München

Klare Ansage

Auch die tropischen Temperaturen, die Maskenpflicht und die Abstandsregeln konnten Münchens Bürgerinnen und Bürger am Freitagnachmittag nicht davon abbringen, ein klares Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Mehrere Hundert waren dem Aufruf des Vereins »München ist bunt!« zu einer Kundgebung auf dem Marienplatz gefolgt.

»Für Antisemitismus gibt es in unserer Stadt keinen Platz«, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter. Er machte in seiner Rede klar, dass Juden ein Teil der Stadtgesellschaft seien, ohne Wenn und Aber, wie er unmissverständlich zu verstehen gab. »Wenn es Menschen gibt, die daran zweifeln und sich dem demokratischen Konsens verweigern, sei es aus Borniertheit, Böswilligkeit oder Berechnung«, betonte Reiter, »dann ist es an uns, an jedem Einzelnen von uns, Partei zu ergreifen. Immer und überall.«

Tenor Der seit Jahren spürbar zunehmende Antisemitismus, die Offenheit, mit der er inzwischen transportiert wird, und seine Vermischung mit Israelfeindlichkeit war bei Oberbürgermeister Dieter Reiter und allen anderen Rednern der Grundtenor ihrer Ausführungen. Neben dem Stadtoberhaupt traten außerdem IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, Israels Generalkonsulin Sandra Simovich, Kabarettist Christian Springer und der in Berlin lebenende jüdische Rapper Ben Salomo ans Mikrofon.

»Für Antisemitismus gibt es in unserer Stadt keinen Platz.«

OB Dieter Reiter

Die antiisraelischen und antisemitischen Demonstrationen, die als Folge der militärischen Auseinandersetzung im Gazastreifen in vielen Städten Deutschlands stattfanden, wurde in den Reden mehrfach thematisiert. Charlotte Knobloch wies auf die Plakate und Schlagworte hin, die bei den Demonstrationen mitgeführt oder verwendet wurden: »Apartheid« etwa, »Terrorstaat« oder »Völkermord«. Teilnehmer, so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, hätten Landkarten ohne Israel gezeigt und Karikaturen, die Gaza mit den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten verglichen. »Das ist keine berechtigte Kritik«, resümierte sie, »das ist blanker Antisemitismus, das ist Hass.«

Konflikt Auf die antisemitischen Äußerungen der »Corona-Leugner-Szene«, die auch für die anderen Redner ein Thema waren, ging Generalkonsulin Sandra Simovich ausführlicher ein. Covid-Krise und der Konflikt im Nahen Osten hätten dem Antisemitismus einerseits neuen Aufwind verliehen, andererseits für Israelis und deutsche Juden das Gefühl potenzieller Bedrohung geschürt. Die Politik Israels zu kritisieren und friedlich zu demonstrieren, sei immer eine Option, erklärte die Generalkonsulin.

Zugleich stellte sie aber fest, dass die Situation in Israel nichts mit jüdischen Gemeinde hier in Deutschland zu tun habe. »Egal, was in Israel passiert, es ist niemals eine Entschuldigung für Antisemitismus auf deutschen Straßen, gegen die jüdische Nachbarin, den jüdischen Arbeitskollegen oder Mitschüler. Das darf nicht hingenommen werden, und es muss einen Aufschrei in der gesamten deutschen Gesellschaft geben.«

Polizeischutz Kabarettist Christian Springer, eine weit über München hinausreichende Stimme, begann seine Rede mit den jüdischen Kindergartenkindern und einer bedrückenden Alltäglichkeit. Nur unter Polizeischutz, hielt er in seiner Rede fest, könnten sie das Gebäude verlassen, weil sie jüdische Kinder seien. »Das nehmen wir hin, Tag für Tag. Aber so etwas ist unerträglich, für mich und für diese Stadt«, beschrieb er seine Gefühle.

Für Christian Springer steht ein politischer Hintergrund bei der Dynamik von Antisemitismus außer Frage. Er sprach in diesem Zusammenhang die AfD, die im Bayerischen Landtag vertreten ist, ganz direkt an.
Er schäme sich dafür, sei aber auch wütend. »Wir brauchen in Bayern bessere Bezahlung in vielen Berufszweigen«, erklärte er, »bessere Betreuung von kleinen Kindern und alten Menschen, wir brauchen Verbesserungen im Schulsystem und bezahlbaren Wohnraum – das ist ziemlich viel auf einmal. Aber was wir nicht brauchen, ist die AfD dazu.«

Solidarität Die Kundgebung, ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft, war Micky Wenngatz ein wichtiges Anliegen. Auch die Stadträtin und Vorsitzende der Vereinsinitiative »München ist bunt!«, die die Kundgebung auf dem Marienplatz organisiert hatte, ging auf die antisemitisch ausgerichteten »Querdenker« und die Ausschreitungen bei den Demonstrationen im Mai ein.

Sie sprach die aufgebrachte Menge an, die vor jüdischen Gotteshäusern antisemitische Parolen wie »Scheiß-Jude« und »Kindermörder« skandiert, Steine gegen die Synagogen geworfen und Fahnen mit dem Davidstern verbrannt hatte. »Diese verstörenden Bilder«, sagte Micky Wenngartz, »erinnern uns an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte.«
Der in Israel geborene und in Berlin lebende Rapper Ben Salomo stellte die rhetorische Frage, wann Antisemitismus von einer geächteten Hass-Ideologie wieder zu einer von der Meinungsfreiheit geschützten Meinung geworden sei. Er ging noch auf ein Umfrageergebnis ein, wonach jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken mit sich herumtrage. Fest steht für ihn: »Die Stille und die Gleichgültigkeit der vielen machen Antisemiten erst so selbstbewusst.«

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