind einzigartige Denkmäler, betont Edith Raim. Diese Lagerrelikte wurden mit Mitteln des Bundes saniert. Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder der Europäischen Holocauststiftung um Manfred Deiler und Franz-Xaver Rößle können aber nicht auf Dauer Besucher betreuen und die Erinnerungsarbeit leisten, die nötig ist. Gabriele Triebel, Landtagsabgeordnete der Grünen, fordert, dass der Freistaat aktiv wird. »Der Ort ist von der Bundesrepublik als von nationaler Bedeutung eingestuft worden, und dem müssen wir einfach gerecht werden.«

Täterorte Die Diskussion über das »Lager VII« schlägt hohe Wellen, zumal in den Erhalt sogenannter Täterorte wie den Obersalzberg oder das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg Millionen Euro fließen. Ba-yerns Kultusminister Michael Piazolo betont, dass das Gedenk en an die Opfer der KZs für ihn im Vordergrund steht. Es gebe Handlungsbedarf. Im Dezember besuchte die israelische Generalkonsulin Sandra Simovich das »Lager VII«. Sie betonte im Bayerischen Rundfunk, dass man gerade in Zeiten von Rassismus und Antisemitismus mehr Aufmerksamkeit für den Ort schaffen müsse. Die Stätte dürfe nicht von Privatpersonen abhängen, die das Lager ehrenamtlich vor dem Verfall bewahren.

Die Besucher verlassen das Gelände. Franz-Xaver Rößle sperrt wieder zu. Der Verein würde hier gern ein Dokumentationszentrum errichten. Derzeit laufen die Gespräche. Max Volpert wird wiederkommen, auch wenn es ihm nicht leichtfällt. »Ich lebe es noch einmal durch, aber der Zweck meines Kommens ist zu erzählen. Ich gehe auch in Schulen. Wo man mich möchte, da komme ich hin!«

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