Pessach

Kraft und Zuversicht

Wenn wir zum Seder zusammenkommen und gemeinsam die Mazzot anbrechen, dann weicht die Erschöpfung der Erhebung. Foto: iStockphoto/kasia2003

Es ist manchmal wie ein Albtraum, der nicht aufhören will, und viele werden mir zustimmen: Die vergangenen 18 Monate waren für die jüdische Gemeinschaft vielleicht die bedrückendsten seit der NS-Zeit. Das gilt natürlich besonders für jene, die in Israel leben. Viele haben bei dem schrecklichen Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 Familienangehörige und Freunde verloren.

Das ganze Land bangt nach wie vor um die Geiseln, die von der Hamas festgehalten werden. Wie grausam sie behandelt werden, haben uns die Schilderungen der Freigelassenen vor Augen geführt. Fast rund um die Uhr angekettet und ohne medizinische Versorgung müssen sie in Tunneln unter menschenunwürdigen Umständen darauf hoffen, dass irgendwann die erlösende Nachricht kommt.

»Wo wart ihr diese 491 Tage?«

Bei den Vereinten Nationen hielt Eli Sharabi nur wenige Wochen nach seiner Freilassung eine bewegende Rede: »491 Tage lang wurde ich in den Terrortunneln der Hamas gefangen gehalten, angekettet, ausgehungert, geschlagen und gedemütigt.« Er fragte die anwesenden Diplomaten und die Weltgemeinschaft: »Wo wart ihr diese 491 Tage?« Es ist eine berechtigte Frage. Warum interessiert das Schicksal der israelischen Geiseln hierzulande so wenige? Hat Deutschland sie vergessen?

Dass viele Geiseln die Tortur durch die Hamas nicht überlebt haben und andere nur als »menschliche Skelette« zurückkamen, hat viele doch schockiert. Denn die Bilder erinnerten an den Holocaust. Jene Zeit vor genau 80 Jahren, als die wenigen Überlebenden mehr tot als lebendig von den Alliierten aus den Vernichtungs­lagern der Nazis befreit wurden.

Der dunkelste Moment in der langen Geschichte des jüdischen Volkes ging damals zu Ende. Er konnte nur deswegen beendet werden, weil Nazi-Deutschland militärisch besiegt wurde. Weil Millionen von Soldaten bereit waren, auch ihr Leben zu geben, um Freiheit und Menschenwürde im Angesicht der Barbarei zu verteidigen.

Wir haben schon oft gezeigt, wozu wir in der Lage sind, als Einzelne und als Gemeinschaft.

Der Krieg in Gaza ist noch nicht zu Ende. Zum zweiten Mal seit seinem Beginn feiern wir nun Pessach und bangen. Wir bangen um die Geiseln. Wir bangen um die jungen Soldaten, die 77 Jahre nach der Gründung des Staates Israel sein Existenzrecht mit Waffengewalt gegen eine hochgerüstete Terrororganisation verteidigen müssen und die dafür tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen. Wir bangen auch um die unschuldigen Zivilisten in Gaza, die von der Hamas brutal unterdrückt werden und unter dem von ihr begonnenen Krieg leiden.

Pessach bedeutet auch Hoffnung und Vertrauen darauf, dass uns bessere Zeiten bevorstehen. Wir wissen nicht, was kommen wird. Aber wir können unser eigenes Schicksal mitbestimmen. Das gilt nicht nur im persönlichen Umfeld und im Beruf, sondern auch in der Politik. Es hat nicht der Bundestagswahl bedurft, um uns zu vergegenwärtigen, wie fragil die Lage in vielen westlichen Ländern ist – auch hier in Deutschland. Wie sehr unsere freiheitliche Ordnung bedroht ist und wie schnell sich auch in gefestigten Demokratien autoritäre Tendenzen ausbreiten können.

Werden unsere Kinder und Enkel hier noch eine Zukunft haben?

An vielen Sedertafeln wird das in diesem Jahr ein Thema sein. Viele von uns dürften sich fragen, ob unsere Kinder und Enkel noch eine Zukunft haben werden. Sie fragen vielleicht, ob nicht irgendwann wieder ein kollektiver Auszug ansteht. Dieses Mal nicht aus Ägypten, sondern aus Europa.

Ich vertraue darauf, dass es nicht so weit kommen wird. Ich bin mir sicher, dass wir weiterhin unseren festen Platz in der Gesellschaft haben und jüdisches Leben hier aufblühen kann, allen Anfeindungen zum Trotz. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Politik und Gesellschaft den radikalen Rändern, den Fanatikern in unserer Mitte die Stirn bieten werden. Dass unsere Demokratie wehrhaft ist und bleiben wird. Ich bin Optimistin – gerade an Pessach. Wegen Pessach.

Das jüdische Volk ist stark und widerstandsfähig. Es war schon vor Tausenden von Jahren in Ägypten stark. Bleiben wir zuversichtlich, dann werden wir auch die Herausforderungen der heutigen Zeit bestehen.

Wir brauchen Selbstvertrauen!

Wir brauchen Selbstvertrauen! Wir haben doch schon oft gezeigt, wozu wir in der Lage sind, nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gemeinschaft. Ja, die Probleme sind groß, manchmal erscheinen sie übergroß. Doch ich bin überzeugt, wir können sie anpacken.

Dass wir gelegentlich erschöpft sind und nicht mehr weiterwissen, ist normal. Doch die religiöse Festlichkeit des Sederabends im Kreise von Familie und Freunden bestärkt uns jedes Jahr. Wenn wir zusammenkommen und gemeinsam die Mazzot anbrechen, dann weicht die Erschöpfung der Erhebung. Das sollte uns Kraft und Zuversicht geben.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien sowie allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, insbesondere in der Sicherheitsabteilung, von Herzen Chag Pessach kascher we-sameach!

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026