Porträt der Woche

»Jüdischsein ist bunt«

»Wir haben doch viel mehr zu sagen, als nur den Antisemitismus abzulehnen«: Jan Feldman (32) lebt in Berlin. Foto: PR

Viele jüdische Kontingentflüchtlinge hatten, ehe sie nach Deutschland kamen, gar keine Kenntnisse vom Judentum mehr. Sie mussten hier erst die jüdische Tradition neu erlernen. Das war bei meiner Familie nicht der Fall.

Meine Urgroßeltern und Großeltern waren im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine nach Usbekistan evakuiert worden. Dort gab es eine sehr alte bucharische Gemeinde. Im Gegensatz zu anderen Gebieten der Sowjetunion spielte in Usbekistan der Antisemitismus keine allzu große Rolle. Das Leben war für Juden nicht schlecht, und so sind viele von denen, die im Krieg dorthin evakuiert wurden, hinterher auch in Usbekistan geblieben. Ich wurde 1989 in Taschkent geboren.

familie Meine Familie war zwar nicht im klassischen Sinne religiös, aber weil der Großvater meiner Mutter ein Lubawitscher chassidischer Rabbiner in Mykolajiw gewesen war, praktizierten wir auch zu Sowjetzeiten immer ein traditionelles Judentum, beginnend mit der Brit Mila bis hin zu sämtlichen Feiertagen. Ich musste diese Tradition also nicht erst lernen, als ich im Alter von zehn Jahren nach Deutschland kam.

Meine Mutter war Oberärztin. In Deutschland putzte sie erst einmal Toiletten.

Hingegen mussten meine Eltern in beruflicher Hinsicht mit einer völlig neuen Situation umgehen. Meine Mutter hatte in Usbekistan in einer Klinik als Oberärztin gearbeitet. In Deutschland aber putzte sie erst einmal bei einem Autohändler die Toi­letten, weil ihre Studienabschlüsse nicht anerkannt wurden.

heim Wir waren zunächst in Friedland in einem Heim für Migranten untergebracht und dann in einem kleinen Dorf bei Göttingen. Schließlich kamen wir nach Hannover. Hier konnte meine Mutter dann ihr Studium wiederaufnehmen. Heute hat sie eine Facharztpraxis für Gynäkologie in Lüdenscheid.

Mein Vater arbeitete in Usbekistan als Bauingenieur, hier aber ist er im Unternehmen meines Bruders tätig. Der ist zwar eigentlich studierter Zahnmediziner, andererseits aber auch durch und durch Geschäftsmann. So hat er eine Hochzeits­agentur eröffnet und auch ein Grafikdesign-Studio.

Als wir nach Hannover kamen, befand sich dort gerade die Chabad-Gemeinde im Aufbau, und weil wir der Tradition meines Urgroßvaters folgten, fühlten wir uns da sofort zu Hause. Das lag nicht zuletzt auch an Rabbiner Benjamin Wolff, einem jungen, sehr charismatischen Mann, der 24 Stunden am Tag für seine Gemeinde erreichbar gewesen ist. Bei ihm habe ich auch meine Barmizwa gemacht. Leider ist er vor zwei Jahren im Alter von nur 43 Jahren verstorben.

BLINDENVERBAND Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Medizin studieren, aber der Numerus clausus hat nicht gereicht. Ich habe es mehrfach probiert, es hat aber nicht geklappt. Was sollte ich machen? Seit meiner Kindheit hat mich immer auch die Kunst interessiert, aber ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Ich wollte irgendetwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfangen, und da brachte mich ein Fernsehbericht auf eine Idee. Darin ging es um die Schwierigkeiten, die blinde Menschen im alltäglichen Leben haben. Zum Beispiel beim Einkaufen von Lebensmitteln und Pflegeprodukten. Heute kann man ja alles online bestellen, aber vor zehn Jahren war das noch nicht so weit verbreitet.

In Hannover jedenfalls war ich der Erste, der einen solchen Onlinedienst anbot. Alles, was man heute auf den bekannten Portalen bestellen kann, bekam man damals bei mir. Ich habe mit dem niedersächsischen Blindenverband kooperiert und mit einem Großhändler, von dem ich die Ware bekam.

Nach dem Abitur wollte ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfangen.

Dann wollte ich das Geschäft auf Berlin ausweiten. Dafür hätte ich eine Finanzierung gebraucht, die ich aber leider nicht bekam. Damals hat eben noch keiner an den Online-Supermarkt geglaubt. Nach drei Jahren hörte ich damit auf und befand mich erst einmal wieder in einer Findungsphase.

KADEWE Nun war ich also in Berlin und wollte hier ein Teil der jüdischen Szene sein. Da ich früher schon einmal in einer Jeschiwa der Lauder Foundation gewesen bin, ging ich zu deren Gemeinde Kahal Adass Jisroel im Prenzlauer Berg. Ich kam als Teilnehmer des Jugendprogramms dorthin und war sehr schnell in der Gemeinde integriert. Bald schon habe ich selbst Programme für Jugendliche organisiert: Schabbatonim, Tora-Unterricht und auch einiges zu den Feiertagen.

Zu dieser Zeit hatte ich mich um einen Job im KaDeWe beworben. Man bot mir eine Festanstellung im Verkauf von noblen Soundsystemen an, aber es hieß, ich müsse auch am Samstag arbeiten. Als ich gesagt habe, dass ich jüdisch sei und am Schabbat nicht arbeiten werde, hat man den Anstellungsvertrag zurückgezogen. So war ich erst einmal wieder arbeitslos.

Doch ich erinnerte mich an das alte jüdische Hoffnungsprinzip »Gam su letowa« – auch dies wird zum Guten führen. Also blickte ich optimistisch in die Zukunft. Bald darauf habe ich angefangen, bei Morasha Germany, der Studentenorganisation der Lauder Foundation, als Office Manager zu arbeiten. Zu meinen Aufgaben gehörte die Organisation von jüdischen Events, die Erstellung von Flyern und vieles mehr.

VIDEO Meine Arbeit bei Morasha Germany hat mir den Mut und das Selbstbewusstsein gegeben, das zu machen, was ich seit meinen Kindertagen machen wollte, nämlich Kunst. In meinem Fall ist das die Fotografie und mehr noch die Videokunst. Zum Beispiel habe ich ein Projekt im Rahmen des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« begonnen, das ich »Jewversity« genannt habe. Dafür werden jüdische Menschen visuell in einem Format von nur 15 Sekunden porträtiert. Ich stelle die Frage: »Was bedeutet es für dich, jüdisch zu sein?«

Zu Beginn habe ich diese Videos nur für mich gemacht. Ich wollte diese Kunstform mit etwas verbinden, was ich mitteilen möchte. Ich finde nämlich, wir sollten uns mit sehr viel mehr identifizieren als nur mit den immer wiederkehrenden Themen. Wir haben doch viel mehr zu sagen, als nur den Antisemitismus abzulehnen. Ich finde, wir sind sehr viel interessanter als das.

Heimat muss nicht nur ein Ort sein.

Wir sind Menschen, die in verschiedenen Bereichen arbeiten. Wir sind Menschen, die kreativ sind. Die Online-Medien sind sehr schnell. Das bedeutet, wenn man etwas vermitteln möchte, muss es auch sehr schnell sein. Deshalb habe ich diese Kurzporträts von 15 Sekunden entwickelt.

Dem Verein »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, dem ich das Projekt vorgestellt habe, hat das gefallen. Man hat mich beauftragt, viele jüdische Menschen auf diese Weise zu porträtieren. Also habe ich ganz unterschiedliche Juden und Jüdinnen interviewt, von Liberalen bis Orthodoxen, auch queere Leute von Keshet. Für mich bedeutet, jüdisch zu sein, nicht schwarz oder weiß. Im Gegenteil, das Judentum ist sehr bunt und reichhaltig, und ich finde das wunderschön.

ausstellung Vor einiger Zeit wurde ich von einem Kunstverein angeschrieben, der eine Ausstellung zum Thema »Heimat Europa« plant. Sie haben mich gebeten, 20 Fotografien zu diesem Thema beizusteuern. Das wird voraussichtlich meine nächste Ausstellung.

Natürlich stellt mich das Thema vor die generelle Frage, was Heimat für mich bedeutet. Ich denke, Heimat muss nicht nur ein Ort sein. Ich bin jüdisch, geboren in Usbekistan, aufgewachsen zum Teil in Deutschland, und ich fühle mich hingezogen zu Israel. Dort war ich zuletzt vor zwei Jahren für ein paar Wochen in einer Jeschiwa in Jerusalem. Ich habe das Land noch nie so intensiv erlebt wie in dieser Zeit. Und ich habe mich noch nie so wohlgefühlt, in Jerusalem anzukommen.

Vor allem habe ich diesmal das Land sehr viel besser kennengelernt, auch die Menschen – wie sie leben, wie sie miteinander umgehen. Ich habe die Atmosphäre und die israelische Lebensrealität anders erlebt, als dies Touristen tun. Seither weiß ich eben, dass Heimat nicht auf einen Ort beschränkt sein muss. Man kann zwei Häuser haben und sich in beiden wohlfühlen.

Die Kunst, das wird mir immer deutlicher, ist für mich eine Quelle der Inspiration – und das Jüdischsein auch. Dabei kann ich etwas machen, was auf den ersten Blick gar nicht jüdisch aussieht, wie das Thema Heimat, das ja schließlich alle Menschen betrifft. Aber jeder, der mich kennt, wird verstehen, dass das, womit ich mich auseinandersetze, unverkennbar jüdisch ist.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

Berlin

Margot Friedländer erhält Walther-Rathenau-Preis

Die Laudatio hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

 04.07.2022

Berlin

Paul-Spiegel-Preis verliehen

Ausgezeichnet wurden TeBe Borussia und die Initiative »Omas gegen rechts«

 03.07.2022

Porträt der Woche

»Fechten verlernt man nicht«

Peter Marduchajew lebt in Dortmund und ist Sportlehrer an einer Grundschule

von Stefan Laurin  02.07.2022

Reise

Malabi, Kibbuz und Schabbat

Jugendliche der Europäischen Janusz Korczak Akademie haben Israel besucht – und Tagebuch geführt

 02.07.2022

Salomon Korn

»Es muss personelle Konsequenzen geben«

Jüdische Gemeinde Frankfurt und Landesverband sprachen mit Kunstministerin Angela Dorn über den documenta-Skandal

 01.07.2022

Sachsen

Polizei und jüdische Gemeinden kooperieren

Engere Zusammenarbeit im Kampf gegen Antisemitismus – zentraler Punkt ist Unterstützung bei Aus- und Fortbildung

 30.06.2022

Dessau

Eröffnung der Synagoge verzögert sich

Ursprünglich sollte das Gotteshaus bis Rosch Haschana fertiggestellt werden

 30.06.2022

Studie

Übergriffe auf jüdische Friedhöfe werden untersucht

Bundesweit werden dafür die Schäden und die materiellen wie immateriellen Folgen erfasst

 30.06.2022

München

Olympia 1972, Emigration, Paul Ben-Haim

Meldungen aus der IKG

 30.06.2022