Café

Koscher in der Kastanienallee

Probieren Sie mal unsere Hausmischung», ermuntert Diana Toubiana den Neuankömmling am Tresen, der interessiert die Kaffeekarte studiert. Der Gast wirkt erleichtert, bei so vielen Spezial-Varianten fällt ihm die Entscheidung offenbar schwer. Dankbar nimmt er die Empfehlung der Chefin des Cafés «Elfenbein» an. Sie füllt die hauseigene Röstung eigenhändig in die Espressomaschine, wickelt frisch belegte Bagel in einen hübschen Pappkarton und reicht sie lächelnd über die Theke. Erst dann überlässt sie die Kaffeebar ihrem Barista.

Während der Kaffeekünstler fantasievolle Blätter auf den Milchschaum zaubert, deutet Diana zum Eingang. «Wir haben erst seit drei Wochen geöffnet, doch der Laden brummt seit dem ersten Tag», sagt die 31-Jährige und strahlt vor Glück. Bei Nachbarn, Kiezbewohnern und Touristen kommt das neue Café in der Kastanienallee offenbar gut an – trotz hoher Cafédichte zwischen Mitte und Prenzlauer Berg.

Burekas Das Konzept ist ebenso schlicht wie stilvoll: Ein Familienunternehmen, das gleichermaßen auf Qualität wie auf Leidenschaft für Kaffee und Gebäck setzt. Neben jüdischen Klassikern wie Rugelach und Burekas gibt es französische Macarons sowie Pralinen und Herzhaftes. Das Besondere daran: Alles ist koscher, von den Getränken über die Speisen bis hin zum Geschirr.

«Die Räume sind uns praktisch in den Schoß gefallen», erzählt Diana. Sie wirkt, als könne sie ihr Glück noch immer nicht ganz fassen. Vom eigenen Café geträumt habe sie schon lange, aktiv nach Räumen gesucht nicht. Doch dann ging alles plötzlich ganz schnell: das Angebot und die Entscheidung, ins kalte Wasser zu springen.

Das Konzept gab es schon – denn mit der Marke «Elfenbein» haben sich Diana und Avi Toubiana in der Gastronomie- und Eventszene längst einen Namen gemacht: eine mobile Kaffeebar und – das Herzstück des «Elfenbein» – koscheres Gourmet-Catering. Mit dem Café als festem Standort erfüllt sich Diana einen Traum.

Kaschrut Die Cafébesitzerin wechselt kurz ein paar Worte auf Hebräisch mit dem Maschgiach, als ihr Mann Avi sich dazu gesellt. Sie legt Wert darauf, dass sich das Café in das Gesamtkonzept des Elfenbein-Unternehmens einfügt: das Design, der weltoffene Stil und, ganz wichtig, die koschere Küche. Dennoch, der Kaschrut-Stempel sei für sie eher das Sahnehäubchen, meint Diana: «Hauptsache, den Leuten schmeckt es.»

Die Toubianas haben alle Hände voll zu tun: Kuchensorten testen, Speisekarte erweitern, Bilder auswählen. Zeit zum Ausruhen bleibt nur am Schabbat – dem einzigen Ruhetag des Cafés. «Im Design steckt viel Liebe zum Detail», sagt Avi und zeigt auf die Fotos an der Wand: Tel Aviv in den 20er-Jahren. Es sind Details wie diese, die das Café ausmachen. Sie spiegeln wider, wofür die Toubianas stehen: eine neue Generation jüdischer Kultur, die sich in Berlin entfaltet. International, kreativ, experimentierfreudig.

«Ich bin in Düsseldorf geboren und mit 19 nach New York gegangen. Als ich nach Deutschland zurückkam, zog es mich wegen des vielfältigen jüdischen Lebens nach Berlin», sagt Avi. Noch ein Aspekt mag dabei eine Rolle gespielt haben: Die Familie seiner Mutter lebte hier vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1938 gelang es Avis Großvater, das Land zu verlassen. «Vor Kurzem hat mir der beste Freund meines Opas in Tel Aviv alte Fotos gezeigt. Ich traute meine Augen nicht: Der Senefelderplatz! Genau dort, wo wir heute wohnen!» Avi holt tief Luft. Die Erinnerung daran berührt ihn sichtlich.

schicksal «Seltsam, wie sich manchmal Kreise schließen, Wege kreuzen, parallel verlaufen oder auseinandergehen», überlegt er und sieht seine Frau an. «Es gibt keine geraden Wege im Leben. Wäre ich damals nicht nach Berlin gegangen, hätten wir uns nie getroffen. Und dann gäbe es das Café Elfenbein auch nicht.»

Diana nickt zustimmend. Denn dass sie mit Anfang 20 nach Deutschland kam, verdankt sie einem Zufall. Geboren im moldawischen Kishinev wanderte sie mit 15 Jahren nach Israel ein, ohne Eltern. Es folgten Armeedienst und Arbeit bei der EL AL, als Diana vom Hadracha-Programm der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland erfuhr.

Jüdische Jugendarbeit? Diana war begeistert, meldete sich spontan an und landete zwei Wochen später in Deutschland. Nach Stationen in Cottbus, Leipzig und Hannover kam sie nach Berlin und lernte Avi kennen. Beide begannen, am Schabbat für jüdische Jugendliche zu kochen. Dass daraus einmal Catering, Kaffeebar und ein Café entstehen würden, lag damals noch in weiter Ferne.

Erfolg «Meine Oma hat immer gesagt: Du kannst alles erreichen. Ihr Rezept: harte Arbeit und eine Prise Mut», erinnert sich Avi. Diese Einstellung ziehe sich durch sein ganzes Leben. «Na’aseh ve-nishma, so steht es in der Tora: Einfach machen. Dinge wagen. Vieles lernt man, indem man es ausprobiert.» Darin ist Avi Toubiana inzwischen Profi. Vom gelernten Kfz-Mechaniker zum New Yorker Schauspielschüler, vom Komiker zum Eventmanager, vom Chef jüdischer Jugendzentren zum koscheren Caterer – egal was der 37-Jährige anpackt, der Erfolg scheint ihm recht zu geben.

Inzwischen ist Gastronomie für das junge Ehepaar längst vertrautes Terrain. Mit ihrem Catering und ihrer mobilen Kaffeebar beliefern sie Veranstaltungen in Deutschland und Europa. Limmud, Rabbiner-Konferenzen, Hilton Hotel – das Elfenbein-Team ist gefragt – «weniger weil wir koscher sind, sondern weil wir einfach gut kochen», ist Avi überzeugt.

Bei allem Erfolg sind die Toubianas auf dem Boden geblieben. Sie wissen zu schätzen, was sie haben. Die wichtigste Rolle in ihrem Leben spielt ohnehin ihre zweijährige Tochter. Dennoch kann sich Diana gut vorstellen, in Zukunft auch das Café-Konzept zu erweitern. «London oder Tel Aviv, warum nicht?», sagt sie. «Aufgewachsen bin ich in Moldawien, gelebt habe ich in Israel, heute leite ich ein Café in Berlin – solange man weiß, wo man hingehört, und alles mit Liebe macht, ist alles möglich.»

Neuland Halb verschmitzt, halb bewundernd mit Blick auf seine Frau erklärt Avi: «Man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man immer wieder Neuland betritt. Und vor allem: keine Angst haben.» Denn manche Gelegenheiten gebe es im Leben nur einmal.

Das Café Elfenbein sei so eine Gelegenheit, meint Avi. Er und Diana hätten sie einfach beim Schopf gepackt. Und wenn’s schiefgeht? «Dann sind wir eben um eine Erfahrung reicher», meint Avi achselzuckend. Diana lächelt. Ihr Mann sei eben «ein Jecke mit einem israelischen Kopf».

Alija

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