Yiddish Summer Weimar

Königin Esther trifft Goethe

Szene aus »Di Megile fun Vaymar« Foto: Esther Goldberg

Itzik Manger staunt. Er sitzt, als wunderschön anzuschauende Puppe, auf der Bühne. Vor sich die alte Schreibmaschine, in einer Hand die Zigarette. Sayumi Yoshida wird diese Puppe nahezu den gesamten Abend über bewegen. Sie sitzt am Rand und ist mittendrin. Natürlich, es ist ja Manger zu verdanken, dass es diese Megile-Lider, diese Interpretation des Buches Esther über die Errettung der Juden, seit 1936 gibt.

Und es ist Alan Bern, dem Leiter des 19. Yiddish Summer Weimar, zu danken, dass nun auch Di Megile fun Vaymar in der Welt ist. Die Verflechtung des Buches Esther mit Goethes Jahrmarktsfest zu Plundersweilern ist eine Idee, die nun Weltpremiere hatte. Konzept und Geschichte schrieb Bern gemeinsam mit Juri Vedenyapin und Miriam Camerini, die Musik komponierte er allein. In Weimar also Goethe. Und auch Buchenwald (»Mit der Buslinie 6 kommt man ganz leicht nach Buchenwald«). Und Lachen. Mit diesem Publikum geht das.

ensemble Und mit diesem Ensemble. Es ist internationale Spitzenklasse für jiddische Kultur. Mendy Cahan (Israel) gibt den Haman und den Goethe. Und das auf eine Weise, dass er den karikierten Juden hervorholt. Da sitzt jede Geste, begeistert jeder Schritt und verblüfft die Vielfalt des Lächelns. Witzig-verschlagen, schlau und lachend. Mit Efim Chorny (Itzik Manger, Schneider) kommt ein singender Komödiant zum Einsatz, der Szenenapplaus erhält.

Die großen Stars auf der Bühne aber sind zwei Frauen: Sveta Kundish (Esther, Marmotte) beweist diesmal, wie viel komödiantisches Talent sie besitzt. Und sie gibt ihrer starken Stimme neue Nuancen. Milena Kartowski-Aich steht ihr als Mordechai und als Vashti in nichts nach. Ihr großartiges Mienenspiel, ihr Humor und ihre Stimme werden vom Publikum zu Recht bejubelt.

Alan Bern hat die Musik für »Di Megile fun Vaymar« geschrieben. Es ist eine Musik, die auf Tradition baut.

Alan Bern hat die Musik für Di Megile fun Vaymar geschrieben. Es ist eine Musik, die auf Tradition baut. Der Klezmer lebt. Auch hier. Die sieben Musikerinnen und Musiker spielen gekonnt auf. Yiddishland wird wieder erkennbar. Obwohl es so nie wieder wird beschrieben werden können. Und doch ist der Yiddish Summer Weimar eine Möglichkeit, dazu nicht nur theoretisch zu forschen, sondern ganz praktisch beinahe oder ganz vergessene Facetten jiddischer Kultur neu zu entdecken und dem Publikum zu präsentieren. Mit neuer Musik, die auf Tradition fußt.

beifall Nach dreieinhalb Stunden dankt das Pub­likum für einen unterhaltsamen Abend mit begeistertem Beifall. Wieder einmal gibt es zum Yiddish Summer Neues. Das ist Programm. Und längst sind die Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Pub­likum verbunden: Man hat Freude aneinander. Humor und Lebenslust und natürlich Ernsthaftigkeit treffen wieder einmal den Nerv der Zuschauer. So, wie es sich für ein Purimspiel gehört.

Dennoch hätte es der Inszenierung gutgetan, sie zu kürzen. Es war beispielsweise nicht nötig, das Buch Esther mit Projektor zu erzählen, auch wenn Alan Bern ganz sicher recht hat, wenn er meint, »dass immer weniger Menschen das Buch Esther kennen«. Doch auch von Goethes Jahrmarktsfest zu Plundersweilern wissen die wenigsten. Aber verhindert das mögliches Verstehen? Da sei das Programmheft vor.

Und wer zum Yiddish Summer kommt, hat zumindest vorher nachgelesen, was es über das Purimspiel und das Buch Esther zu sagen gibt. Und wenn nicht – auch gut. Es gibt ja schließlich eine Inszenierung. Trotz dieser Einschränkung: Die Puppe Itzik Manger staunt auf der Bühne bis zum Schluss und ist zufrieden.

Am Samstag spielt das Caravan Orchestra unter der Leitung von Ilya Shneyveys zum dritten Mal beim Yiddish Summer. Das Projekt zwischen Haifa und Weimar dürfte ein weiterer Höhepunkt sein. Auch hier wird es eine Welt­premiere geben: Diesmal ist ein Chor dabei.

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