Energiekrise

Kosten aus der Steckdose

»Alle haben jetzt Angst, die Kosten für Energie nicht mehr zahlen zu können.« Ein Satz, den man dieser Tage fast überall hört.

Immer mehr Gemeindemitglieder suchen in diesen Tagen die Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf auf. Die Gründe: steigende Energiekosten und die Inflation. Vor Kurzem haben die Düsseldorfer Stadtwerke darauf hingewiesen, dass sich die Vorauszahlungen deutlich erhöhen werden. »Manche Menschen sind richtig verzweifelt«, sagt Diana Lakir von der Sozialabteilung.

Familien mit zwei bis drei Kindern würden mitunter von Existenzsorgen geplagt – und viele jüngere Familien kommen nun zu einer Erstberatung. Wegen der Inflation würden auch etliche nachfragen, wo es günstigere Lebensmittel gibt. Ebenso seien viele ältere Menschen betroffen und bräuchten Hilfe. Manche bringen ihre Rechnungen mit, wenn sie zur Beratung kommen. Die Sozialarbeiter versuchen dann immer, sie zu beruhigen, und empfehlen, erst einmal Kontakt aufzunehmen, beispielsweise die Stadtwerke anzuschreiben. Oder sich ans zuständige Amt zu wenden, so Diana Lakir.

Angst »Alle haben jetzt Angst, die Kosten für Energie nicht mehr zahlen zu können«, sagt auch Diana Sandler von der Jüdischen Gemeinde Landkreis Barnim. Die Mitarbeiter der Sozialabteilung seien deshalb sehr stark gefragt. Zusätzlich biete die Gemeinde eine Energiesparberatung an. Welche Lampen verbrauchen weniger Strom? Wie kann man beim Duschen sparen, und wie sieht es mit alten Kühlschränken und anderen Geräten aus?

Da fast alle Mitglieder aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen und eher über wenig Geld verfügen, sucht die Gemeindevorsitzende Sponsoren, damit auch eine LED-Birne eingeschraubt werden kann. Die Mitarbeiter kommen auf Wunsch nach Hause, um vor Ort zu schauen, wo Energie gespart werden kann.

Der Krise immer zwei Schritte voraus zu sein, ist das Gebot der Stunde.

Die Energieversorgungsverträge enden erst 2024, so Wolfgang Brockhaus. Der Leiter des Adolf-Hamburger-Heims (Seniorenwohn- und Pflegeheim der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg) ist erleichtert. Der Anbieter müsse nun zu den vereinbarten Preisen liefern.

Verträge Er hatte befürchtet, dass die sogenannte Gasumlage in Kraft treten könnte, was die Einrichtung vor große Probleme gestellt hätte. Denn die Bewohner haben mit dem Heim auch Verträge abgeschlossen, schließlich werden deren Plätze über einen festgelegten Pflegesatz finanziert, der nicht einfach geändert werden könne.

Solange der Anbieter kein Sonderkündigungsrecht in Anspruch nimmt, habe Brockhaus in den nächsten Monaten diesbezüglich nichts zu befürchten. Da die Einrichtung über eine eigene Küche verfügt, in der koscher gekocht wird, sei sie in diesem Vertrag inbegriffen. Allerdings würden durch die Inflation die Lebensmittelkosten steigen, die durch die festen Sätze nicht mehr gedeckt seien. Deshalb gebe es Anfang November Verhandlungen mit der Pflegekasse, um einen höheren Etat zu besprechen. Geheizt werde mit Gas.

Pflegeeinrichtungen haben oberste Priorität, was die Energieversorgung angeht. Dennoch hat Brockhaus bereits eine Risikobewertung aufgestellt und mit seinen Mitarbeitern gesprochen. Was geschieht, wenn aufgrund von Energieengpässen der Aufzug ausfällt? Der ganze IT-Bereich nicht funktioniert? Oder die Brandmelder nicht versorgt sind?

bevorratung Bereits jetzt wird über eine Lebensmittel-Bevorratung nachgedacht. »Ich will Handlungssicherheit«, sagt Brockhaus. Deshalb plane er, dem möglichen Risiko immer zwei bis drei Schritte voraus zu sein. Das geht für ihn so weit, dass er auch über die Tankfüllungen der Autos nachdenkt, die für den ambulanten Bereich gebraucht werden. 90 Bewohner leben in der Einrichtung, 70 werden vom ambulanten Dienst versorgt.

»Auch unsere Mitarbeiter haben Angst vor jeder neuen Rechnung«, sagt Brockhaus. Wie soll man mit solchen Sorgen gut arbeiten? Deshalb möchte er transparent agieren und die Mitarbeiter »mitnehmen«.
»Einkommensschwache Gruppen nehmen es schon jetzt deutlich wahr, dass alles teurer wird«, sagt Aron Schuster, Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) in Deutschland.

Die Energiekrise, als eine der Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, bedeute eine große gesellschaftliche Herausforderung und treffe nicht alle Menschen gleichermaßen, so Schuster. Vor allem Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, Rentner, Studierende, Transferleistungsempfänger, prekär Beschäftigte, Alleinerziehende und andere einkommensschwache Bevölkerungsgruppen seien von Inflation und damit einhergehenden Preissteigerungen betroffen.

pflegeheime Durch 36 Prozent und 15 Prozent Verteuerung von Energie und von Lebensmitteln gegenüber dem Vorjahr können zunehmend auch vorher nicht betroffene Menschen zu vulnerablen Gruppen zählen. Ebenso würden Einrichtungen und soziale Dienste wie beispielsweise Kindergärten und Pflegeheime stärker belastet. »Viele Familien werden im Winter die Hälfte ihres Einkommens für die Warmmiete ausgeben müssen.«

Die ZWST fordert, dass die finanziellen Entlastungen und Maßnahmen der Preisdeckelung sich stärker am Bedarf orientieren müssen.

Nun plant die Regierung neue Modelle, aktuell, dass 80 Prozent des Gasverbrauchs weiterhin für zwölf Cent zu Buche schlagen, die restlichen 20 Prozent dem marktüblichen Preis angepasst werden. »Dadurch würden die sozialen Dienste gefährdet. Das gilt es zu verhindern.«

Die ZWST fordere deshalb auch, dass die finanziellen Entlastungen und Maßnahmen der Preisdeckelung sich stärker am Bedarf orientieren müssen. Ferner mahnt Schuster das Aussetzen von Strom- und Gassperren sowie ein Kündigungs- und Räumungsmoratorium an. Mieter sollten aufgrund von Zahlungsrückständen durch steigende Nebenkostenabrechnungen nicht wohnungslos werden, und Energieversorger dürften aufgrund nicht gezahlter Abschläge ihre Lieferungen nicht einstellen. Die ZWST fordert eine sanktionsfreie Grundsicherung.

heizungen Manche Schulleiter haben schon darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Klassenzimmer kalt bleiben. Wegen Corona müsse regelmäßig gelüftet werden, andererseits dürfen die Heizungen nicht voll aufgedreht werden – um Energie zu sparen. »Für uns ist das Thema derzeit nicht relevant, da der Vermieter des Gebäudes keine Anzeichen zu einer Reduzierung der Heizleistung gemacht hat«, sagt hingegen Michael Anger, Direktor des Albert-Einstein-Gymnasiums Düsseldorf. Die Heizungen laufen bereits, werden aber aufgrund der Außentemperaturen noch nicht wirklich benötigt.

»Ich halte die gesamte Diskussion ›Kalte Klassenzimmer‹ ohnehin für ein wenig übertrieben. In einem Raum mit 25 Menschen wird es nicht wirklich kalt.« Lediglich das Thema Corona und die Empfehlung, auch im Winter oft oder ständig zu lüften, könnte das Thema Energiekosten in öffentlichen Gebäuden interessanter machen, meint er. Bei den Sporthallen sieht es anders aus. Hier mache sich eine Reduzierung der Heizleistung durchaus bemerkbar. »Aber auch dies lässt sich durch andere Sportkleidung lösen«, meint Michael Anger.

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