Interview

»Jeder Zeitzeuge hat eine individuelle Geschichte«

Erinnern und Falafel essen: Mit Raissa Manachirova, Mitarbeiterin der ZWST, haben wir über eine ungewöhnliche Gedenk-Aktion gesprochen.

Frau Manachirova, »Wir alle essen Falafel mit dem Holocaust-Überlebenden Dugo aus Auschwitz am 18. Januar« – so lautete der Titel einer Aktion des Kinder-, Jugend- und Familienreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Welche Geschichte steckt dahinter?
David Leitner, genannt Dugo, ist am 18. Januar 1945 mit vielen anderen Häftlingen von Auschwitz aus auf einen Todesmarsch geschickt worden. Er war damals 14 Jahre alt und kam aus Ungarn. Hungrig, erschöpft und frierend wanderte er endlose Kilometer, während er von rundgeformten Brötchen, Bilkalach – wie seine Mutter sie nannte –, träumte, die, wie Dugos Mutter ihm immer erzählte, in Eretz Israel auf den Bäumen wachsen. Er überlebte, kam nach Israel, und als er das erste Mal den Machane-Yehuda-Markt in Jerusalem besuchte, sah er einen Falafel-Stand. Die Bällchen im Brot erinnerten ihn an die runden Brötchen, die in den schwersten Stunden seinen Geist ermutigt hatten. Seitdem verspeist er an jedem 18. Januar einen Falafel, um zu feiern, dass er am Leben ist.

Was hat Ihnen dabei besonders imponiert?
Dugo isst so viele Falafel, dass er nie wieder hungrig sein wird, und das ist sein persönlicher Triumph. Die Kinder erinnern sich zwar an die Schoa, aber mit einem zuversichtlichen »Wir sind da«.

Wie sind Sie auf die Idee für eine solche Aktion gekommen?
Nachumi Rosenblatt, unser Abteilungsleiter, hat bereits vor Jahren von dieser Aktion in Israel erfahren. Aber wegen Corona konnten wir sie hier nicht umsetzen. In den vergangenen Monaten war die Lage etwas entspannter, sodass wir sie nun initiieren konnten. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr noch mit mehr jüdischen Gemeinden feiern und gemeinsam Falafel essen, um an Dugos Geschichte erinnern zu können.

Was können die Kinder daraus lernen?
Jeder Zeitzeuge hat eine individuelle Geschichte und Erfahrung. Sie und wir lernen aus ihrer Vergangenheit. Gleichzeitig wollen wir auch in die Zukunft schauen. Wir erleben Dugo nicht, aber wir begegnen ihm im übertragenen Sinne und beschäftigen uns mit seinem persönlichen Schicksal. Die »Aktion Dugo« macht seine private Tradition zu einer öffentlichen, an der wir alle teilnehmen können.

Gibt es Materialien für Schulen und Jugendzentren?
Das Kinder-, Jugend- und Familienreferat macht sich immer wieder Gedanken, wie man Schulen und Jugendzentren unterstützen kann, die Mitarbeiter erstellen altersspezifische Lehrmaterialien. Hinzu kommen Fragestellungen, die mit den Kindern diskutiert werden. Auf diese Weise durchläuft man Dugos Überlebensgeschichte. Dazu werden historische Erläuterungen angeboten. Die Jugendzentren können die Peulot mit den Materialien gestalten.

Wenn die Kids und Jugendlichen in Zukunft Falafel essen, werden sie an Dugo denken?
Definitiv. Ich habe darüber nachgedacht, dass ich mich, wenn ich einen Falafel-Stand sehe, an Dugo erinnern werde. Beim Essen noch mehr. Die Schüler werden auch gebeten, Briefe zu schreiben und ans Beit Haedut (Testimony House) nach Israel zu schicken, wo sie dann weitergeleitet werden. Oder sie zeichnen etwas, was sich bei ihnen besonders eingeprägt hat. Beit Haedut hat 2016 die Dugo-Aktion ins Leben gerufen.

Wie fing es an?
Es fing ganz klein an und wurde immer größer und bekannter, sodass sogar 2019 der damalige Präsident Israels, Reuven Rivlin, mit Dugo zusammen Falafel im Machane Yehuda Shuk aß. Ganz wichtig ist in diesen Zeiten, dass man sich draußen treffen kann, eine Pita isst und sich mit seiner Geschichte beschäftigt. Wer war Dugo? Was macht Dugo? Das ist schon etwas Besonderes. Man kann zusammen seinen Sieg über die Nazis feiern – und auch unser Leben.

Wie viele Falafel wurden während der Dugo-Aktion hier in Deutschland verspeist?
Sehr, sehr viele, denn etliche Jugendzentren, aber auch weitere Gemeindeabteilungen und Schulen haben sich an diesem Tag beteiligt, andere haben die Aktion um ein paar Tage verlegt, damit die Jugendzentren geöffnet sind. Wir haben schon am ersten Tag Fotos unter anderem aus Hannover, Berlin, Augsburg und Dortmund erhalten, aber auch von der I. E. Lichtigfeld-Schule aus Frankfurt, auf denen Teilnehmer von Jung bis Alt abgebildet sind, die ein Schild mit der Aufschrift »Aktion Dugo – Am Israel Chai« hielten. Mitarbeiter des ZWST-Büros und Studierende haben sich zu Hause unter Corona-Bedingungen getroffen, auch die Madrichim und Madrichot der Ferienfreizeiten, ebenso Familien mit ihren Kindern. Und sich dabei an den Holocaust-Überlebenden erinnert.

Die Teilnehmer sollten ein Selfie machen, mit dem dokumentiert wird, dass sie gerade Pita essen. Kamen viele Fotos im Kinder-, Jugend- und Familienreferat der ZWST an?
Oh ja, 100 Fotos waren alleine innerhalb weniger Stunden da.

Mit der Mitarbeiterin im »Achtzehnplus«-Projekt des Kinder-, Jugend- und Familien- Referats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sprach Christine Schmitt.

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