Frankfurt/Main

Josef Schuster ist neuer Zentralratspräsident

Der Zentralrat der Juden hat eine neue Führungsspitze. Nach der Ratsversammlung am Sonntag in Frankfurt am Main wurde der bisherige Vizepräsident Josef Schuster vom Präsidium zum Nachfolger von Dieter Graumann gewählt. Zuvor hatte auch Vizepräsident Salomon Korn seinen Rückzug aus dem Präsidium mitgeteilt. Neue Stellvertreter sind nun Mark Dainow aus Offenbach und Abraham Lehrer aus Köln.

Nach seiner Wahl sagte Schuster, dass die jüdische Gemeinschaft auch in Zukunft das Leben in Deutschland mitgestalten wolle. Der Zentralrat sei der Dachverband der 108 jüdischen Gemeinden: »Wir wollen aber nicht ein Dach sein, das irgendwo über den Gemeinden schwebt. Sondern ein gutes Dach muss mit dem Rest des Hauses verbunden sein. Die Gemeinden bilden unser Fundament.« Es sei die Aufgabe, diese Gemeinden zu stärken, so Schuster. Unter dem Dach des Zentralrats könne es ganz unterschiedliche Gemeinden und verschiedene religiöse Strömungen geben.

amtsvorgänger Schuster dankte seinem Amtsvorgänger. Graumann habe für den Zentralrat und die jüdische Gemeinschaft »ganz Außerordentliches« geleistet. Schuster hob hervor, was Graumann in den letzten vier Jahren in unermüdlichem Engagement geschaffen hat. Er verwies auf die Verdoppelung der staatlichen Mittel für den Zentralrat sowie auf bedeutende Veranstaltungen, »die das Judentum hierzulande enorm gestärkt und inspiriert haben«.

Graumann stand seit 2010 an der Spitze des Zentralrats, hatte Ende Oktober erklärt, nicht nochmals für eine weitere vierjährige Amtszeit antreten zu wollen. Er wolle künftig wieder mehr Zeit für Familie und Privatleben haben. Seine Nachfolge tritt nun der 60 Jahre alte Schuster an, der auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken sowie Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern ist. Der Würzburger Arzt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Gratulation Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierten Schuster noch am Sonntagabend zur Wahl. Gauck wünschte Schuster »viel Erfolg und eine glückliche Hand«. Bundeskanzlerin Merkel würdigte, dass sich Schuster in den vergangenen Jahren besonders um die Eingliederung der Aussiedler aus der früheren Sowjetunion in den jüdischen Gemeinden verdient gemacht habe.

Josef Schuster wurde am 20. März 1954 im israelischen Haifa geboren. Zwei Jahre später zog die Familie nach Unterfranken, wo die Familie seit Jahrhunderten tief verwurzelt ist. Schuster studierte nach dem Abitur in Würzburg Medizin und hat dort seit 1988 eine eigene Praxis als Internist. 2002 wurde er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 2010 auch Vizepräsident des Zentralrats der Juden.

Rückblick Dieter Graumann hatte sich mit einem ausführlichen Tätigkeitsbericht, einer Rückschau auf seine Präsidentschaft verabschiedet: »Wenn ich die letzten vier Jahre Revue passieren lasse, stelle ich fest: viel getan, aber auch noch viel zu tun.« Er erinnerte an die politischen Geschehnisse sowie wichtigen Entwicklungen im Zentralrat. Abschließend zitierte er die talmusischen Sprüche der Väter: »An dir liegt es nicht, das Werk zu vollenden. Doch darfst du dich ihm auch nicht entziehen.« Er habe diese Worte immer so verstanden, dass jeder in seiner Zeit das ihm Mögliche tun soll. »Das habe ich versucht, mit Herz, mit Hingabe, mit Begeisterung und Leidenschaft«, sagte Graumann.

Der jüdischen Arbeit werden die Herausforderungen bestimmt nicht ausgehen, es gelte, ihnen stets kraftvoll zu begegnen, sagte er zum Abschluss »Wir Juden bleiben, was wir immer waren: stolze, selbstbewusste Juden. Und unser Judentum tragen wir nicht als Last, sondern mit unbeugsamen Stolz. So wird es immer sein. Das jüdische Volk wird leben.« Er verabschiedete sich von den Delegierten und zugleich von der politischen Arbeit für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland: Es sei schon viel Abschiedsschmerz dabei, mehr als er gedacht habe.

Dank Die Delegierten dankten ihm mit lang anhaltendem, stehendem Applaus. Charlotte Knobloch, die vor ihm das Amt an der Spitze des Zentralrats innehatte, sagte, dass er in den vergangenen vier Jahren Herausragendes für das Judentum in Deutschland geleistet und den Zentralrat in neue Dimensionen geführt habe. Der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, der als Gast der Ratsversammlung nach Frankfurt gekommen war, dankte dem scheidenden Präsidenten für die gute Zusammenarbeit und dass er immer an Israels Seite stehe, »und zwar laut und deutlich«.

Die Ratsversammlung, die jeweils zum Ende eines Kalenderjahres zusammentritt und den wirtschaftlichen wie gesamtpolitischen Rechenschaftsbericht des Zentralrats durch ihr Votum billigen muss, setzt sich aus Vertretern der Gemeinden zusammen. Je 1000 Mitglieder wird ein Delegierter zu der Versammlung entsandt. Alle vier Jahre, also für eine Legislaturperiode, wählen sie aus ihrer Mitte drei Mitglieder in die Exekutive.

präsidium In das neunköpfige Präsidium waren an diesem Sonntag aus dem Kreis der Ratsversammlung die bisherigen Präsidiumsmitglieder Josef Schuster und Küf Kaufmann wiedergewählt worden, zusätzlich wurde die Münchner Sozialpädagogin Vera Szackamer in das Gremium entsandt. Aus dem Direktorium wurde als neues Mitglied die Berliner Anwältin Milena Winter bestimmt. Erneut gewählt wurden: Heinz-Joachim Aris (Dresden), Mark Dainow (Offenbach), Küf Kaufmann (Leipzig), Abraham Lehrer (Köln), Hanna Sperling (Dortmund) und Barbara Traub (Stuttgart).

Zentralratspräsident Josef Schuster bemerkte schmunzelnd, dass nun im neunköpfigen Präsidium vier Damen vertreten seien, damit auch die in letzter Zeit viel diskutierte Frauenquote erfüllt sei. ja (mit epd)

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