Projekt

Kreis der Erinnerung

Projekt mit Nachhaltigkeit: Die 20 Bäume im Böckingpark müssen jetzt von den nachfolgenden Schülergenerationen gepflegt werden. Foto: Jörn Neumann

Der Kölner Böckingpark bietet eine Sehenswürdigkeit. 20 Bäume stehen hier im Kreis. Keine Kultstätte und doch ein Ort des Nachdenkens. Geschaffen haben ihn Schüler des Genoveva-Gymnasiums. Um eine einfache »Begrünungsaktion« handelt es sich dabei nicht. Die Bäume sind allen Kindern gewidmet, die während der Nazidiktatur Opfer wurden. Das ist ein Projekt, das dauerhaft an das schreckliche Geschehen erinnern soll, gleichzeitig aber auch in die Zukunft gerichtet ist: Wenn die jetzigen Schüler der achten Klasse einmal das Gymnasium verlassen, werden ihre Nachfolger die Bäume, die etwa zehn Gehminuten von der Schule entfernt wachsen, weiterhin hegen und pflegen.

Betroffenheit Schuldirektor Bernd Knorreck konnte sich schnell für das Projekt der Montag Stiftung aus Bonn, die Initiativen in Bildung und Erziehung bündeln und unterstützen hilft, erwärmen. Leitet er doch ein Gymnasium, das er selbst als »besonders« beschreibt. Hier lernen Kinder mit 40 verschiedenen Muttersprachen. Und gerade für seine Schule fand er das Projekt besonders wichtig. In seiner Rede bei der Einweihung im Juli dankte er vor allem den jugendlichen Teilnehmern dieser Pflanzaktion: »Ihr habt an diesem Projekt mitgearbeitet und ein grausames Kapitel der deutschen Geschichte detailliert kennengelernt. Mich stimmen einige Gespräche mit euch zuversichtlich. Sie verdeutlichen, dass für euch Betroffenheit und Mitgefühl mit den Opfern wichtige Gefühle sind, die zu historischen Fakten dazugehören.« Die Dualität von Kenntnis und Emotion sei für die charakterliche Reifung Jugendlicher unabdingbar und verhelfe zu einem weiteren Baustein emotionaler Intelligenz, so Knorreck.

Die Idee für das Projekt kam von Valentina Pavlova. Die im sibirischen Kemerovo geborene und am Baikalsee, in Irkutsk, aufgewachsene Künstlerin war 1964 als Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen. Ihre jüdische Herkunft spielte damals kaum eine Rolle. Und der Holocaust war in der ehemaligen Sowjetunion kein Thema. Erst in den 80er-Jahren wurde das bis dahin schlummernde Jüdische für die in Essen und Düsseldorf ausgebildete Künstlerin relevant.

Schlüsselerlebnis Seit 1985 reist sie »auf der Suche nach autobiografischen Spuren« regelmäßig nach Israel. Der Besuch in Yad Vashems »Children’s Memorial« beeindruckte Pavlova so sehr, dass ihre künstlerische Arbeit einen neuen Fokus bekam: das Schicksal der Kinder in der NS-Zeit, junge deutsche, jüdische und Sinti- und Roma-Opfer. Zurück in Deutschland recherchierte sie in Bonn die Geschichten der Kinder in der NS-Zeit und stieß dabei allzu oft auf verschlossene Türen.

Ihre Entschlossenheit und Geduld wurden aber bald belohnt: Im Archiv der Landesklinik Bonn stieß sie auf einen Karton mit Fotonegativen, die Kinder zeigten: Opfer von Euthanasie. Die Abzüge, die die Künstlerin anfertigen ließ, retteten diesen Fund. Dank eines Stipendiums der Stiftung »Zurückgeben« konnte Pavlova 1997 aus den gesammelten Materialien eine Ausstellung in Bonn vorbereiten. Sie wollte aber mehr, viel weiter gehen: Im Park der Landesklinik, in dem die Kinder einst festgehalten und von wo aus sie in den Tod nach Hadamar geschickt worden waren, plante die Künstlerin einen »Garten der Erinnerung«.

Von der Vision bis zur Realisierung vergingen drei Jahre voller Behördengänge, Genehmigungen, Verzögerungen, umständlichen Erklärungen, wer für was zuständig ist und des »Pseudo-Wohlwollens«. Im Jahre 2000 wurde die Installation allen Hindernissen zum Trotz eingeweiht: 20 Birken im Kreis mit einer von Pavlova gestalteten »Säule der Kinder«.

Opfer Während eines Studienaufenthaltes in Griechenland wurde der »Garten der Opfer« selbst Opfer von Vandalismus. Nur mühsam konnte Pavlova durchsetzen, dass die Installation in Bonn wiederhergestellt wurde. Ihr Werk sollte nachhaltig wirken, und so entstand die Idee, gemeinsam mit Schulkindern Bäume zu pflanzen. Wie es der Zufall will, fanden ihre Pläne, vorgetragen von der Montag Stiftung, Zustimmung ausgerechnet in einer Schule in Köln-Mühlheim, wo viele Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammen lernen. Deutsche, Türken, Kasachen, Juden, Marokkaner und Vietnamesen besuchen dieselbe Schule. Im Oktober vergangenen Jahres pflanzte eine ganze Klasse 20 Hainbuchen. Pavlovas Idee: Die Jugendlichen sollten im Rahmen des Projektes »Beispiele für andersartiges Leben und damalige unmenschliche und heute nahezu unvorstellbare Formen des gesellschaftlichen Umgangs mit diesen kennenlernen«.

»So unterschiedlich wie die einzelnen Bäume, so unterschiedlich sind auch wir Menschen. Unsere Bäume sind lebendig, man wird sie auch noch in 50 Jahren sehen können«, erklärte bei der Einweihung eine Schülerin ihren jüngeren Mitschülern. Denn dorthin kamen auch die Kinder aus dem benachbarten Kindergarten. Sie übernehmen zusammen mit ihren Erzieherinnen die ehrenvolle Aufgabe, die Bäume regelmäßig zu gießen, bis die Schüler aus den Ferien zurückkommen.

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht«, welche politischen Entwicklungen ihnen Sorge bereiten

 19.01.2026

Interview

»Die Kita wird für alle offen sein«

Yevgeny Kutikov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Potsdam, über die erste jüdische Kita in Brandenburg.

von Christine Schmitt  19.01.2026