Stress

Keine Zeit, keine Zeit

Prioritäten setzen: Schule, Geigenunterricht, Schach, Tanzen. Zum Spielen bleibt kaum noch Platz. Foto: imago

Nach der Schule geht es zum Geigenunterricht. Der Ranzen auf dem Rücken wiegt schwer und der Geigenkasten in der rechten Hand schwingt nach vorne, nach hinten, ist gerade eine Schiffsschaukel. Doch keine Angst, Jonathan hat die Sache im Griff. Die Busfahrt vom Gymnasium bis zum Geigenlehrer ist gerade lange genug, um die Box mit dem Thunfischsandwich herauszukramen, ein paar Bissen zu nehmen, dabei noch einen Blick ins Englischvokabelheft zu werfen, zielsicher nach dem Handy zu angeln, »alles o.k.« durchzugeben, sich dann den Ranzen auf den Rücken zu laden und auszusteigen.

Jonathan ist elf Jahre alt, und er hat noch nie seine Geige im Bus liegen lassen. Handschuhe und Mütze schon. Dienstag ist sein »Hammertag«: Nach sechs Stunden Schule fährt er mit dem Bus quer durch München zu seinem Geigenlehrer. Nach der Geigenstunde hat er noch Orchesterprobe, »das ist praktisch, da muss ich nur einmal in der Woche die Geige mitschleppen«, und dann am späten Nachmittag »Malen« im Jugendzentrum, »das mache ich gerne, das ist nicht anstrengend«. Zwischen fünf und sechs Uhr ist Jonathan dann zu Hause. Im Winter ist es da schon dunkel und Hausaufgaben müssen auch noch gemacht werden.

Belastung An den anderen Wochentagen hat er es nicht ganz so streng, aber es reicht. Da ist der Sport, Hebräischunterricht, manchmal Chor oder Schach – die Kinder sind schwer beschäftigt, besonders, wenn sie aus einem bildungshungrigen Elternhaus kommen. Jonathan gibt es wirklich, er heißt nur anders. Er will nicht, dass man über ihn in der Zeitung lesen kann. Es gibt viele solcher Jonathans oder Miriams. Die Eltern im Bekannten- oder Freundeskreis erzählen von dem Stress ihrer Kinder. Am Wochenende sind sie alle geschafft und müde.

»Wir spüren das«, stellt Oleg Tartakowski, Jugendleiter des Jugenzentrums Tikwatejnu in Duisburg fest. »Sonntags zu unserem Programm kommen immer weniger. Besonders die Gruppen für die Kinder ab zehn und aufwärts werden kleiner«. Das ist in vielen Jugendzentren so und obwohl es dazu keine Statistik gibt, es ist spürbar. »Ich schätze mal, dass heute am Sonntag so 30 bis 40 Kinder kommen, früher waren es gut 60«, sagt Alex Bondarenko vom Jugendzentrum Jachad in Köln. Während die Kleineren zahlreich erscheinen, bröselt es nach oben hin. Oder es ist ein bisschen anders, wie in Frankfurt. »Bei den Kleinen, die während der ganzen Woche bei uns im Hort und der jüdischen Schule sind, da sagen nicht wenige Eltern, ›genug Judentum, nicht auch noch sonntags‹«, berichtet Pessi Gotfrid-Levy vom Jugendzentrum Amichai.

Familentage Eine Mutter von zwei Grundschulkindern atmet tief durch. »Der Freitagabend und der Sonntag gehören der Familie. Regelmäßig, das heißt an jedem Sonntag Jugendzentrum, dazu haben meine Jungs jedenfalls keine Lust, obwohl ich das Angebot dort wirklich gut finde. ›Wir haben in der jüdischen Schule immer jüdische Kinder um uns, das brauchen wir nicht auch noch am Sonntag‹, haben sie mir mal erklärt. Zu besonderen Anlässen gehen sie dann aber doch hin, zu Ferienangeboten, wenn Feiertage sind und so.«

Sport treiben die Jungs unter der Woche oder sie musizieren. Die Ganztagsschule endet in der Regel um 15.30 Uhr. »Dazu kommt noch der Nachhauseweg.« Ein langer Tag. Michael ist zwölf, nimmt im Jugendzentrum Klavierunterricht, macht dort mit bei der Theatergruppe und singt im Schulchor. Michael geht aufs Gymnasium und schafft das alles mit links. Trotzdem zieht es ihn sonntags nur manchmal ins Jugendzentrum. »Bei ihm ist es nicht die fehlende Zeit, sondern das Alter«, meint seine Mutter. »Er fühlt sich nicht immer angesprochen vom Programm. Vielleicht fehlen auch die Gleichaltrigen. Wenn man zwölf ist, kommt vieles zusammen und als Eltern versteht man nicht alles.«

Warum die Kinder wegbleiben, dafür gibt es nach Oleg Tartakowski vor allem zwei Gründe: »Die Eltern sehen den Sonntag als Familientag, und die Kinder sind oft von der vergangenen Woche dermaßen erschöpft, dass sie wenigstens an einem Tag nur noch ausruhen wollen.« Hinzu komme, dass die Kinder zur nachwachsenden Facebookgeneration gehörten, sich in einer digitalen Welt einrichteten, in der die persönliche Sozialisation einen anderen Stellenwert habe.

Nichtstun Für die Kinder von heute gibt es mehr: mehr Stoff in der Schule, mehr Druck von allen Seiten, mehr Zusatzangebote, die genutzt werden wollen. Zeit und Raum, einfach nichts Gezieltes zu tun, davon gibt es weniger. Viele erkennen, dass hierin eine Gefahr liegen könnte, aber die meisten arrangieren sich mit dem Zustand.

Anastasia lässt den Hebräischkurs fallen, weil die Noten in der Schule nicht mehr stimmen, Moritz hört mit dem Gitarrenspiel auf, weil die Zeit zum Üben fehlt und Lia wird auch in den Ferien Nachhilfeunterricht nehmen. Den Jugendleitern bleibt nichts anderes übrig, als an die Eltern zu appellieren.

»Auf den Einfluss der Eltern kommt es an, vor allem auf den«, sagt Alex Bondarenko. »Ich bitte die Eltern darüber nachzudenken, was wichtiger für sie und die Kinder ist«, fügt Oleg Tartakowski hinzu. »Natürlich ist es schön, wenn das Kind Klavierunterricht bekommt, ins Ballett geht, Yoga macht. Aber die Identitätsfindung ist für unsere jüdischen Kinder sehr wichtig, auch wenn es nicht einfach ist, ihr Interesse dafür zu wecken. Sie sollen nie in die missliche Lage kommen, sich als Juden zu verstecken. Dazu müssen sie aber wissen, was es heißt, Jude zu sein. Und das erfahren sie bei uns, in den Jugendzentren.
Letztendlich sind es die Eltern, die Prioritäten setzen müssen.«

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